Bergdietikon

Sie will den Tierschutz sexy machen

Katrin Villinger aus Bergdietikon macht Tiere aus Pappmaché und spendet die Erlöse an eine Tierschutzorganisation.

Die Künstlerin Katrin Villinger passt nicht so richtig in das idyllische Bild von Kindhausen. Ihre Garage ist mit grossflächigen, farbenfrohen Graffiti verziert, ihre Wohnung vollbepackt mit Deko-Artikeln, Bildern und Figuren. Fast unscheinbar steht sie in ihrem grossen, bunten Daheim. Villinger ist schlicht in einer grauen Latzhose gekleidet.

Sie zeigt auf ihre Kleidung und sagt: «Ich musste mich schnell umziehen. Mit dem Hosenanzug wollte ich nicht fotografiert werden.» Tagsüber in der doch eher trockenen Versicherungswelt zu arbeiten, reiche ihr. Zu Hause lege sie diese Facette ab, sagt die 54-Jährige.

Sie ist Brokerin in einer internationalen Firma. «Das klingt so nach Hollywood. Eigentlich bin ich Unternehmens-Beraterin im Versicherungswesen.» Als Brokerin betreut und berät Villinger Grosskunden ab 500 Mitarbeitern, damit diese ihren Unternehmenszielen näher kommen. «Der Job ist sehr interessant, jedoch brauche ich einen Ausgleich», sagt sie. Zu Hause in Bergdietikon ist die Brokerin dann kreativ und lebt sich komplett aus.

Seit vier Jahren hat Villinger aus einem ihrer Hobbys mehr gemacht: Sie stellt Tierfiguren aus Pappmaché, Keramik oder Fimo her und nennt das «Papp- und Poppart». Danach verkauft sie die Figuren an Spender der Stiftung Tierbotschafter.ch in Birmensdorf.

«So habe ich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Ich kann mich kreativ ausleben, tue etwas Gutes und die Menschen bekommen etwas für ihre Spende zurück», sagt sie. Die Tiere sind mit einem Preis angeschrieben. «Ohne eine Angabe sind viele überfordert. Sie können nicht einschätzen, wie viel so etwas kosten könnte.»

Die Preise beginnen bei 20 Franken, je nach Grösse der Figur können diese bis zu 250 Franken kosten. «Das ist enorm viel Arbeit, aber das mache ich sehr gerne. Das ist mein Beitrag
an den Tierschutz. Die Materialien und die Zeit sind es wert. Ich will dabei nichts verdienen», erklärt die Bergdietikerin.

Die Stiftung Tierbotschafter.ch lebt von Spendengeldern und investiert diese dann in diverse Projekte: Sie retten beispielsweise Esel aus Touristen-Attraktionen, kastrieren Tiere oder helfen Strassenhunden, ein neues Heim zu finden. Seit fünf Jahren gehört Katrin Villinger zum Stiftungs-Team.

«Nur im Tierheim selbst möchte ich nicht arbeiten. Das ist mir zu viel, das halte ich nicht aus.» Sie engagiere sich lieber mit ihrer Kreativität. In den vier Jahren habe sie über 50 Figuren verkauft und damit mehr als 7000 Franken an Spenden eingenommen.

Etwas Stilvolles mit ein bisschen Glamour

An einer Figur arbeite sie zirka eine Woche, die kleineren würden zehn Stunden in Anspruch nehmen, bei den grossen können es bis zu 25 Stunden sein. «All diese Stunden investiere ich neben meinem Hauptberuf.»

Den Tag über ist Villinger damit beschäftigt, ein Team zu leiten. «Das scheint auf den ersten Blick sehr trocken, aber auch so einen Beruf kann man kreativ gestalten», sagt sie. Um diese Kreativität an den Tag legen zu können, habe sie mehrere Kurse besucht und drei Weiterbildungen absolviert.

«Mein Beruf und mein Hobby sind schwarz und weiss und ich brauche beides. So kann ich komplett abschalten.» In jedem Zimmer der mit Licht durchfluteten Wohnung stehen Villingers Figuren. Kleine, grosse, fertige und noch solche, die in Bearbeitung sind. Aber auch echte Tiere tummeln sich herum: Die Künstlerin hat zwei Jack Russell Terrier: Sirup und Bobby.

«Die beiden haben die komplette Wohnung eingenommen. Sie dürfen fast überall hin.»
Die 10- und 15-jährigen Hunde hat Villinger aus einem Tierheim adoptiert. Das sei der ausschlaggebende Punkt gewesen, sich für Tiere zu engagieren. «Als ich die Umstände gesehen habe, wusste ich, dass ich etwas tun muss.»

Geld zu spenden, sei ihr zu fade gewesen. «Seit ich denken kann, bin ich ein kreativer Mensch. Deshalb hat es sich angeboten, etwas in diese Richtung zu machen», sagt sie. Mit ihrer Arbeit wolle sie den Tierschutz sexy machen, «er ist ein wenig verstaubt».

Das Recycling-Thema stehe bei ihren Projekten auch im Vordergrund: Für die Figuren arbeitet die Künstlerin mit Zeitungen, pro Tier braucht sie bis zu fünf Exemplare der Limmattaler Zeitung. Auf ihrem Arbeitstisch liegen kleine goldene Papierfetzen, Glitzer und eine Schüssel mit Kleister. «Das sind meine Materialien. Ein bisschen Glamour muss sein, ich will etwas Stilvolles.»

Jede Figur ist ein Einzelstück. Die meisten Bestellungen sind einfach, die Kunden würden sich für ein Tier entscheiden und der Künstlerin dann freie Hand lassen. Doch Villinger habe auch anderes erlebt: «Manchmal ist es eine echte Herausforderung. Ich hatte Kunden, die eine Figur ihres eigenen Haustieres wollten.»

Das sei kompliziert gewesen, da die Künstlerin das Fell des Tieres imitieren musste. «Das hat aber sehr viel Spass gemacht und es ist mal was anderes als sonst.» Normalerweise arbeite sie ohne ein Bild. Die Bergdietikerin analysiert den Körperbau des Tiers und gestaltet es dann frei.

Manchmal helfe ihr Partner bei der Gestaltung. «Er ist eine willkommene Unterstützung», sagt sie. Seit 14 Jahren sind die beiden ein Paar. «Wir ergänzen uns sehr gut. Ich bin wie eine Dampfwalze, er ist da eher poetisch.»

Die Nachfrage steigt – auch dank dem veganen Trend

Auch wenn die Figuren nur ein Hobby sind, seien sie momentan sehr gefragt. Zurzeit würden mehr Bestellungen eintrudeln als noch vor einem Jahr. «Ich hoffe, dass Papp- und Poppart noch bekannter werden, damit mehr Spenden zusammenkommen», sagt die Künstlerin.

Die Nachfrage sei gestiegen, auch ihre Website würde immer öfter besucht. «Der Tierschutz wird immer populärer, auch dank der veganen Bewegung. Dadurch haben meine Projekte nun auch mehr Chancen.»

Gerade die Zeit nach den Sommerferien sei beliebt bei den Kunden: «Viele wollen die Figuren auf Weihnachten hin bestellen, um sie dann zu verschenken.» Sollte es mit den Bestellungen so weitergehen wie bisher, wird Katrin Villinger einen Teil der Arbeit auslagern müssen. «Das habe ich schon alles mit der Stiftung besprochen, wir sind bereit für alles, was kommt», sagt die Bergdietikerin.

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