Ihr Vater war Schauspieler und Dachdecker, Bühnenbildner und Töpfer. Ihre Mutter ein Model und eine geschickte Schneiderin. Vor 64 Jahren eröffneten sie ein Atelier in der Mittleren Gasse. «In meinem Geburtshaus», sagt sie, «doch schon bald mussten wir raus.» 

Mit dem Adresswechsel gab es auch einen Konzeptwechsel. Hatten die Eltern im Atelier noch hauptsächlich Kurse angeboten, setzten sie jetzt auf einen eigentlichen Laden. Einen Materialladen. Der Vater designte Schmuck aus Kupfer und Keramik, belieferte unter anderem Jelmoli, er töpferte viel, bastelte und fertigte kunstvolle Wappenscheiben an. Und sämtliche Materialien, die er benötigte, konnte man im Laden kaufen. Und noch viele, viele mehr. 

Natürlich half sie schon früh im Laden mit. Es gab auch noch zwei Lehrtöchter. Aber das ist lange her. Heute führt sie das Familienlädeli alleine. Zwischendurch hilft eine Freundin aus, und jeweils am Samstag bedient ihr Sohn. In Militärstiefeln. Das schreckt Diebe ab.

Wenn man durch die Türe kommt, klingelt eine kleine Kuhglocke, und die Augen werden grösser. Nicht zu fassen, was es da auf engstem Raum alles zu sehen gibt. Allein die Malfarben nehmen zwei Regale ein. Engelfiguren ein weiteres. Auf dem Bürotisch steht ein Bild von Michael Jackson, über der Stuhllehne hängt eine Perücke, an der Wand Zettel, Postkarten, Notizen, Federn, eine aus Holz geschnitzte Hexe mit fiesen Zähnen. Eine selbst gebastelte Puppe trägt Haare, die aus der Mütze des vor einigen Jahren verstorbenen Vaters gefertigt sind. 

Dieser Laden ist über Jahrzehnte gefüllt worden mit Miniaturen, Kunstwerken, Bastelmaterial und Geschichten. Eine gibt es zu dem antiken Holzwägelchen zu erzählen, das unscheinbar, fast unsichtbar, begraben unter anderen Dingen, im Laden steht. Der Vater erstand es spontan an einer Tankstelle im Tessin, als sie, unterwegs in die Familienferien, tanken mussten. Mitnehmen konnte er das massive Bergwerk-Wägelchen allerdings erst später, nach den Ferien. Und die Tochter durfte mit, über den Gotthard, und für diese Aktion ausnahmsweise die Schule schwänzen. Das gab es sonst nie. Sogar wenn sie krank war, schickte der Vater sie zur Schule.

Wie heisst dieser Laden, dessen Chefin eine wahre Künstlerin der filigranen Miniatur ist. Eine getriebene Tüftlerin und Ideenlieferantin, die noch alles von Hand macht. Jeden Beleg, jede Rechnung, jede Visitenkarte?