Kolumne

Simon Libsig über den Ruf der Stadt Baden

Der Spoken-Word-Poet schreibt nach "Leichtes Kribbeln" zurzeit an seinem zweiten Roman. Seine Kolumne erscheint immer am 1. Donnerstag im Monat.

Der Spoken-Word-Poet schreibt nach "Leichtes Kribbeln" zurzeit an seinem zweiten Roman. Seine Kolumne erscheint immer am 1. Donnerstag im Monat.

Kolumnist Simon Libsig hat sich für das Badener Tagblatt in der Stadt etwas umgehört: Vom «Katze vermisst!»-Ruf vom Plakat bis hin zum «Letschti Rundi»-Ruf von Fabian in der Bistro Bar.

Ich kann nicht anders, ich bleibe stehen. Direkt vor dem Falken. Aber ich schaue nicht durch Karpfs Schaufenster, nein, ich starre in die entgegengesetzte Richtung. Der kalte Wind treibt mir Tränen in die Augen, ich zwinkere. Auf der kleinen Wiese gegenüber der Kantonspolizei, dort, wo zurzeit noch ein Mammutbaum thront, hinter der «Kiste», dort stehen drei Frauen beisammen und formen ihre Hände zu einem Trichter. Sie legen den Kopf in den Nacken und rufen zum Dach der Kantonspolizei hinauf.

Aber der Verkehr ist gnadenlos. Jeder Ton, der die Kehle verlässt, wird gleich von mehreren Autos überrollt. Die Schulhausplatz-Kreuzung ist ein übermächtiger, lärmiger Gegner.

Nun warten die Frauen eine Rotphase ab. Endlich. Die Autos grummeln vor sich hin. Und nun höre ich auch die Rufe. Zwar verstehe ich die Worte nicht, ich kann nicht einmal sagen, in welcher Sprache diese drei Frauen rufen, aber eines höre ich deutlich in ihren Stimmen. Das ist universal verständlich. Diese Frauen sind traurig. Sie rufen nicht, sie klagen, sie flehen, sie beschwören. Mit Inbrunst. Bis die Ampel wieder grün wird.

Ich ziehe meine Jacke bis oben zu und vergrabe mein Kinn darin, die Innenseite des Reisverschlusses raspelt meinem Grübchen entlang.
Die Liebe, denke ich, funktioniert auch wie ein Reisverschluss. Wenn man sich liebt, passt man immer gut zusammen, eines fügt sich ins andere, man verbindet sich zu einer starken Einheit, und das wärmt ungemein. Natürlich braucht das auch etwas Übung, zu Beginn ist man häufig zu verklemmt. Oder zu ungestüm, man möchte den Reisverschluss gar nicht zuziehen, sondern möglichst viele öffnen.

Zack, wieder rot! Und die Frauenstimmen erheben sich. Lauter, feuere ich sie in Gedanken an, lauter! Diese Frauen brüllen wie Löwinnen, weil sie lieben. Vielleicht ist es ihr Mann, vielleicht ihr Vater, vielleicht ihr Bruder oder Cousin, vielleicht ist es ein Jugendfreund oder der Onkel, vielleicht der Sohn. Wer auch immer dort oben, über der Kantonspolizei im Gefängnis sitzt, ich wünsche mir sehr, dass er die Stimmen hört.

Der sitzt dort aus einem Grund, werden viele sagen. Dass er von seinen Liebsten getrennt ist, hat er sich selber eingebrockt. Und natürlich haben sie recht. Aber mein Herz ist anderer Meinung.

Ich wende mich ab und schlendere weiter, denn ich bin frei. In Gedanken aber halten mich diese Rufe gefangen. Es kommen sogar noch weitere Rufe hinzu, ja ich sammle sie regelrecht, an diesem Tag. Da sind die zwei Verkäuferinnen, die sich über die Kundenschlangen hinweg Privatangelegenheiten zurufen.

Da ist der «Überraschung!»-Ruf der Surprise-Verkäuferin. Da ist der «Rambazamba»-Ruf des Hosenträger tragenden Stadtoriginals. Der «Bitte einsteigen»-Ruf am Bahnhof. Der «mit allem?!»-Ruf am Kebabstand. Der «Katze vermisst!»-Ruf vom Plakat. Bis hin zum «Letschti Rundi»-Ruf von Fabian in der Bistro Bar.
In dieser Stadt gibt es über 18 000 Rufe, permanent. Die meisten davon still in sich hinein. Was rufen Sie?

Die Art und Weise, wie unsere Stadt auf unsere Rufe reagiert, ob sie sie zulässt oder ausblendet, ob sie sie hört, verstärkt oder erwidert, wird schliesslich den Ruf Badens begründen.

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