Döttingen/Würenlos
Sexdate-Fall: «Schulpflege und Schulleitung müssen mehr Referenzen einholen»

Immer wieder werden Fälle von Grenzüberschreitungen bis hin zu Sexualstraftaten von Lehrpersonen bekannt. Schulpfleger Franco Corsiglia sagt im Interview, wie sich Schulen besser vor Lehrern wie K. N. schützen können.

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Franco Corsiglia, Präsident des Verbandes der Aargauischen Schulpflegepräsidentinnen und -präsidenten (VASP)

Franco Corsiglia, Präsident des Verbandes der Aargauischen Schulpflegepräsidentinnen und -präsidenten (VASP)

Aargauer Zeitung

Der Fall des Lehrers K. N. (Initialen geändert), der in Würenlos und Döttingen freigestellt wurde, ist kein Einzelfall. Immer wieder werden Fälle von Grenzüberschreitungen bis hin zu Sexualstraftaten von Lehrpersonen bekannt. Franco Corsiglia ist seit rund vier Jahren Präsident des Verbandes der Aargauischen Schulpflegepräsidentinnen und -präsidenten (VASP). Seit 2006 ist er Schulpflegepräsident in Wohlen. Und seit August letzten Jahres ist er Schulleiter der Kreisschule Oberstufe Unteres Aaretal. Jene Schule also, an der K. N. vor über zwei Jahren unterrichtete.

Herr Corsiglia, seit wenigen Monaten sind Sie Schulleiter der Kreisschule Unteres Aaretal, haben Sie von den Vorkommnissen um Lehrer K. N. gewusst?

Franco Corsiglia: Nein, definitiv nicht. Das ist aber auch nicht üblich und auch nicht notwendig, da es sich für die Schule um einen abgeschlossenen Fall handelt.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie gestern die Zeitung und den Bericht über die Kreisschule lasen?

Ich habe es natürlich nicht erst aus der Presse erfahren, sondern man hat mich über den Fall ins Bild gesetzt. Aber grundsätzlich tut es mir für jede Schule weh, die es mit Fällen von Grenzüberschreitungen, sexuellen Übergriffen oder schlimmer, mit Straftaten durch Lehrpersonen zu tun bekommt.

Wird man an der Kreisschule die Vorfälle noch aufarbeiten?

Das denke ich nicht, da der Fall für uns abgeschlossen ist. Sicher wird das Dispositiv nochmals geprüft, um künftige Fälle dieser Art weitgehend vermeiden zu können. Die Schule hatte ja bereits damals erste Konsequenzen getroffen, indem jede Bewerberin und jeder Bewerber zwingend einen Strafregisterauszug vorlegen muss.

Im Fall von K. N. hat man erst nach seiner Einstellung einen Strafregisterauszug verlangt, den er aber nie vorlegte. Hätte die Schulpflege hier hartnäckiger sein sollen?

Wie mir bekannt ist, wurde der Lehrer ja bereits freigestellt, deshalb erübrigte sich dann wohl der Strafregisterauszug. Aber wenn eine Lehrperson den Auszug nicht liefert, hat die Schulpflege, denke ich, die Möglichkeit, der Lehrperson ein Ultimatum zu stellen.

Trotzdem: Eine Lehrperson kann ein sauberes Strafregister haben, aber im Umgang mit Kindern und Jugendlichen Grenzen überschreiten. Muss sich eine Schulpflege nicht besser absichern, wenn sie eine Lehrperson einstellt?

Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht – weder im Schulbereich, in der Verwaltung oder der Privatwirtschaft. Da müssen wir realistisch sein. Deshalb ist es auch zwingend, dass man bei einem Einstellungsverfahren mehrere mündliche Referenzen einholt bei verschiedenen Vorgängerschulen. Das geschieht heute teilweise nach wie vor zu wenig. Da besteht seitens der Schulpflegen als auch der Schulleitungen sicher noch Verbesserungspotenzial. Auf der anderen Seite setzt das aber auch voraus, dass die Auskunftspersonen ehrlich Auskunft geben, wenn etwas vorgefallen ist. Dasselbe sollte auch bei den Arbeitszeugnissen gelten.

Wie meinen Sie das?

Generell ist die Haltung, dass man Arbeitszeugnisse positiv und wohlwollend formuliert. Das ist im öffentlichen Bereich so, aber auch in der Privatwirtschaft. Diese Haltung müsste man mal diskutieren und überdenken. Es sollte doch möglich sein, in einem Arbeitszeugnis auch negative Aspekte zu thematisieren, selbst auf die Gefahr hin, dass die betroffene Person keine Stelle als Lehrperson mehr findet.

Sie sagten, eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht. Was müssen Schulleitung und Schulpflege tun, wenn Lehrpersonen Grenzen überschreiten?

Grundsätzlich gilt bei Grenzüberschreitungen sexueller Art aber auch bei Gewaltanwendung für jede Schule das Prinzip der Null-Toleranz. Wenn es zu Meldungen seitens der Schüler kommt, muss die Schule sprich Schulführung diesen bis auf den Grund nachgehen. Für solche Fälle hat praktisch jede Schule ein Krisenkonzept und es gibt Anlaufstellen, bei denen sich Schulen Hilfe holen können.

Die Schulpflege wandte sich damals an die Kinderschutzgruppe. Welche anderen Anlaufstellen empfehlen Sie?

Gerade, wenn es um die Frage geht, ob eine Lehrperson tatsächlich eine Grenze überschritten hat, kann sich die Schulpflege beispielsweise an uns als Verband wenden, einen Juristen ihres Vertrauens, das Inspektorat, den Bezirksschulrat oder den Rechtsdienst des Bildungsdepartements kontaktieren.

Die Kreisschulpflege hatte im Fall von K. N. beantragt, dass er auf die «Schwarze Liste» der Erziehungsdirektorenkonferenz kommt. Der Kanton kam diesem Antrag nicht nach. Wünschen Sie sich seitens Kanton mehr Unterstützung in solchen Fällen?

Ob dem BKS ein Antrag vorlag, ob dieses einem solchen Antrag nachgekommen ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Aufgrund meiner langjährigen Tätigkeit als Schulpflegepräsident von Wohlen und als VASP-Präsident bin ich überzeugt, dass der Kanton die Schulpflegen ausreichend unterstützt. Im Fall von K. N. lag in der Schweiz, so viel ich weiss, aber auch kein rechtsgültiges Strafurteil auf dem Tisch.

Aber die Recherchen eines Schulleiters zeigten, dass K. N. in Deutschland wegen sexuellen Missbrauchs an seiner Tochter verurteilt wurde. Wären Schulpflege und Kanton da nicht in der Pflicht, dies abzuklären?

Ich weiss nicht, wie die Abläufe damals waren. Wer was, wann und wie abgeklärt hat und kann daher dazu nicht mehr sagen. Aber grundsätzlich muss man zwingend melden, wenn solche Unterlagen vorliegen oder man davon Kenntnis hat.