November. Kalte Tage. Viel Nebel. Kein Wunder sprechen viele Menschen von der «November-Depression». Wer sich solchen Gefühlen bis jetzt nicht stellen musste, ist entweder einfach ein Glücklicher – oder war am Samstagabend nicht im Thik, wo der deutsche Kabarettist und Slam-Poet Nico Semsrott (31) als Demotivationstrainer alles daran setzte, dass sich der Hinterst und Letzte nach der Aufführung mies fühlte. Am Erfolg seines Vorsatzes muss leider anhand der vielen Lacher und der aufgekratzten Stimmung gezweifelt werden.

Demotiviert und antriebslos eröffnete Semsrott das Programm im ausverkauften Thik. Doch gerade das verlieh seinen Pointen die zusätzliche Note: «Ich bin am 11. März 1986 zur Welt gekommen. Das Datum setzt sich zusammen aus dem Jahrestag der Fukushima-Katatrophe und dem Jahr, als Tschernobyl in die Luft ging.»

Schnell wurde aber klar, dass sich Semsrotts Repertoire nicht in Pointen erschöpft, sondern dass dieser junge Mann sehr viel Gesellschaftliches und Politisches mitzuteilen hat. Kein Wunder, führte er bei der Bundestagswahl 2017 als Spitzenkandidat die Berliner Landesliste der Partei «die Partei an», die prompt 2,1 Prozent der Stimmen erreichte. Sein Wahlplakat, das ihn liegend im Bett und dem Slogan «hier liege ich richtig» zeigte, wurde Kult. Geschickt verstand es Semsrott, das Publikum von Anfang an für sich zu vereinnahmen. «Ich will glaubwürdig sein als Demotivationstrainer. Immer wenn ich also selber ab einer Pointe lachen muss, zahle ich 10 Franken in die Kasse der jungen SVP» – grosses Gelächter im Saal.

Dem Chronisten bestätigte dies, dass diese Art von Kultur vorwiegend von links denkenden Menschen konsumiert wird. Was gibt es Schöneres, als unter seinesgleichen einen Abend zu verbringen und vom Künstler genau die Pointen vorgesetzt zu bekommen, die einen in seinem Menschenbild bestätigen.

Rassisten aufs Korn genommen

Wobei gesagt werden muss, dass man an diesem Abend kein «linker Socke» sein musste, um sich köstlich zu amüsieren – und ja, auch die SPD bekam ihr Fett weg. Semsrott prangerte in erster Linie Fanatiker und Rassisten an – wozu für ihn Islamisten ebenso gehören. Je näher die Pause kam, desto politischer wurde Semsrott. So zeigte er zum Beispiel auf, dass in den USA mehr Menschen durch Kinder und umherliegende Waffen denn durch Morde ums Leben kommen.» Im Saal wurde es immer stiller, Lacher waren die Ausnahme. Für Demotivationstrainer Semsrott der ideale Zeitpunkt für die Pause. «Endlich habe ich Sie da, wo ich Sie haben wollte.»

Die Widersprüche in uns

Im gleichen Stil ging es nach der Pause weiter. Wie ein roter Faden zog sich dabei das Thema Widersprüche durch sein Programm, die er in erster Linie auch bei seiner eigenen Persönlichkeit ortet. «Auf älteren Fotos sehe ich immer jünger aus.» Apropos Fotos: Er werde in letzter Zeit oft zu Hochzeiten eingeladen und staune immer wieder, mit wie viel Aufwand die Hochzeitspaare ihre eigene Liebesgeschichte dokumentieren – sogar vom ersten Treffen würden sich Fotos finden. «Wie funktioniert das!?» Überhaupt seien Hochzeiten und die damit zusammenhängenden Junggesellenabschiede ein Gräuel. «Nach drei Hochzeiten musste ich jetzt Privatinsolvenz anmelden.» Das Schlimme sei, dass man sich aus solchen Hochzeiten nicht einfach herauskaufen könne. «Nein, man wird dazu genötigt, bei irgendwelchen Videos und Fotobuch-Projekten mitzuwirken. Also wenn ich mal heirate, dann nur aus Rache.» Doch diese Wahrscheinlichkeit sei eh klein, dass dies geschehe, obwohl er auf der Partnervermittlungsbörse Parship sei. «Ich glaube, ich bin der Einzige dort.»

Nach ein paar weiteren Kalauern wurde Semsrott gegen Ende des Programms wieder tiefgründig und nachdenklich. So kam er unter anderem auf das Thema Wohlstand und die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich zu sprechen. «Wie wird man reich?», so seine rhetorische Frage. «Ich kann nur sagen, Augen auf bei der Familienwahl!»; die Lacher hielten sich dieses Mal in Grenzen – lags wohl daran, dass sich viele der Anwesenden indirekt angesprochen fühlten? Weiter kam Semsrott auf das Thema Tod zu sprechen. «Ab wann ist man tot? Wenn man hirntot ist? Dann gäbe es aber nur noch rund vier Millionen Schweizer» – das sage er natürlich analog auch über die Deutschen. Im gleichen Zug gab sich Semsrott entwaffnend offen: «Das Schöne ist, ich kann von der Kapitalistenkritik leben.»

Ein ganz grosses Thema, das Semsrott beschäftigt, ist die Diskrepanz zwischen Fiktion und Realität. Als bestes Beispiel dient ihm dabei Youporn. «Wieso gibt es nicht ein Youporn des Scheiterns, wo man sieht, wie jemand nicht kommt oder nicht mal reinkommt?» Er selber beschreibt sich übrigens als absolute Null im Bett. «Das Gute an dieser Aussage: Sie zeigt, dass ich noch Sex habe.» Zuletzt kam Semsrott auf unsere Erfolgs- beziehungsweise Scheingesellschaft zu sprechen. «Es geht nur noch ums Image. Jeder tut so, als habe er alles im Griff und glänze durch Leistung.» Dabei geniesse die Faulheit völlig zu Unrecht einen schlechten Ruf: Mit etwas mehr Faulheit hätte es viele Kriege nicht gegeben. «Habe keinen Bock, zu schiessen. Schiesst Du? Nö.»