Sie habe keine Fotos, Glücksbringer oder sonstige Erinnerungsgegenstände an ihrem Arbeitsplatz, sagt Jeannette Good, als wir durch den Flur des ABB-Gebäudes laufen, um in Goods Büro das Foto zu schiessen.

«Mein Büro ist zum Arbeiten da, wohnen tue ich zu Hause», sagt sie und lächelt. Das bescheidene Büro der Geschäftsführerin des Vereins ABB Kinderkrippen wirkt dennoch einladend und lebendig, hängen doch an der Wand zwölf selbst gebastelte Bilder, die die Krippenchefin von den Kindern geschenkt bekommen hat.

Frau Good, Sie führen seit über 13 Jahren den Verein ABB Kinderkrippen. Inzwischen ist der Betrieb auf 250 Mitarbeiter gewachsen. Wie hat sich die Kita-Landschaft in der Region Baden in dieser Zeit gewandelt?

Jeannette Good: Im Vergleich zu damals ist das Angebot an Kita-Plätzen in der Region Baden sehr gut. Als ich 2002 die Geschäftsführung des Vereins übernahm, hatten wir gerade mal fünf Krippen. Viele Eltern und Vertreter der Firmen, die bei uns Mitglied sind, baten mich, mehr Krippen aufzubauen.

Heute verfügen wir über 15 Kitas und 2 Horte für Schulkinder. Zudem hat die Diskussion um familienergänzende Strukturen die Forschung beflügelt. Wir wissen heute sehr viel mehr über die Bedürfnisse von Kindern als noch vor einigen Jahren. Deshalb sind die Anforderungen an die Kitas und an die Erzieherinnen gestiegen.

Wie wirken sich die Forschungserkenntnisse auf die Kinder aus?

Heute weiss man beispielsweise, dass Kinder einen Rückzugsraum brauchen. Deshalb müssen Kitas für jede Gruppe mindestens zwei Räume haben. Zudem lernen Kinder am besten, wenn sie dabei viel Bewegung haben. Diese Erkenntnisse integrieren wir in den Alltag beispielsweise, indem die Stufen einer Rutschbahn verschiedene Farben haben oder mit Zahlen angeschrieben sind.

Werden so nicht bereits Kleinkinder unter permanenten Lerndruck gesetzt?

Nein, die Forschung hat gezeigt, dass der Lerneffekt beim Kind grösser ist, wenn es aus eigenem Interesse lernt. Die Kinder spielen also auf der Rutschbahn und wenn sie dann selber nach den Zahlen und Farben fragen, sind sie bereit, sich diese auch zu merken.

Gibt es ungeduldige Mütter, die fordern: «Bringen Sie meinem Kind jetzt die Zahlen und Farben bei»?

Ja, die gibt es, aber diese Forderungen kommen selten, weil wir die Eltern regelmässig über die Lernfortschritte ihrer Kinder im Gespräch sowie mit Dokumentationen und Fotos auf dem Laufenden halten. So können wir ihnen zeigen, dass ihre Kinder nicht nur intellektuell lernen, sondern auch motorische Fortschritte machen und durch selbstständiges Lernen ihr Selbstbewusstsein stärken.

Zu den Hauptkunden des Vereins gehören internationale Firmen wie ABB, Alstom, Credit Suisse oder Holcim. Das spiegelt sich auch in den Vereins-Kitas wieder. Führen Sie auch englischsprachige Kitas?

Nein, bewusst nicht. Viele fremdsprachige Eltern bringen ihre Kinder zu uns, gerade weil wir Schweizerdeutsch und Hochdeutsch sprechen. Es gibt hin und wieder deutschsprachige Eltern, die den Wunsch äusseren, dass wir mit den Kindern Englisch sprechen.

Das wäre doch ein gutes Verkaufsargument für die Krippenplätze?

Nicht wirklich. Man weiss inzwischen, dass Kinder, die noch keine Zweitsprache beherrschen, in der Primarschule den kleinen Rückstand beim Frühenglisch oder -französisch, den sie gegenüber anderen Kinder haben, sofort wettmachen.

Zudem müsste man Erzieherinnen anstellen, die Englisch wie ihre Muttersprache beherrschen und solche Betreuerinnen sind schwer zu finden.

Wie wird man in den Kitas den verschiedenen Nationalitäten und Kulturen gerecht?

Die Erziehenden integrieren diese Thematik bewusst im Alltag, denn Kinder entwickeln sehr früh ein Gespür für andere Kulturen und fremde Länder. Zum Beispiel bringen die Kinder Fotos mit oder die Eltern mal eine nationale Spezialität.

Auch «Happy Birthday» singen wir in verschiedenen Sprachen. Und die Kinder selber lernen voneinander einfache Wörter wie Ja, Nein, Danke.

