Baden

Sie wollte als Forscherin in den Dschungel

Bevor Madeleine Rauch das Atelier ihrer Eltern an der Rathausgasse übernahm, war sie Lastwagenfahrerin in der Schweizer Armee.

Madeleine Rauch krempelt sich die Ärmel hoch, rückt sich die runde Brille zurecht und zieht die unterste Schublade einer der Schränke heraus. «Wenn man nicht so gross ist, muss man sich zu helfen wissen», sagt die 62-Jährige und steht auf den Rand der Schublade, um das weisse Stoffband auf dem obersten Tablar für eine Kundin herunterzuholen. Vor fast elf Jahren hat sie das Atelier Rauch in der Badener Rathausgasse von ihren Eltern übernommen. «Ich bin abergläubisch und habe fast nichts am Laden geändert», sagt Madeleine Rauch, während sie sich die weissen Haare hinter die Ohren streicht. «Wenn ich das Geschäft modernisiert hätte, wäre der Charme des Tante-Emma-Ladens verloren gegangen.»

Ihr ganzes Leben lang war Madeleine Rauch eng verbunden mit dem Atelier. Ihr Vater Heinz Rauch eröffnete es ein Jahr, bevor sie zur Welt kam. Damals noch an der Mittleren Gasse kreierte er Kupferschmuck und Töpfereien, die Mutter nähte Kleider und verkaufte sie im Laden. Als sie sechs Jahre später in die Weite Gasse zogen, ergänzte der Vater den Laden mit einer Galerie – der ersten in der Stadt. «Sobald ich rechnen konnte, half ich mit», sagt Madeleine Rauch. Im Laufe der Zeit boten sie zudem Töpferkurse an. Als die Kursbesucher auch noch das Material bei der Familie Rauch kaufen wollten, ergänzten sie das Atelier und die Galerie mit dem Bastelladen, der seit 46 Jahren gegenüber dem Stadthaus steht.

Madeleine Rauch leistete Militärdienst als Sanitätsfahrerin.

Madeleine Rauch leistete Militärdienst als Sanitätsfahrerin.

Der Laden ist ein Paradies für Kreative. Doch das über 60-jährige Geschäft läuft nicht mehr so wie früher: «Zuerst ging die Schiefe Brücke zu, dann gingen die Bäder verloren», sagt Madeleine Rauch. Deshalb kamen auch weniger Kurgäste für Souvenirs und Bastelideen in den Laden. «Der ganz böse Knick kam mit der Aufhebung des Euro-Mindesterkurses.» An diesem Tag nahm sie keine fünf Franken ein. «Und das an einem Samstag!» Etwas Aufschwung brachte die Selfie-Affäre: «Geri Müller und sein Selfie – das war herrlich! Viele Leute kamen in den Laden und dachten, wenn sie eine Zeit lang aus dem Fenster schauen, sehen sie ihn», erinnert sich Rauch und lacht schallend. «So oft wurde das Stadthaus wohl noch nie fotografiert.»

Von den sinkenden Umsatzzahlen lässt sie sich aber nicht unterkriegen. Rauch möchte den Laden mindestens bis zu ihrem 70. Geburtstag weiterführen. «Es ist wichtig, dass man Ziele im Leben hat», sagt sie. Und die hatte sie schon als Kind: So wollte sie als Schwimmerin an die Olympischen Spiele in München 1972. Soweit kam es zwar nicht. Doch immerhin schwamm sie mit zwölf Jahren an der Schweizer Meisterschaft auf den dritten Rang.

Nebenbei fuhr sie auch Skirennen. «Mein Bruder wollte nicht alleine an die Rennen. Also ging ich mit.» Auch hier fuhr sie immer wieder auf das Podest. «Ich liebe die Herausforderung und den Wettkampf.» An einen Riesenslalom kann sie sich noch gut erinnern: «Das war 1970, als Bernhard Russi Weltmeister wurde. Ich wurde dritte – und das während der Fasnacht nach knapp zwei Stunden Schlaf. Ich konnte nicht einmal den Lauf vorher ansehen», sagt Rauch und schmunzelt. Und als sie mit 20 Jahren ihr erstes Pferd kaufte, war ihr grosser Traum, ein Ross vor einem Rennen in einem Führring den Wettfreudigen zu präsentieren. Als 46-Jährige konnte sie sich diesen Wunsch erfüllen – und dies erst noch mit ihrem eigenen Pferd. Ihr Wallach Hay Moss, den sie hauptsächlich selbst trainierte, war 1999 unter einem irischen Jockey gar das erfolgreichste Rennpferd in seiner Kategorie: dem Cross Country, bei dem die Pferde über Hindernisse springen. Wie schon beim Skifahren wählte sie die schwere Kategorie. «Wenn schon, denn schon», sagt sie.

