«Du bist in Anna verliebt!» oder «Kevin geht mit Laura!» hört man auf den Pausenplätzen und in der Schulstunde. Gegen diese kindlichen Unterstellungen beschweren sich die Schülerinnen und Schüler nicht selten bei den Lehrpersonen. «Wenn oft vom Verliebtsein geredet wird, dann nehme ich das Thema im Unterricht auf», so eine 1.-Klass-Lehrerin. «Ich sage, dass Verliebtsein etwas Schö-nes ist und dazugehört.» Man merke schnell, welche Themen die Kinder faszinieren und interessieren.

Altersgerechte Antworten

«Wir greifen das Thema Sexualität in der Unterstufe nicht explizit auf», sagt Thomas Basler, Schulleiter der Primarschule Oberrohrdorf. «Aber wenn die Kinder Fragen stellen, dann soll man ihnen altersgerecht antworten.» Genauso sieht es auch Lisa Lehner, Schulleiterin in Rütihof. Sie erwähnt noch das Ich-Buch, das in der Primarschule gebraucht wird. «Darin zeichnen und beschreiben Kinder ihren Körper, Gefühle und die Familie. Die Kinder sollen sich selber wahrnehmen, was bin ich, was habe ich.»

Im Kindergarten kämen nur wenige Fragen bezüglich Sexualität. In der Unterstufe gehe es oft um Nähe und Distanz. Während in der Mittelstufe schon gekichert werde, wenn ein Katzenschwanz oder die Note 6 erwähnt werden. «Da merkt man, dass mit den Kindern etwas geschieht», sagt Basler. Einig sind sich die Lehrpersonen, dass Unterlagen oder Bücher zum Umgang von Kindern und Sexualität hilfreich wären. «Es wäre gut, wenn man etwas in der Hand hätte, um spontan auf gewisse Themen zu reagieren», sagt eine Lehrperson. «Denn ich muss mich sonst immer auf die eigene intuitive Antwort verlassen.»

Die Diskussion um Aufklärung im Kindergarten und in der Unterstufe gipfelte letzten Herbst in einer Petition «Gegen die Sexualisierung der Volksschule». Die Petitionäre befürchteten, dass Kinder in der Schule mit sogenannten Sexkoffern in die Sexualität eingeführt würden. «Dahinter stecken falsche Vorstellungen von der schulischen Sexualerziehung», sagt Rainer Kamber von der Stiftung Sexuelle Gesundheit Schweiz. «In der heutigen Zeit, in der Sexualität allgegenwärtig ist, sind die persönlichen Kompetenzen im Umgang damit wichtig. Das kann man nicht einfach ignorieren.»

«Es geht um Selbstbestimmung»

Zusammen mit verschiedenen Lehrer- und Gesundheitsverbänden wehrten sie sich gegen die Forderung konservativer und religiöser Kreise, auf obligatorischen Sexualkundeunterricht zu verzichten. «Wir fordern einen Rahmen für die Sexualerziehung auf allen Stufen», sagt Kamber. «Für uns geht es um Qualität bei diesem Thema.»

Sexualerziehung werde von den Erwachsenen oft falsch verstanden. «Es geht darum, mit Kindern über Selbstbestimmung und positive und negative Körpererfahrungen zu sprechen und nicht um eine Anleitung für Sex.» Dabei steht auch der Respekt vor anderen Menschen im Zentrum. «Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf, das Wissen und die Fähigkeiten zu erwerben, die für eine selbstbestimmte Sexualität wichtig sind.» Das wirke auch sexueller Gewalt und Ausbeutung entgegen, erklärt Kamber. Sexualerziehung könne man nicht nur den Eltern überlassen. «Wir bestreiten die wichtige Rolle der Eltern nicht. Aber aus vielen Studien wissen wir, dass bis zur Hälfte der Jugendlichen nicht mit den Eltern über Sexualität spricht.»