Noch bevor Theatermacherin Stella Luna Palino (61) die Bühne betreten konnte, ehrte Autorin Hilde Schneider ihr 40-jähriges Schaffen: «Dass wir Palinos Bühnenjubiläum feiern können, ist ihrer Kunst wie ihrer eigenwilligen Persönlichkeit zu verdanken.» Palino sei kompromisslos dazu entschlossen, ihrer Intuition zu folgen. Damit behalte sie ihr kreatives und «erfrischend unzeitgemässes Konzept» bei. «Sie leugnet ihre inneren Widersprüche nicht, sondern legt sie offen und nutzt sie als Antrieb für ihre Kunst.»

Ein klares Ergebnis davon war danach im Monodrama «Die Mücke widerspricht» zu sehen. War beim ersten Teil vor rund zwei Jahren die Mücke zum Mensch geworden, weil sie zu viel Blut gesaugt hatte, gibt sich diese nun in der Fortsetzung des Stücks vom Menschsein übersättigt. «Die meisten Menschen gehen abgelöscht durch ihr Leben. Soll das die Krone der Schöpfung sein?», fragt sie aufgebracht. Menschen leben wie gelähmt, die Freiheit sei ein Gespenst. «Nur ein Mückenleben ist ein freies Leben.»

So will sie wieder zurück zu ihrem Mückendasein. Auf den Weg dahin rechnet sie philosophisch mit dem Menschsein ab – mit etlichen Wortspielen: «Ich habe beobachtet, dass es in der Menschengemeinschaft nützlich ist, gemein zu sein. Gemeinnützlich!» Eine Wahrheit gäbe es ja nicht, nur Wahrheitsvermutungen. Und da lüge sie lieber, denn Lügen sei wenigstens wahr. «Die Gesellschaft besteht aus wahren Lügen.» Oder: «Das gewisse Etwas ist etwas ungewisses. Gewiss, Politik und Religion sind sehr gewissenslos. Da muss man Dinge behaupten, ohne ein Gewissen zu haben.»

Das Spiel mit den Wörtern und deren Mehrdeutigkeit ging munter und unterhaltsam weiter und regte zum Denken an. Ein weiteres Beispiel: «Sexismus ist wie Tourismus: Die Tour an sich ist gut, der ‹Ismus› ist das Problem.» Ans Spitalbett gefesselt, rezitiert sie immer wieder das Vater Unser, manchmal auch in amüsanten Varianten wie «vergib uns unsere Unlust, wie auch wir vergeben den Prüden.»

Mimik, Körper, Bühnenpräsenz

Klar inspiriert an Kafkas «Die Verwandlung» ist der Zweiteiler das erste Theaterstück, das Palino selbst geschrieben hat. Regie führte der aus Paris angereiste Xavier Mestres Emilio, ihr langjähriger Weggefährte. Palinos technisches Können kam auf der Bühne – vor allem bei der Verwandlung zurück zur Mücke – wunderbar zur Geltung: Punkto Mimik, Körperbeherrschung, Bühnenpräsenz, Stimmprojizierung oder Gesang etwa zeigte sie nochmals so richtig, was sie drauf hat. Man sieht ihr die 40 Jahre Erfahrung an – und die stehen ihr gut.