Im Kontext der Kultur spielt auch der Glaube eine wichtige Rolle. Wie gehen die Kita-Betreuerinnen mit den verschiedenen Religionen um?

So kleine Kinder beten noch nicht und sie ziehen sich wie alle anderen an. Aber wenn sich ein Kind aufgrund seines Glaubens speziell ernährt, berücksichtigen wir das in der Kita.

Die Ernährung scheint inzwischen sogar bei Kleinkindern eine Wissenschaft für sich zu sein. Wie setzt man dieses Wissen in den Kitas um?

Wir haben für unsere Kitas einen auf Kinderernährung spezialisierten Lieferanten und wir prüfen laufend, ob wir auf dem aktuellsten Wissensstand sind. Wir müssen aber damit leben, dass wir es nicht allen Eltern recht machen können.

Ist diese «Verwissenschaftlichung» des Essens nicht übertrieben?

Sagen wir so: Die neusten Erkenntnisse entsprechen letztlich einer normalen, ausgewogenen Ernährung – nicht mehr und nicht weniger. Ich halte es aber für wichtiger, dass wir den Kindern den richtigen Umgang mit dem Essen beibringen.

Damit sie später nicht übergewichtig oder magersüchtig werden?

Wir wollen vorbeugen, dass Übergewicht oder Magersucht gar nicht erst zum Thema werden. Die Kinder sollen ein Gefühl dafür bekommen, wie viel auf dem Teller ist.

Sie schöpfen selber, müssen aber nicht essen, was sie nicht mehr mögen oder was sie nicht gerne haben. Sie sollen sich nicht überessen. Auch die Atmosphäre muss stimmen. Der Tisch wird schön gedeckt und dann wird gemeinsam gegessen. Essen soll Freude machen – auch ohne ein Dessert.

Eltern lassen ihre Kinder tendenziell immer länger betreuen. Vier oder gar fünf Tage sind keine Seltenheit mehr. Werden Kitas zu einem Familienersatz?

Bestimmt nicht. Obwohl die Erzieherinnen eine sehr enge Bindung zu den Kindern aufbauen, sind sie sich immer bewusst, dass sie familienergänzend arbeiten und die Familie nicht ersetzen. Da müssen wir eine professionelle Haltung zeigen. Wir spielen mit den Kleinen, trösten sie, jedoch ersetzen wir das Mami nicht.

Trotzdem ist der Kontakt mit den Kindern sehr eng. Und die Eltern verpassen manchen Entwicklungsschritt ihres Kindes. Gibt es Mütter, die deshalb neidisch werden?

Dass man als Mutter oder Vater Lernschritte verpasst, ist sicher ein Punkt, den sich Eltern gut überlegen müssen. Aber während der Eingewöhnungsphase helfen wir auch den Eltern, sich zu lösen und wir binden sie laufend mit ein. Dass aber eine Mutter mal sagt, ‹schade, das hätte ich auch gerne gesehen›, lässt sich nicht vermeiden.

Gibt es auch Mütter, die sagen, ‹schade haben sie die Kita nicht bis 19.30 Uhr offen›, weil sie so besser an ihrer Karriere arbeiten könnten?

Für Einzelfälle, die im Voraus planbar sind, können wir das einrichten. Aber alleine mit einer Kita kommt eine Managerin nicht weit. Da braucht es die ganze Familie oder dann Freunde, die einspringen können. Meistens springt aber der Vater ein.

Überhaupt beteiligen sich die Väter viel intensiver an der Erziehung als noch vor einigen Jahren. Doch in den Kitas fehlen die Männer noch. Wie kann man die Männerherzen für diesen Beruf erwärmen?

Ein erster wichtiger Schritt ist schon getan, indem Männer und Frauen mit der Ausbildung zum Fachmann oder Fachfrau Betreuung einen eidgenössischen Fähigkeitsausweis erlangt. Danach kann man die Berufsmatura und ein Studium machen. Aber man muss sicher auch die alten Rollenbilder versuchen aufzubrechen.

Wie?

In der Kita beispielsweise spielen Jungen und Mädchen mit allen Spielsachen. Egal ob es eine Puppe oder ein Spielzeug-Auto ist. Die Rollenbilder stecken aber sehr tief in uns und die Erziehenden versuchen sie abzulegen. Das stelle ich übrigens auch bei Eltern fest.

Derzeit ist die Region Baden mit 50 Kitas sehr gut aufgestellt. Gut vorstellbar, dass es plötzlich ein Überangebot an Plätzen gibt und ein wirtschaftlicher Druck auf die Kitas entsteht...

...Das bezweifle ich sehr. Erstens haben die Kitas finanziell einen sehr engen Spielraum, egal ob ein Verein oder ein Privater die Krippe führt. Zweitens nimmt die Kinderzahl laufend zu. Wenn überhaupt, dann wäre das Überangebot nur von kurzer Dauer.