Der Kawai-Flügel in der Stanzerei mutet fremd an unter den unzähligen Kabeln. Um das Instrument ist ein Gerippe aus Stangen und Gurten festgezogen, an dem verschiedene elektromechanische Hämmerchen daran befestigt und mit einem elektronischen Schaltpult verbunden sind. Die Konstruktion ist eine Erfindung des Zürchers Lukas Vogel. «Ich bin der Tüftler bei den ‹Grandbrothers›», sagt der 29-Jährige vor dem Konzert. Sein um ein Jahr älterer Kompagnon Erol Sarp greift derweil in die Tasten. «Klavier spiele ich schon, seit ich fünf Jahre alt bin», erzählt der gebürtige Wuppertaler mit türkischen Wurzeln.

Plötzlich erklingt wie von Geisterhand Musik aus dem Elektronik-Wirrwarr auf der Stanzerei-Bühne. Erst kurze Zeit danach treten die Künstler ins Rampenlicht. Erol Sarp setzt sich auf seinen Klavierstuhl und lässt die Hände über die Tastatur gleiten, während Lukas Vogel von seiner «Kommandozentrale» aus per Computer die Hämmerchen ansteuert. Lässt er sie auf die Flügel-Saiten schlagen, erzeugen sie Klänge, die an Hackbrett, Cembalo oder Harfe erinnern. Dazu kommen Beats und Bässe, die zum Teil vom Gestänge des Flügels stammen. Die Töne werden in den Labtop eingespielt und transformiert. Heraus kommt eine futuristische Musik, die wider Erwarten sehr eingängig, melodiös, manchmal träumerisch und romantisch ist. Hypnotische, repetitive Sequenzen versetzen die Zuhörer nahezu in Trance. Wenn das analoge und digitale Spiel der Beiden sich zusammenfügt und langsam anschwillt, fühlt man sich an epische Filmmusik erinnert. Durch die atmosphärische Dichte fängt das Kopfkino an zu laufen und jeder hängt seinen eigenen Tagträumen nach. Im Publikum herrscht absolute Stille.

Grandbrothers - die Tüftler am Flügel

Grandbrothers - die Tüftler am Flügel

Die «Grandbrothers» in der Stanzerei Baden.

Das zweite Konzert in der Schweiz

Die «Grandbrothers» präsentieren in der Stanzerei vor allem ihre Eigenkompositionen aus dem Debütalbum «Dilation» und des Mini-Albums «Ezra». Mit beiden Tonträgern sind sie seit einiger Zeit erfolgreich in Deutschland und Österreich unterwegs. Ein drittes Album soll demnächst folgen. Stilistisch pendeln sie zwischen Ambient, Neoklassik, Jazz, Elektropop und Hip-Hop. Aber all diese Kategorisierungen werden ihrem Sound nur teilweise gerecht.

Der Auftritt in Baden ist erst der zweite in der Schweiz. Danach geht es nach Amsterdam, Prag und London. Der deutsche Fernsehsender NDR strahlte 2015 ein einstündiges Special über das vielversprechende Duo aus. «Leben können wir von unserem Projekt noch nicht», bekunden die Kreativen, die sich während eines Ton- und Bildtechnikstudiums in Düsseldorf kennengelernt haben und seit 2011 gemeinsame Sache machen. So arbeitet Erol nebenbei freiberuflich als Cutter und Kameramann beim Spielfilm. Lukas ist in der Entwicklungsabteilung einer Herstellerfirma für Synthesizer angestellt. .«Wir wollen herausfinden, wie viele Klänge und wie viel Ungewohntes man aus einem Flügel herausholen kann», sagen die zwei experimentierfreudigen Musiker. Und mit diesem Konzept sind sie auf bestem Wege, eine grosse Fangemeinde zu erobern.

Nächstes Konzert in der Reihe Kulak: am 17. März 2016, 20.15 Uhr, bespielt
The Michael Musillami Trio die Stanzerei.