«Ach wenn ich doch die deutsche Sprache besser beherrschen würde, dann könnte ich eine bessere Schule besuchen oder mich sogar an einer Universität einschreiben», sagt Layla Al Salloum bedrückt. Ihre Aussprache verrät, dass sie noch nicht lange in der Schweiz lebt. Trotzdem zeugen ihre beinahe fehlerfreien Sätze davon, dass sie ein gutes Sprachgefühl besitzt.

Die Aussage der 25-Jährigen, die mit ihrer Familie vor 18 Monaten aus Damaskus in die Schweiz geflüchtet ist, wird von der Playback-Theatergruppe Gehdicht szenisch dargestellt. Sobald die Trommel ertönt, versuchen vier Schauspieler des Theater-Ensembles, den inneren Konflikt der jungen Frau in Paarform mit grossen Gesten, viel Ausdruck und möglichst wenig Worten zu inszenieren.

Die zwei «Gehdicht»-Schauspielerinnen Pia Steiner und Andrea Küng verkörpern Al Salloums sprachliches Handicap, indem sie sich unsicher, fragend und mit ernster Miene den Mund mit den Händen zuhalten. Die anderen beiden Darstellenden Alice Lüps und Klaus Runge zeigen die Freude, die Al Salloum verspüren würde, wenn sie an eine andere Schule gehen könnte.

Übersetzerinnen an Proben

Layla Al Salloum besuchte vergangenen Sonntag mit ihrer jüngeren Schwester Rahaf die Proben der Theatergruppe in Lenzburg. Die beiden Schwestern fungieren am Playback-Theater «Touch Base with someone», das am 25. November im Kulturlokal Royal in Baden stattfindet, als Übersetzerinnen. Sie werden die Anweisungen von Josefine Krumm, der Moderatorin und Leiterin der Playback-Theatergruppe Gehdicht, ins Arabische übersetzen und so den arabischsprechenden Anwesenden verständlich machen.

Weshalb ein improvisiertes Theater überhaupt proben muss, weiss Josefine Krumm: «Improvisation bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern erfordert regelmässiges Training.» Der Ablauf des Theaters sei fix. Einzig die Formen, mit welchen sie das Programm füllen würden, seien spontan. «Gehdicht» probt zwei Mal im Monat. Vor Auftritten führt das Ensemble Zusatztrainings durch.

Organisiert wird der Anlass am kommenden Mittwochnachmittag vom Verein Netzwerk Asyl Aargau. Eingeladen sind Asylsuchende und interessierte Einheimische. Im Zentrum der Veranstaltung stehen Erzählungen von Flüchtlingen. Asylsuchende haben während des 90-minütigen Anlasses die Möglichkeit, dem Publikum und den Schauspielern zu berichten, wie es ihnen in der Schweiz ergeht und wie sie sich fühlen.

Die Mitglieder des Ensembles lauschen den Geschichten und würdigen sie, indem sie zu den Erzählungen kurze Theaterszenen improvisieren. «In den 90 Minuten möchten wir Begegnungen schaffen und Zeugen von Geschichten werden», erklärt Krumm.

Es sei für die Asylsuchenden wichtig, dass man ihnen zuhöre, ihre Erzählungen ernst nehme und Zeugenschaft ablege. «Das Interesse an ihren Geschichten gibt den Flüchtlingen Hoffnung und ermutigt sie, weiterzumachen», sagt sie. Wichtig sei es, dass die Schauspielenden die Erzählungen genau verfolgen und gut zuhören würden. «Es geht nicht darum, eine wortreiche Geschichte szenisch umzusetzen, sondern das Herz einer Geschichte, auch wenn sie ganz kurz ist, zu erfassen.»

Die 10-köpfige Truppe, die im Februar 2016 ihr 7-jähriges Bestehen feiern kann, freut sich auf den Auftritt im «Royal». Es werde die fünfte Aufführung im Rahmen des Projekts «Touch Base with someone» sein, so Krumm. Zuvor sind sie bereits in Aarau, Aarburg, Rupperswil und Erlinsbach auf der Bühne gestanden.

Auch die Organisatoren freuen sich auf die Veranstaltung. Das «Royal» sei ein toller Ort, an dem die nötige Infrastruktur für ein Theater gegeben sei, findet Patrizia Bertschi, Präsidentin von Netzwerk Asyl Aargau. «Ich bin gespannt, wie viele der Asylsuchenden aus der Region mitmachen und uns einen Teil ihrer Geschichte preisgeben werden.»

Durch das Erzählen könnten die Flüchtlinge ihre Erlebnisse ein Stück weit verarbeiten. Sie hoffe, dass die Leute nach dem Anlass zufrieden nach Hause gehen werden.

Playback Theater Mi, 25. 11., 14 Uhr im «Royal» in Baden