Landschaftsarchitekten warnen
Siedlungen fressen sich immer mehr in Freiräume: Badener Parks unter Druck

Wohnsiedlungen fressen sich in den Grünraum, mahnen Landschaftsarchitekten. Dies werde zum Problem, wenn städtische Gebiete immer weiter wachsen.

David Rutschmann
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Eine Erfolgsgeschichte: Der Alte Stadtfriedhof wurde in den vergangenen Jahrzehnten in einen Park umgewandelt.

Eine Erfolgsgeschichte: Der Alte Stadtfriedhof wurde in den vergangenen Jahrzehnten in einen Park umgewandelt.

zvg

Wie bleibt Baden wakkerpreiswürdig, wie kann man trotz Wachstum Freiräume erhalten? Das laute Nachdenken über diese Frage steht im Zentrum einer Reihe von Werkstattgesprächen im Kulturlokal Werkk.

In dieser Woche sollte ein Themenabend die Rolle der städtischen Parks beleuchten. Schliesslich ermöglichen gerade Parks mitten in Wohn- und Arbeitszentren Naherholung. «Ein Park kennt keine Hektik, das ist das grösste Luxusgut im 21. Jahrhundert», sagte Raphael Aeberhard, einer der Gast-Referenten des Abends.

Der Landschaftsarchitekt hat das Raumentwicklungskonzept für die Stadt Baden mitentworfen. Er bringt die Problematik in seinem Vortrag auf den Punkt: Baden wird wachsen, Prognosen zufolge bis 2040 um ein Drittel der heutigen Einwohnerzahl. Dieses Wachstum muss innerhalb der bestehenden Stadtstruktur stattfinden und gefährdet somit die Freiräume. Schon jetzt könne man erkennen, wie sich die Siedlungen immer mehr in die Parks fressen.

Auch Rainer Zulauf bestätigt diese Beobachtung und bezeichnet den Kurpark in seinem Vortrag als «ein fragiles Stück Stadt». Bereits sein Vater beschäftigte sich als Landschaftsarchitekt mit dem Kurpark, «der Park gehört eigentlich fast schon unserer Familie», so Zulauf.

Der 68-Jährige, der sich unter anderem als Architekt der Affen-, Nashorn- und Elefantengehege im Zolli in Basel einen Namen gemacht hat, entwickelte in den 90ern einen Idealplan für die Aufwertung des Kurparks. Von diesem Konzept wurden allerdings lediglich die Sanierung des Eingangsbereichs und zuletzt die Erneuerung des Weihers vor zehn Jahren umgesetzt.

Das Schicksal des Kurparks beschäftigte vor allem in den 2000ern die gesamte Stadt, damals wollte das Casino einen «Annex» getauften Kubus in den Park pflanzen. Die Bevölkerung wehrte sich vergeblich mit Volksabstimmungen und Beschwerden, die bis vor dem Bundesgericht landeten.

Erst, als das Casino 2010 selbst bekanntgab, den Annex nicht mehr bauen zu wollen, wurde es ruhiger um den Kurpark. So werden zwar weiterhin Ad-hoc-Massnahmen unternommen, aber Zulauf vermisst ein übergeordnetes Konzept, das einzelne Massnahmen aufeinander abstimmt. «Der Kurpark fällt sonst auseinander», sagte er.

Die architektonische Abstimmung mit dem Casino, die er einst in seinem Idealplan visionierte, fehlt. «Casino und Kurpark sind wie ein altes Ehepaar, das sich auseinandergelebt hat. Nein, eigentlich hat es gar nie eine Beziehung gegeben, den einen interessiert die andere nicht», metaphorisiert er. Wie auch sein Branchenkollege Aeberhard brachte er den Nutzungsdruck zur Sprache, der mit steigender Bevölkerungszahl die Parks belaste. Er zeigte Bilder eines überfüllten Parks zur Badenfahrt − eine Gefahr für den Erholungswert?

«Wie viele leere Plätze braucht Baden?»

«Wir können nicht alle Leute in den Badener Wald schicken, der Grünraum in Baden muss erhalten bleiben, wir wollen keinen einzigen Quadratmeter verlieren. Aber dann müssen wir uns auch überlegen, ob wir die Flutung der Erholungsräume lenken müssen», sagte Barbara Finkenbrink, Projektleiterin bei der Badener Stadtökologie. Sie erinnerte daran, dass sich mit dem Klimawandel eine weitere grosse Herausforderung für die städtischen Parks stellt.

Die Blutbuche beispielsweise im Kurpark ist fast jedes Jahr wegen Trockenheit abgesperrt. «Statt über Vertikalbegrünung zu diskutieren, sollten wir lieber Hunderte Bäume pflanzen», sagte Zulauf. Aeberhard ergänzte, dass ein Baum schliesslich 30 Jahre wachsen müsse, bis er in dem nährstoffarmen Betonsarg einer Stadt seine schattenspendende Wirkung entfalten könnte.

Seiner Meinung nach fehlt aktuell hauptsächlich «der Dreck», in dem die Bäume stehen können. Er vermisst das Bestreben der Stadt, mehr Grünraum zu schaffen. So entstehe in unmittelbarer Nähe des Trafoplatzes der Brown-Boveri-Platz. «Zwei leere Plätze nebeneinander ergeben keinen Sinn», sagte Aeberhard und regte die Umwandlung des Trafoplatzes mit seiner «Bonsai-Siedlung» in einen Trafopark an. Sein Raumentwicklungskonzept sieht zudem vor, den Parkplatz Schadenmühle in einen Park umzuwandeln.

Wie diese Parkwerdung erfolgreich ablaufen kann, wurde am Beispiel des Alten Stadtfriedhofs aufgezeigt. Der «Mini Central Park» von Baden, wie Aeberhard ihn nannte, wurde vor knapp 200 Jahren als Friedhof eröffnet und wurde seit den 90ern sukzessive in einen Park gewandelt. Hier stehen noch einige wenige Familiengräber, gleichermassen aber ein beliebter Spielplatz und Tischtennisplatten.

Und: Der Park schenkt Igeln, Siebenschläfern und zahlreichen Insekten ein Zuhause − laut Barbara Finkenbrink sind in Städten heutzutage mehr Arten zu Hause als im Umland. Als «Treffpunkt für alle Spezies» würde der Alte Stadtfriedhof schon heute zeigen, wie ein idealer Park der Zukunft funktionieren könnte.

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