Baden
Simon Libsig: «In Baden gibt es viele offene Ohren für neue Ideen»

Der Badener Poetry-Slam-Poet Simon Libsig erkennt die Einsamkeit der Menschen und glaubt an die Kraft des Humors - und er erzählt, weshalb Baden ein guter Platz für kreative Menschen ist.

Rebecca Knoth
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Simon Libsig will als ernsthafter Schreiber Dinge zur Sprache bringen, die andere nur denken

Simon Libsig will als ernsthafter Schreiber Dinge zur Sprache bringen, die andere nur denken

Alex Spichale

Nur noch ein anderer Tisch ist in der Spedition an diesem frühen Nachmittag besetzt. Simon Libsig bestellt eine Cola. Mehr als einmal beteuert er, dass er nur aus seiner eigenen Sicht sprechen könne. Was er sagt, scheint wohl überdacht. Und ausser Reden kann er auch gut zuhören.

Herr Libsig, zusammen mit anderen Slam-Poeten halten Sie in Baden jeweils am 1. August eine Rede «Zur Lage der Nation». Wie steht es um unsere Nation?
Simon Libsig: Wir greifen uns jeweils verschiedene Themen heraus. Letztes Jahr nahm ich ein Gefühl als Ausgangslage. Ich sprach über Einsamkeit.
Warum ist Einsamkeit prägend für unsere Zeit?
Wir lenken uns extrem voneinander ab. Man schafft es nicht mehr so leicht, Nähe zu entwickeln - obwohl wir über immer bessere und mehr Kommunikationsmittel verfügen. Vielleicht sprechen wir mit mehr Leuten als früher, aber wie viele Gespräche davon sind wirklich persönlich? Wie viel Augenkontakt haben wir noch?
Wie können wir wieder vermehrt aufeinander schauen?
Indem nicht jeder vor sich anechüechlet und in seinem eigenen Biotop rumschlabbert.
Sondern?
Vor kurzem wurde ich zum Mittagessen ins Hope in Baden (christliches Sozialwerk, Anm. d. Red.) eingeladen. Seit Jahren laufe ich daran vorbei, nun hatte ich die Möglichkeit einmal reinzuschauen. Im Hope gehen Leute mit komplett andern Lebensrealitäten ein und aus. Ab und zu tut es gut, mal einen Schritt in eine andere Welt zu wagen.
In Baden führen Sie immer wieder verschiedene Projekte durch. Ist Baden ein guter Platz für kreative Menschen?
Ja. Ich finde in Baden gibt es viele offene Ohren für neue Ideen. Es ist ein reicher Ort, in vielen Bereichen. Vor ein paar Jahren hatte man das Gefühl, dass kulturell vieles versiegt. Aber vieles ist auch wieder entstanden, etwa im Kino Royal oder bei der Frau Meise. Viele Leute identifizieren sich mit dem Ort, sind froh, hier zu sein.
Beim Schreiben sitzen Sie vor einem leeren Blatt. Alles ist möglich. Wie weiter?
Ich leite viele Workshops mit Schülern. Wenn ich ihnen sage: Ihr seid frei, schreibt irgendeinen Satz. Dann haben sie vielleicht eine super Idee, vielleicht auch nicht. Wenn ich aber sage: Jedes Wort des Satzes fängt mit dem Buchstaben «M» an. Dann sind die Schüler ein Stück weit begrenzt. Aber innerhalb des gegebenen Rahmens, werden sie plötzlich sehr kreativ. Um zu beginnen brauche ich eine Begrenzung, zum Beispiel eine klare Vorstellung, wie die Geschichte enden soll.
Auferlegte Grenzen sollte man also freudig entgegennehmen?
Ja. Einschränkungen machen kreativ. Not macht erfinderisch, wie man so schön sagt. Ich nenne es den MacGyver-Effekt. Dieses Prinzip ist anwendbar auf das ganze Leben.
Fehlt uns die Not?
Uns geht es in vielen Bereichen extrem gut, das kann träge machen.
Kürzlich habe ich von einer Ausmisterin gehört. Diese Frau geht zu Leuten nach Hause, die sich von ihrem Besitz belastet fühlen und hilft, Dinge wegzuwerfen.
Oh, das wäre eine gute Geschichte. Solange man sich am Besitz freuen kann, ist das ja schön. Aber wenn er zum Ballast wird, wird's problematisch. Vom Lateinunterricht ist mir ein Spruch geblieben: Omnia mea mecum porto. Was heisst: All meinen Besitz trage ich bei mir.
Was tragen Sie selber stets bei sich?
Ich sammle Erinnerungen, wie andere Gegenstände. Andere sagen mir: Du musst mal nach vorne schauen. Aber ich liebe, was schon alles passiert ist.
Bereits ein kleiner Verzicht kann im Umfeld grosse Reaktionen auslösen.
Bei Verzicht ist häufig die soziale Komponente wichtig. Man braucht Vertrauen, dass man nicht ausgeschlossen wird. Es braucht immer wieder Gegenbewegungen. Alte Verhaltensweisen werden wiederentdeckt, die irgendwann für Nonsens erklärt wurden. Plötzlich merkt man, wie wertvoll es war, Briefe zu schreiben.
Sollten wir das Höhlenleben neu erfinden?
In gewisser Weise leben wir immer noch in Höhlen. Bloss nicht alle zusammen ums Feuer rum, sondern alle separat vor dem eigenen Kamin. Ob wir glücklicher sind, weiss ich nicht. Wir müssen uns entscheiden, wo wir mitmachen wollen, wo nicht.
Wie findet man heraus, wo man mitmachen soll und wo nicht?
Vielleicht indem man einer grossen Kraft wieder mehr Vertrauen schenkt, dem Gefühl, der Intuition, dem inneren Impuls. Kombiniert mit gesundem Menschenverstand und entlang grundsätzlicher Werte der Menschlichkeit und Solidarität.
Können auch Vorbilder oder Mentoren bei Entscheidungen helfen?
Ja, wem soll man glauben? Endlich hat man ein Idol gefunden, und merkt dann, shit, der ist auch verlogen. Glaubwürdigkeit ist vielleicht eines der grössten Güter der Gegenwart.
Möchten Sie mit Ihren Geschichten eine Orientierungshilfe bieten?
Diesen Anspruch habe ich nicht. Als ernsthafter Schreiber sollte ich jedoch Dinge zur Sprache bringen, die andere nur denken. Oftmals braucht es das Erfundene, um die Wahrheit sagen zu können. Über Geschichten sind wir bereit, uns die Wahrheit überhaupt anzuhören.
Können Geschichten Augen öffnen?
Im besten Fall berühren meine Geschichten die Leute emotional. Die Leute lachen, weil es lustig ist. Sie erschrecken, weil sie sich fragen: Darf der das sagen? In Geschichten wird niemals gesagt: Hey, du bist derjenige, der . . . Und doch kann ein Geschichtenhörer erkennen, dass es ihn betrifft. Dass die Geschichte zu ihm spricht - es ist super, wenn das passiert, erzwingen kann man es nicht.
Kann man mit Humor die Welt verändern?
Humor hat grosse Kraft. Mit Humor kann man eine heikle Situation entspannen oder einem Kranken den Schmerz lindern. Ich mag es, wenn in Geschichten ein humorvoller Unterton mitschwingt. Es gibt kaum was Schöneres, als herzhaft rauszulachen. Wenn es mir ab und zu mal passiert, bin ich glücklich. Lachende Menschen sind so Leuchtmenschen.
Könnten Sie uns noch exemplarisch eine Geschichte zu Age of Less erzählen?
Ja, ich erzähle die Geschichte der grossen Pause. Die gibt es zwar bereits, passt aber gut zum Thema:

