Er gehe nur ab und zu ins Spielcasino: «Wenn ich eine Finanz-Spritze bekommen habe», antwortete Mauro (Name geändert) auf die entsprechende Frage von Einzelrichterin Gabriella Fehr.

Mitte September letzten Jahres war es wieder einmal so weit gewesen. Die «Finanz-Spritze» hatte aus dem Haushaltsgeld für seine vierköpfige Familie bestanden. Mit dem Ersparten in der Tasche war Mauro aus dem Züribiet nach Baden gefahren und hatte damit im Casino einarmige und andere mechanische Banditen gefüttert. Diese aber schluckten weitaus grössere Geldmengen, als sie ausspuckten, und so waren, als der Morgen dämmerte, Mauros Taschen leer.

700 bis 1000 Franken verspielt

Er habe, sagt Mauro, zwischen 700 und 1000 Franken verspielt gehabt. Da muss ihm das fremde Portemonnaie, das bei den Automaten so ganz alleine auf einem Stuhl lag, als Geschenk des Himmels erschienen sein. Jedenfalls machte der 42-Jährige sich mit dem «Geschenk» im Hosensack auf den Heimweg.

Allerdings war er, als er das Portemonnaie einsteckte, von den Überwachungskameras gefilmt worden. So kam es, dass Mauro wenig später bei der Staatsanwaltschaft vortraben musste und dass ihm schliesslich ein Strafbefehl wegen Diebstahls und Verletzung der Verkehrsregeln ins Haus flatterte.

Denn beim Untersuchungsrichter hatte er ausgesagt, während der Heimfahrt auf der Autobahn das Portemonnaie näher unter die Lupe genommen und – weil darin nebst Karten nur 80 Franken waren – es aus Wut und Enttäuschung samt Inhalt bei Spreitenbach aus dem Wagen geworfen zu haben.

Zwei verschiedene Aussagen

Weil das, was Mauro während des Fahrens getan hat, «die Vornahme einer Verrichtung, welche die Bedienung eines Fahrzeugs erschwert», und weil man ein einsames Portemonnaie nicht einfach mitnehmen darf, wurde er zu einer Geldstrafe von 1400 Franken bedingt und 600 Franken Busse verurteilt. Mauro nahm sich einen Anwalt und erhob Einspruch gegen den Strafbefehl. Ob der Anwalt aus Zürich bei der Richterin im Aargau rein äusserlich gutes Wetter machen wollte, blieb offen: Jedenfalls trug er weisse Socken.

Gegenüber Gabriella Fehr erklärte der Beschuldigte, erst bei der Ankunft daheim ins fremde Portemonnaie geschaut zu haben. Die 80 Franken habe er rausgenommen und den Rest, samt dem Münz, in den nahen Fluss geworfen. Diese Version bezeichnete die Richterin indes als «Schutzbehauptung, wegen der Verkehrsregel-Verletzung».

«Ich habe noch nie etwas geklaut»

Der rechtmässige Besitzer hatte als Inhalt 250 Franken Bargeld und – zusammen mit Portemonnaie und den Umtrieben zur Wiederbeschaffung der Karten – einen Schaden von insgesamt 600 Franken geltend gemacht. Dies hatte Mauro akzeptiert.

Sein Anwalt widerrief in seinem Plädoyer die Anerkennung des Schadens. Wortreich und mit allerlei juristischen Loopings forderte er Freisprüche in beiden Punkten. In seinem Schlusswort versicherte Mauro, dass er das Ganze zutiefst bereue: «Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas geklaut, nicht einmal einen Kaugummi.»

Dennoch: Richterin Fehr verurteilte den 42-Jährigen gemäss Strafbefehl. Sie bezeichnete als «sehr aussergewöhnlich, dass der Verurteilte das Portemonnaie mit dem gesamten Inhalt aus dem Autofenster geworfen haben will». Angesichts von Mauros «schwieriger finanzieller Situation» reduzierte Fehr die bedingte Geldstrafe auf 1000 Franken. Zu der ebenfalls reduzierten Busse von 500 Franken, die Mauro bezahlen muss, gesellen sich für ihn die Verfahrens- und die Anwaltskosten.