Es ist kurz nach halb acht, das Bistro «Hirsch» am Ufer der Limmat ist bis auf den letzten Platz besetzt. Bereits zum zweiten Mal hat der Verein «Traktandum 1» zum Stammtisch geladen – die Idee: eine Regionalstadt. Dafür wagen an diesem Abend der Ennetbadener Journalist Urs Tremp und der bekannte Badener Historiker Bruno Meier einen Blick zurück in die bewegte Geschichte zwischen Baden und Ennetbaden.

Totenprozession spaltete Gemüter

Es soll an diesem Anlass nicht über Fusionen geschwärmt werden, wie Meier gleich zu Beginn festhält. Denn diese sind momentan einem bissigen Gegenwind ausgesetzt. Meier: «Wir wollen über Gemeinsamkeiten der beiden Gemeinden sprechen.» Dabei sind es teils amüsante und manchmal auch ernste Erzählungen, die der Besucher zu hören bekommt. So erzählt Urs Tremp von einem Zwist, der aufgrund der gemeinsamen Kirchgemeinde entstand.

Beide Gemeinden nutzten deswegen über längere Zeit denselben Friedhof, der früher noch bei der Bruggerstrasse lag, was zu allerlei Streitigkeiten führte. Denn die Leichen wurden damals in einer Prozession zum Grab getragen. Der Weg führte von Ennetbaden mitten durch das Badener Kurgebiet: «Stellen sie sich eine solche Aussicht während der Genesung vor», sagt Tremp.

Die Badener wollten ein Verbot erwirken, jedoch gab es ein medizinisches Gutachten, dass solche Prozessionen für die Gesundheit unbedenklich seien. So führten die Trauerzüge weiterhin durch das Gebiet. «Man hat sich gepiesackt zu jener Zeit», sagt Tremp, «es gab auch eine stinkende Gerberei in Ennetbaden, die für die Kurgäste zur Tortur wurde.»

Industrie und Kurort, das geht

Die Beziehung zwischen den beiden Gemeinden hat jedoch eine lange Tradition. Bereits vor 2000 Jahren errichteten die Römer die erste Brücke über die Limmat. «Die Überreste der Pfeiler können noch heute im Melonenschnitz begutachtet werden», sagt Meier. Auch die Industrialisierung spielte eine tragende Rolle bei der Zusammenarbeit. Meier: «Die Industrie ist im Prinzip die Antithese zu einem Kurort.»

Trotzdem gab es auch Symbiosen: Der Fabrikant Oederlin besass ein kleines Wasserkraftwerk und ging mit dem Hotelier Bruno Saft am anderen Flussufer einen Deal ein – denn dieser brauchte Strom: «Es wurde ein Draht hinüber gezogen und Oederlin liess nach Arbeitsschluss den Generator laufen», sagt Meier.

Somit erhielten die Badener als zweites Hotel der Schweiz elektrisches Licht. «Hier zeigt sich die gelungene Zusammenarbeit zwischen Kurort und Industrie», sagt der Historiker, «ich hoffe das animiert, um sich mit der Gegenwart auseinanderzusetzen.»