11 Uhr vormittags im Restaurant des Christlichen Sozialwerks Hope an der Badener Stadtturmstrasse: Ein paar Minuten von Daniela Fleischmanns Zeit für ein Foto und das Interview abzuzwacken, ist schwierig. Rund um sie wuseln Freiwillige herum, decken die Tische fürs Mittagessen. In der Küche hört man Töpfe und Schüsseln klappern. Wie jeden Tag wird ein Menü mit Suppe, Salat und Dessert für 12 Franken zubereitet. Und alle sind willkommen. Wer kein Geld hat, kriegt eine nahrhafte Suppe mit Brot. Kostenlos.

Plötzlich redet ein Mann auf die Hope-Geschäftsführerin ein. Er brauche Geld für Medikamente. Dringend. Zwei Frauen wollen sich von ihr beraten lassen, wie sie ihre selbst gemachten Strickwaren auf dem Markt verkaufen und damit einen Batzen dazuverdienen können. So geht es ständig weiter. «Ich weiss nie, was der Morgen bringt. Kein Tag ist gleich wie der andere», sagt Fleischmann.

Sie kümmert sich um Menschen in Notlagen. Viele von ihnen haben sämtliche Brücken abgebrochen und kommen mit der Gesellschaft nicht mehr zurecht. «Oft fehlt es an allem. Sie haben keinen Rappen Geld, keine Unterkunft und nichts zu essen. Sie sind auf schnelle Hilfe angewiesen. Und die versuchen wir ihnen so unbürokratisch wie möglich zu geben.» Im Christlichen Sozialwerk Hope ist neben dem Restaurant auch ein Wohnzentrum integriert. «Leute, die aus irgendeinem Grund kein Dach mehr über dem Kopf haben, können bei uns maximal sechs Monate bleiben. Unsere Mitarbeitenden versuchen, so schnell wie es geht, eine Wohnmöglichkeit für sie zu finden», erklärt Fleischmann.

Drei eigene und zwei Pflegekinder

Gerade ist die gebürtige Graubündnerin 60 geworden. Ihre Stimme klingt sanft, beim Reden hält sie den Kopf leicht zur Seite geneigt. Im ungeschminkten Gesicht mit der dezenten Titanbrille fällt als erstes ihr offener und direkter Blick auf. Mann Otto führt eine Zimmerei. Das Ehepaar hat drei eigene und zwei Pflegekinder grossgezogen und wohnt in Wettingen. Vier Enkel gehörten mittlerweile zur riesigen und intakten Familie. Ein wichtiger Halt für die Hope-Leiterin seit 2007. Denn im Beruf hat sie vorwiegend mit Menschen zu tun, die keine Familienbande mehr haben. «Einsamkeit ist heutzutage das grösste Problem in unserer Gesellschaft», weiss Fleischmann aus Erfahrung, «wir betreuen nicht nur mittellose, sondern auch finanziell gut gestellte Leute, die einfach niemanden haben. Durch das ständige Alleinsein verwahrlosen sie geistig und seelisch.»

Das 18-köpfige Team des Christlichen Sozialwerks Hope steht pro Woche mit mindestens 300 Personen in Kontakt, die in einer Notlage sind. Rund 50 Prozent davon sind Schweizerinnen und Schweizer. Den Hilfsbedürftigen ihre Würde zurückzugeben, ist eines der wichtigsten Anliegen von Fleischmann und ihren Mitarbeitenden: «Oft werden Menschen, die nicht funktionieren wie andere und erfolglos sind, von der Gesellschaft verachtet. Sie erhalten keine Wertschätzung, obwohl sie diese genauso nötig haben wie wir.» Soziale Integration sei das Ziel aller Bemühungen und Angebote wie Workshops, Spaghetti-Essen, Finanzberatungen etc. – gestalte sich aber halt oft als sehr schwierig.

Was treibt die gelernte Sozialarbeiterin und ehemalige Primarlehrerin dazu, sich so ausgeprägt für Menschen einzusetzen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen? «Mein Motor für die Arbeit, die ich mache, ist der Glaube an Gott und die Nächstenliebe», sagt Fleischmann und fügt hinzu, «zum anderen der klare Entscheid, mich durch nichts runterziehen zu lassen. Denn dann könnte ich nicht mehr helfen.»

Bald mit dem Boot durch Europa

Das Hope ist für viele Besucherinnen und Besucher eine Art Ersatzfamilie geworden. Weihnachten wird am 20. Dezember mit allen im Gemeindezentrum Bethel in Wettingen gefeiert. Es gibt kleine Geschenke und ein festliches Essen. Ein Grossteil der Lebensmittel, die das zu 65 Prozent von Spenden getragene christliche Sozialwerk verwendet, kommt von der Schweizer Tafel und Manor.

Wie begeht die Hope-Leiterin, die täglich mit viel Elend konfrontiert ist, privat Weihnachten? «Unsere Familien kommen zusammen. Ich liebe es, Gäste zu haben und sie zu bewirten. Aber statt Weihnachten feiere ich eigentlich lieber jeden Tag mit einer lebendigen Beziehung zu Gott», meint sie etwas nachdenklich und streicht sich eine grau melierte Haarsträhne aus dem Gesicht. Gibt es zu Hause Geschenke? «Ja, mein Mann und ich haben uns neue Fender für unser Hausboot auf dem Rhein geschenkt. Wenn wir pensioniert sind, möchten wir damit in ganz Europa herumtuckern», verrät sie und auf ihrem Gesicht breitet sich ein Strahlen aus.