Die grossi Pause, das sind jo jewils nume 15 Minute gsie, umso meh hämmer eus gschputet, und ich weiss no, ich bin immer bide Lute gsi. I eim Tohuwabohu simmer über d'Stäge gschtaggled und use grännt, und au wänn's grägnet hät oder ghagled, s'isch klar gsi, dass mer use wänd. Dasch en richtige Drang gsi, uf dä Pauseplatz z'cho, zum go tschutte und wäge Fangis und Gummi-Twist und so, hey ich weiss no, wie Tier simmer amigs usenander gschtobe, hesch au müesse de Erscht si ade Chlätterstange, susch hockt scho en andere d'obe. Würklech, dasch amigs ei Hektik gsi und mer händ en Lärm gmacht - für d'Lehrer isch's wahrschinlech zimlech ecklig gsi, aber mer händ eifach gärn glacht. Uf däm Pauseplatz hämmer chöne si wie mer sind, halt no chli und no Chind. Ich meine klar, s'händ sech nöd all immer nur guet gfühlt, häsch am PingPong-Tisch verlore, häsch vor Wuet ghült, und au suscht hämmer ab und zue mol gschtritte, so z dritte, so zwoi Buebe um es Meitli, oder zwoi Meitli ume - Hoorspange, und dasch immer öppe es Johr gange, und denn het me sech weder is Poesie-Album gschriebe, me het alles vergäh und vergässe, und es paar sind bis hüt super Fründe bliebe. Jo, ide grosse Pause, ich muess es säge, do hani amigs fasch meh glernt as ide Schuel, aso, sie isch ämel sicher nöd vergäbe, will um die 15 Minute simmer amigs so dankbar gsi, dass mer jedi einzelni devo gläbt händ, und so sött's jo au si. Aso gnüsset's! Will irgendwenn lütet's, und denn isch die Pause verbi.

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