Baden
Skandalfilme hauen sie nicht vom Hocker

Drei Badener Kinobegeisterte zeigen bei «Royal Scandal Cinema» Filme, die bei ihrer Erscheinung für Aufregung und sogar Attentate gesorgt haben.

Daniel Vizentini
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Drei Badener Freunde bringen skandalöse Filme ins «Royal»: Martin Bürgin, Pascal Etzensperger und Martin Alder.Sandra Ardizzone

Drei Badener Freunde bringen skandalöse Filme ins «Royal»: Martin Bürgin, Pascal Etzensperger und Martin Alder.Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Auf Filmszenen von harter Gewalt oder explizitem Sex reagiert heutzutage kaum noch jemand mit Schrecken und Empörung. Diesen Eindruck könnte man jedenfalls gewinnen, wenn man die Reaktionen vieler Menschen auf die mediale Berichterstattung von Unfällen oder Gräueltaten beobachtet. Doch wie abgestumpft ist unsere Gesellschaft wirklich? Dieser Frage gehen die Badener Filmfreaks Martin Alder, Martin Bürgin und Pascal Etzensperger nach mit einer Film- und Diskussionsreihe im Kulturlokal Royal.

Bei «Royal Scandal Cinema» werden einmal im Monat Filme gezeigt, die zu der Zeit, als sie erschienen waren, die Gesellschaft noch zu empören vermochten. «Regisseure und Schauspieler wurden verteufelt, Bürgerbewegungen forderten Zensur», schreiben die Verantwortlichen der Filmreihe. «Für mich als Historiker ist das hoch interessant», sagt Mitorganisator Martin Bürgin, der das Filmprogramm zusammenstellt. Die Reaktion auf solche Skandalfilme stellten ein gutes Stimmungsbild der Zeit dar, als sie gezeigt wurden.

Ein gutes Beispiel sei der Film «La Battaglia di Algeri» aus dem Jahr 1966, der diesen Donnerstag im «Royal» gezeigt wird. Im Film werden die Grausamkeiten des Unabhängigkeitskrieges in Algerien dargestellt. «In Frankreich war das Thema ein Tabu», sagt Martin Bürgin. Erst in den 90er-Jahren hätten sich französische Historiker mit dem Thema allmählich auseinandergesetzt.

Vier Jahre lang wurde «La Battaglia di Algeri» in Frankreich und in England verboten, obwohl der Film für den Oscar nominiert worden war und namhafte Preise wie den Goldenen Löwen gewonnen hatte. Dabei zeigt der Spielfilm keine Aufnahmen aus dem Krieg: Alle Szenen werden von Laiendarstellern gespielt, darunter solche von Bombenanschlägen, Folter oder Hinrichtungen. Wegen seiner realistischen Machart soll der Film von der amerikanischen Armee vor dem Einmarsch in den Irak 2003 zu Schulungszwecken eingesetzt worden sein.

Sex, Gewalt, Blasphemie

Vorerst bis im Mai präsentiert «Royal Scandal Cinema» solche skandalträchtige Filme. Bisher wurden zwei Filme gezeigt, die wegen expliziten Sexszenen als verpönt galten. Nachdem am Donnerstag das Thema Gewalt an die Reihe kommt, wird im April mit Martin Scorseses Film «Die letzte Versuchung Christi» die Gotteslästerung thematisiert. Bei der Erscheinung des Films im Jahr 1988 rief der Vatikan zum Boykott auf, Gläubige verübten sogar Anschläge auf Kinos, die den Film zeigten. Mit Anschlägen oder empörten Reaktionen des Publikums im Royal rechnen die Organisatoren nicht. «Uns geht es nicht darum, ein Experiment mit den Zuschauern zu machen», sagt Martin Bürgin. Es sei aber heute noch so, dass starke Gewaltszenen zum Beispiel den Zuschauern nahegehen können. «Bisher ist aber noch keiner aus der Vorstellung herausgelaufen», scherzt er. Besucht wurden die beiden bisherigen Filmabende überraschend gut: «Wir rechneten anfangs mit 15 Zuschauern, zuletzt kamen aber an die 50.»

Aus der Filmreihe wird ein Buch

Nach der Sommerpause soll die Filmreihe weitergeführt werden. Geplant seien gemäss Martin Bürgin insgesamt 47 Filme. «Mal schauen, wie lange das ‹Royal› weiter bestehen kann», sagt er. Das ehemalige Kino wird somit wieder mit alten Studiofilmen bespielt. «Wir haben bei der Sterk-Familie und beim Betreiber des Kinos Orient das Okay für die Filmreihe geholt», sagt Bürgin. Eine Konkurrenz zum Badener Kinoangebot wolle «Royal Scandal Cinema» nicht sein. Es gehe vielmehr um die historische Abhandlung der Filme und die ausgelösten Reaktionen. Zu jedem Film gibt es im «Royal» deshalb einen Vortrag von einem Experten. Am Donnerstag wird die Historikerin Regula Ludi die Hintergründe von «La Battaglia di Algeri» beleuchten. Diese Vorträge will Martin Bürgin später verschriftlichen und als Buch herausgeben. Nach dem Film können die Gäste mit Regula Ludi und den drei Verantwortlichen von «Royal Scandal Cinema» frei diskutieren.

Film und Referat La Battaglia di Algeri, Do, 5.3., 20.30 Uhr im «Royal» in Baden.

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