Baden
Sprachanalyse zeigt: Geri Müller mag Verben, Roger Huber neigt zu Floskeln

Sonja Kolberg von der Hochschule Luzern hat die Sprache der Badener Stadtammann-Kandidaten Roger Huber und Geri Müller analysiert. Fazit: «Geri Müller legt die Karten auf den Tisch, während Roger Huber sich einer Festlegung charmant entzieht.»

Pirmin Kramer
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Geri Müller (links) und Roger Huber rühren einträchtig im Suppentopf.

Geri Müller (links) und Roger Huber rühren einträchtig im Suppentopf.

Carolin Frei

Das Medieninteresse am Badener Wahlkampf war gross, die Kandidaten gaben Dutzende Interviews.

Sonja Kolberg, promovierte Dozentin für Kommunikation an der Hochschule Luzern, hat für ihren Blog eines dieser Interviews analysiert – sie befasste sich mit den Antworten, welche die Stadtammann-Kandidaten Geri Müller und Roger Huber dem «Sonntag» gaben. Das Fazit der Dozentin: «Geri Müller legt die Karten auf den Tisch, ohne mit der Wimper zu zucken, während Roger Huber sich einer Festlegung charmant entzieht.»

Auf die Frage etwa, wie viel Geld er für den Wahlkampf ausgab, antwortete Müller: «3000 Franken». Huber sagte, das wisse er erst nach Vorliegen der Schlussrechnung.

«Welches Einkommen und Vermögen versteuern Sie?», lautete eine weitere Frage. Geri Müllers Antwort: «98'000 und 0». Roger Huber sagte: «Hier nehme ich den zur Verfügung stehenden Joker in Anspruch.»

Der Eindruck von Unbestimmtheit auf der einen und Eindeutigkeit auf der anderen Seite werde durch den Sprachstil der beiden Badener Politiker noch verstärkt. Geri Müller habe die Strategie der Verdeutlichung gewählt, Roger Huber die Taktik der sprachlichen Verwischung. «Der Jurist Huber liebt Sätze mit möglichst vielen abstrakten Nomen und wenig Verben.»

«Huber: Abstrakte Begriffe»

Als Beispiel hierfür führt sie folgende Antwort Hubers auf: «Ein Ansatz ist die Umsetzung der vom Einwohnerrat verabschiedeten Wohnbaustrategie durch die städtische Wohnbaustiftung.»

Bei Huber mache sich ausserdem eine Neigung zu abstrakten Begriffen und floskelhaften Wendungen bemerkbar. Die Volksbefragung zeige «konkrete Perspektiven», die «erfolgreiche Zusammenarbeit» der Polizei und Gemeinden müsse man «vertiefen», und zwar insbesondere «im Bereich Einbruchstourismus». «Solche Floskeln schläfern die Erwartung der Leser ein, dass sie etwas Neues erfahren», sagt Kolberg.

Geri Müllers Antworten im Interview seien hingegen geprägt durch Verben, dies mache die Sätze verständlich: «Die Wohnkosten steigen immer mehr an, sodass etwa Junge und Familien immer mehr Probleme bekommen.»

Ausserdem setze Müller auf Schlüsselwörter – mit dem Risiko allerdings, dass sie für Andersdenkende als Reizwörter wirken könnten: «Quartierautonomie», «offene Gesellschaft», «Integrationskraft», «Mitverantwortung».

Zudem konkretisiere er Sachverhalte, indem er sie in sprachliche Bilder packe: ein «Strauss» von Massnahmen, ein «Rucksack» im Juristischen.

«Müller: Verben und Reizwörter»

Am meisten gewinne Müller paradoxerweise bei der Frage, worin seine prägendste persönliche Niederlage bestehe. Er erzählt die Geschichte seines leidenschaftlichen, aber ergebnislosen Kampfs gegen den Rauswurf eines Mitschülers.

«Geschichten ermöglichen Identifikation und wecken Emotionen», erklärt Kolberg. Sein Kontrahent habe sich im Interview bei der Frage nach seiner prägendsten Niederlage lieber nicht outen wollen.

«Es sind die kleinen positiven und weniger positiven Erlebnisse des Alltags, die mich prägen und weiterbringen.» Huber verbleibe einmal mehr im Abstrakten – und vergebe sich damit die Chance, für die Leser als Mensch mit Stärken und Schwächen fassbar zu werden.

Kandidierende im Wahlkampf befänden sich oft in einem Dilemma, erklärt Kolberg. Einerseits müssten sie sich im Gespräch mit den Medien profilieren, auch um sich von ihren Kontrahenten abzugrenzen. Andererseits berge eine zu starke Zuspitzung die Gefahr, dass sich weniger Menschen mit ihrer Position identifizieren.

Warum hat Kolberg die Sprache der Badener Politiker untersucht? Politische Interessen habe sie keine verfolgt, versichert sie. «Unter dem Deckmantel der Wissenschaft Politik betreiben – das wäre nicht gut.»

Sie sei auf der Suche nach einem Thema für ihren Blog zum Thema Verständlichkeit auf der Website der Hochschule Luzern gewesen. Das Interview habe sie als Wissenschaftlerin durch das interessante Setting inspiriert: gleiche Frage – zwei verschiedene Antworttypen. «Das war für einen Vergleich punkto Verständlichkeit sehr ergiebig.»