Noch haben wir in der Schweiz das weltbeste Gesundheitssystem, und die Schweiz ist das reichste Land. Zwei Tatsachen, auf die wir stolz sind. Nur: wie lange noch? Die Krankenkassenprämien bringen das Budget der wenig Begüterten in schmerzhafte Enge. Für die Reichen sind die steten Verteuerungen kaum spürbar. Die berühmte Schere. Die Prämien sind noch nicht an die Höhe der Löhne oder der Vermögen gebunden. Bei den Steuern haben wir wenigstens eine Progression.

Das Gesundheitssystem ist eng an den Begriff der Solidarität gebunden. Genauso wie das Demokratieverständnis. Solidarität bedeutet ein Gefühl des Zusammengehörens von Individuen und äussert sich in gegenseitiger Hilfe und im Eintreten füreinander. Unser Gesundheitssystem kostet im Jahr rund 80 Milliarden Franken. Es wird eng.

Männiglich denkt ans Sparen, welche Handlung im Zeitalter des geforderten Wachstums in Vergessenheit geraten ist. Eine umschriebene Gruppe allein kann nicht sparen, will auch nicht, wenn das Umfeld nur zuschaut. Das hat unser tüchtiger Bundesrat Berset schmerzlich gespürt, als er die Spitzenverdiener der Ärzte nur schon aufs Korn nahm. Die Herde der Berufskollegen hat die schwarzen Schafe sofort und zornig beschützt, aber leider ohne Transparenz zu schaffen. Da ist doch etwas faul! Wir müssen also alle zusammen sparen. Die Zweiklassenmedizin wird sonst doch sehr bald schon unwürdige Realität. Uns muss das Optimum genügen, das Maximum ist zu teuer und Wunschdenken.

Ich behaupte, dass wir in allen Bereichen sparen können. In den Spitälern sind junge Ärzte unabdingbar in die Kostenverantwortung einzubinden. In den Praxen soll endlich solidarisch Transparenz in Bezug auf Arbeitszeit und Einkommen erstellt werden. Querdurch. Das erleichtert die ewigen Diskussionen und Unterstellungen.

Die Medien sollen keine Fake News verbreiten. Zum Beispiel möchte ich jene Chefärzte persönlich kennen lernen, die für 12'000 Franken pro Monat (kürzlich publiziert) schuften. Wenn in Bern über das Sparen bei der Pharmabranche nur gehüstelt wird, pilgern sofort Scharen von Lobbyisten in die Hauptstadt, um die an sich gute Idee im Keime zu ersticken. Und die erdrückende Werbung der Krankenkassen! Übrigens: Fehldiagnosen und Überdiagnosen sind meiner Meinung nach eine Art Kunstfehler. Sie führen zu Angst und grossen Nachfolgekosten.

Ich las im Dezember unter «Leben und Wissen» im BT einen Artikel mit dem Titel «Ein einziger Messwert macht Schwangere krank». Die Geschichte einer im sechsten Monat schwangeren, gesunden Frau. Man mass mehrmals den Blutzucker. EIN Wert war leicht erhöht. (Bei uns in der Praxis wäre er noch normal.) Man stempelte die Frau zur Diabetikerin mit allen Folgen: Diät, Gewicht, bis zu 4-mal täglich Blutzucker messen, ein Messgerät wurde abgegeben, eine Langzeitkontrolle geplant, ein Kaiserschnitt wurde empfohlen. Die Frau wechselte glücklicherweise den Arzt und hat am Termin ein gesundes Kind geboren.

Ein grosses Sparpotenzial gibts natürlich auch an der Basis des Systems, nämlich bei den heutigen und zukünftigen Patientinnen und Patienten: mehr Eigenverantwortung, Medikamente ablehnen oder exakt einnehmen und – weniger Arztbesuche.

Walter Hess führte 41 Jahre lang eine Praxis als Hausarzt und betätigte sich auch als Buchautor.