Der Schulweg zu Fuss ist für viele Kinder längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Laut einer Studie des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts Swiss TPH in Basel steigt die Anzahl der Kinder, die im Eltern-Taxi zur Schule kommen. Der Prozentsatz der Schüler, die mindestens einen Weg mit dem Auto gefahren wurden, stieg zwischen 1994 und 2005 von 9,9 auf 13,8. Laut VCS wird jedes zehnte Kind in die Schule chauffiert.

In den meisten Fällen gut gemeint, stösst die Praxis der Eltern-Taxi aber auf harsche Kritik. Insbesondere die Parkgewohnheiten sind ein gefährliches Ärgernis. In Gebenstorf sind die Schulanlagen Brühl, Vogelsang, Dorf sowie der Kindergarten Rieden betroffen. «Oft stehen Autos bei laufendem Motor vor dem Schuleingang, auf der Strasse und mitten auf den Trottoirs», erklärt der Gemeindeschreiben Stefan Gloor. «Das bringt nicht nur Verkehrsbehinderungen mit sich, sondern schafft auch gefährliche Situationen sowohl für Kinder als auch nachfolgende Automobilisten.» Deshalb lancierte die Gemeinde im letzten Jahr sogenannte Halteverbotslinien rund um die Schulhäuser, auf denen nicht parkiert werden darf.

Nur geringfügige Verbesserung

Die Regionalpolizei Untersiggenthal war dazu aufgefordert, mit regelmässigen Kontrollen dafür zu sorgen, dass Eltern-Taxis korrekt parkierten, laut Gloor gebe es dazu in der näheren Umgebung des Schulhauses genügend Möglichkeiten. Man setzte auf Verwarnungen, Bussen gab es nur im Notfall.

Der Erfahrungswert nach rund sechs Monaten ist ein positiv verhaltener. «Wir sind noch nicht so weit, wie wir möchten», erklärt Gloor. Der Chef der Regionalpolizei, Patric Klaiber, weiss von Autos zu berichten, die für einen Schulweg von 50 Metern in Betrieb genommen werden. «Zum Teil wird auf unsäglichen Stellen angehalten, so dass andere Kinder gefährdet sind,» erklärt Klaiber. Eltern-Taxis seien ein gesellschaftliches Phänomen: «Sie können nicht abgeschafft werden. Es fehlt an der Einsicht der Eltern.» Selbst ein einsichtiges Verhalten bewirke noch keine Änderung der Gewohnheiten. Auch Bussen seien da nur bedingt erfolgreich.

Der Schulleiter von Gebenstorf, René Keller, attestiert eine leichte Besserung der Situation. Dennoch hätte er «am liebsten gar keine Eltern-Taxis mehr». «Man nimmt den Kindern etwas weg, nämlich die Chance, im eigenem Tempo den Schulweg aus eigener Kraft zu bewältigen und so selbständig zu werden. Ausserdem schafft man neue gefährliche Situationen für andere Kinder.» Die Eltern würden die Situation ihrer Parkiermanöver oft unterschätzen, erklärt er. Sie halten quasi vor der Tür, reizen damit andere Verkehrsteilnehmer zu Reaktionen und riskanten Manövern an unübersichtlichen Stellen.»

Selbständigkeit versus Protektionismus

Denn was viele Eltern nicht wissen: Erst ab 10 Jahren entwickelt ein Kind die Kompetenz, Geschwindigkeiten annährend richtig einzuschätzen. Bei einem Erstklässler ist das Blickfeld erst zu etwa 70 Prozent ausgebildet.

Befürworter von Eltern-Taxis in Gebenstorf geben an, der Schulweg sei für ihr Kind zu weit oder zu unsicher. Laut Schulleitung ist ein Schulweg von maximal 1,5 Kilometern aber zumutbar, ausserdem wird bei der Klasseneinteilung darauf geschaut, dass Kinder aus demselben Quartier den gleichen Schulweg hätten.

Dass ein Schulweg frei von Gefahren sei, sei Wunschdenken. «Ein Schulweg kann nicht hundertprozentig sicher sein, die Gefahren sind da, aber ein Kind sollte lernen, Gefahren richtig einzuschätzen und seine Verkehrskompetenz zu erwerben», erklärt Klaiber. Er rät den Eltern, mit ihrem Kind übungshalber den Schulweg ein paarmal abzugehen, auf eventuelle Gefahren hinzuweisen und ihm die entsprechenden Verhaltensmuster beizubringen.

Was ist aber der Grund für den elterlichen Taxi-Dienst? Polizist Klaiber sieht darin ein gesellschaftliches Phänomen, es fehle an der Zeit, mit Kindern den Schulweg zur Angewöhnung abzulaufen oder es zu begleiten, und wünscht sich von der Elternschaft «mehr Einsicht». Stefan Gloor warnt vor falscher «Überbehütung» der Kinder. «Der Schulweg ist gesund, ein Ausgleich für das lange Sitzen und wichtig für die persönliche Entwicklung der Kinder. Er ist auch ein Ort wichtiger und sozialer Erfahrungen.»