Absturz auf die Zürcher Riviera

Nur einmal verlor Madeleine Rauch das Ziel aus den Augen – und somit auch den Boden unter den Füssen. Als 16-Jährige träumte sie davon, als Forscherin in den Dschungel zu gehen. Also begann sie eine Lehre in einer Zürcher Tierarztpraxis. Die Ausbildung brach sie aber wieder ab. «Die Zustände waren unaushaltbar.» Regelmässig schlief sie in der Praxis, da sie bis spät in die Nacht hinein arbeiten musste. Doch sie gab nicht auf und begann die Laborantenschule, um ihren Traum trotzdem verwirklichen zu können. Doch ihr Lehrer nahm ihr jegliche Hoffnung, als er ihr sagte: «Du willst in die Forschung? Du kannst büffeln, so viel du willst, das schaffst du nie!» Das sei wie ein Schlag ins Gesicht gewesen, erinnert sich Rauch. Sie war ohne Perspektive und wusste nicht mehr, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Sie brach die Schule ab und landete mit einer Freundin auf der Zürcher Riviera, der damaligen Alkohol- und Drogenszene in der Stadt. «Ich stürzte völlig ab.» Nach einem halben Jahr kam die Wende: Der Direktor der Laborantenschule gab ihr eine zweite Chance und sie durfte in das zweite Semester als Arztgehilfin einsteigen.

Aus der Forschung im Dschungel wurde zwar nichts. Doch nachdem sie die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hatte, reiste sie immerhin für drei Jahre in die USA, wo sie die Kinder eines Kunden ihres Vaters hütete. Zurück aus den Staaten half sie im Laden ihrer Eltern mit. Aber nur kurz: «Ich ging ins Militär», sagt Madeleine Rauch, greift unter ihren Pullover und zieht den Grabstein der Armee hervor, den sie sich jeden Morgen um den Hals hängt. «Wir sassen damals in der Beiz und sprachen über die Gleichberechtigung», erinnert sie sich. «Ein Freund sagte: ‹Eine grosse Klappe habt ihr Frauen, aber nicht mal ins Militär geht ihr!›. Also stand ich auf, überquerte die Strasse, ging ins Stadthaus und meldete mich für die RS als Sanitätsfahrerin an.» Die Idee, Militärdienst zu leisten, hatte sie schon länger im Kopf. «Mein damaliger Freund war Jude und mir gefiel die israelische Armee, da auch Frauen Dienst leisten durften.» Sie sei schon als Kind mehr Bub als Mädchen gewesen. «Ich war die mit den zerschlissenen Hosen und dem wunden Knie – nicht mein Bruder.» Der Liebe zum Militär frönt sie noch heute: Jeden Morgen zu Kaffee und Zeitung isst sie ein Täfeli Militärschoggi.

«Ich brauche den Wettkampf»

Da Frauen damals in der Armee noch nicht schiessen durften, konnte Madeleine Rauch ihren ersten Schuss erst Jahre später abfeuern – dank ihres Sohnes Sacha. Er trat als Kind dem Schützenverein in Freienwil bei, wohin Madeleine Rauch als 15-Jährige mit ihrer Familie zog. Sacha war es auch, der seiner Mutter zeigte, wie sie trotz Sehschwäche auf dem rechten Auge mit dem linken zielen kann. Sie war derart begeistert, dass sie ebenfalls dem Schützenverein beitrat, die Schiesslizenz machte und kurz darauf 2010 am Eidgenössichen Schützenfest in Aarau teilnahm. «Mir fehlte der Spitzensport nach dem Tod meines Pferdes», sagt Madeleine Rauch. «Und das Eidgenössische hat mich schon immer gereizt – ich brauche den Wettkampf.» Nur um einen Treffer verpasste sie den Kranz. Seither tritt sie regelmässig an Schützenfesten an. Trainer ist Sacha.

Zu ihrem 30-jährigen Sohn aus geschiedener Ehe hat sie ein enges Verhältnis. «Wir sind wie Kumpels und spielen regelmässig Dart im ‹Piwi›.» Sacha hilft ihr auch seit ein paar Jahren an den Wochenenden im Atelier aus – seither gab es keine Überfälle mehr im Laden. Ob er das Geschäft einst übernimmt, ist aber noch offen. «Ich komme knapp durch, aber eine Familie kannst du damit nicht ernähren. Findet mein Sohn eine Frau, müsste sicher einer der beiden nebenbei noch zusätzlich arbeiten.»

Das Telefon klingelt. Eine Kundin sucht einen bestimmten Glitzer, um ein Kostüm für ihr Kind zu basteln. «Am besten kommen Sie vorbei», sagt Madeleine Rauch in den Hörer. «Dann kann ich Ihnen die beiden Glitzer zeigen.» Zehn Minuten später steht die Kundin im Atelier. Rauch erklärt die Vor- und Nachteile von Glitzer als Pulver oder Leim. Mit der Pulvervariante verlässt die Frau kurz darauf den Laden wieder. Madeleine Rauch blickt zur Tür. «Finanziell gesehen hätte ich schon längst aufhören sollen», sagt sie mit unterdessen silbern glitzernden Händen. Die relativ hohe Miete kann sie knapp bezahlen dank der Herstellung von Wappenscheiben – ein Handwerk, das sie vom Vater lernte. «Aber mein Herz hängt am Laden und an der Kundschaft.»

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