«Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.» Ein Sprichwort, welches das Kennenlernen von David (74) und Rosmarie (77) Brunner nicht besser wiedergeben könnte. Es war vor mehr als 50 Jahren, als sie sich in einem Ausgehlokal in St. Moritz in den Bündner Bergen zum ersten Mal sahen.

Rosmarie Caplazi, welche in St. Moritz aufwuchs, war mit ihrer Freundin Ada unterwegs. Diese verguckte sich sofort in David Brunner. «Ich sagte zu Ada: Das wäre doch einer für dich», sagt Rosmarie Brunner rückblickend. Sie gab alles daran, dass sich David neben Ada an die Bar setzte und die beiden zusammen auf die Tanzfläche gingen. «Ich dachte, jetzt ist mein Plan aufgegangen.»

Doch David Brunners Plan war eigentlich ganz anders: «Ada war eine flotte Frau, aber ich hatte ein Auge auf Rosmarie geworfen.» Als es schon spät war, brachte Rosmarie ihre Freundin nach Hause. Weil David denselben Weg hatte, brachte sie auch ihn nach Hause.

Er war darauf bedacht, dass Ada zuerst ausstieg, so konnte er noch einige Minuten mit Rosmarie alleine sein. «Ich habe mir nichts dabei gedacht», sagt Rosmarie Brunner und lacht.

Beinahe wäre sie gegangen

David Brunner war kein Tourist. Nein, er kam aus dem Aargau und arbeitete als Elektriker in Celerina. Jeden Tag musste Rosmarie an David Brunners Baustelle vorbei, um zu ihrer Arbeitsstelle zu gelangen. Sie haben sich gegrüsst und sie gingen auch zusammen mit Ada ins Kino.

Am Tag der Ski-Abfahrt an der Olympiade in Innsbruck waren sie abends verabredet, zum ersten Mal alleine, ohne Ada. Doch David Brunner liess auf sich warten. Er war den ganzen Tag in Innsbruck und machte sich am Abend mit den Kollegen zurück auf den Heimweg – durch ein grosses Schneegestöber.

«Ich habe gewartet und er ist einfach nicht aufgekreuzt», sagt Rosmarie Brunner. Beinahe wäre sie gegangen, doch in der letzten Minute kam David Brunner doch noch. «Zum Glück», sagt Rosmarie Brunner heute.

Denn sie merkte, dass ihr Plan, David mit Ada zu verkuppeln, gründlich schiefgelaufen war. «Ich war plötzlich in ihn verliebt», sagt sie. Für David Brunner war schon lange klar, dass Rosmarie die Frau seines Lebens sein sollte. Doch sie musste zuerst mit ihrer Freundin reden, ihr beichten, dass sie sich verliebt hat. «Meine Freundin sagte, das sei überhaupt kein Problem», so Rosmarie Brunner. Ihr fiel ein Stein vom Herzen.

«Wir wollten bald heiraten, ich war ja schon 27 Jahre alt», sagt Rosmarie Brunner heute. Sie haben dann begonnen, Geld zu sparen. Im September 1965 heirateten die beiden in Würenlos und Rosmarie Brunner kehrte den Bergen den Rücken. Sie zogen nach Wettingen. «Ich musste einfach wieder zurück in den Aargau, ich glaube, ich hätte mit der Zeit den Bergkoller bekommen», sagt David Brunner.

«Mein Vater konnte damals nicht begreifen, dass ich von St. Moritz wegzog», sagt sie. Doch ein Bekannter habe ihr an der Hochzeit gesagt: «Von jetzt an ist der Mann dein Gebirge.» Dieses Zitat habe sie jeweils auf den Boden zurückgebracht und ihr das Heimweh nach den Bergen und der Familie genommen.

Bald schon gab es Nachwuchs. Mit Tochter Claudia schien das Familienglück perfekt, zweieinhalb Jahre später war Rosmarie Brunner erneut schwanger. Erst bei der Geburt merkte der Arzt, dass Zwillinge unterwegs waren. Die Brunners bekamen zwei weitere gesunde Töchter, Karin und Gabriela. «Ich habe aber Panik gekriegt, wir waren nur auf ein Baby eingestellt», sagt Rosmarie.

Doch glücklicherweise bekam die Familie zwei praktische Spitalbettchen von der Klinik. Sie zügelte nach Neuenhof in eine grössere Wohnung. Rosmarie und David Brunner waren mit ihren Kindern viel unterwegs in der Natur, gingen Wandern und Skifahren. Auch Auseinandersetzungen gab es ab und zu, doch diese konnten immer ausdiskutiert werden.

Goldene Hochzeit steht an

Heute sind die Kinder ausgezogen und haben eigene Kinder. Auch mit Ada stehen die Brunners noch in Kontakt und sie besuchen sich ab und zu. Das Ehepaar wohnt nun in Würenlos und kann im September die goldene Hochzeit feiern.

Das Rezept ihrer Liebe? Eine bodenständige und bescheidene Einstellung, der Wille, nicht vorschnell aufzugeben und der Glaube. «Liebe ist für mich, wenn man ein ganzes Leben lang zusammenhält», sagt Rosmarie Brunner. «Ich würde meinen Mann auch für viel Geld nicht mehr hergeben.»