Spreitenbach
Überraschung bei Bauarbeiten: Zum ersten Mal wurden in der Schweizer Kanalisation Fledermäuse entdeckt

Arbeiter auf der Spreitenbacher Limmattalbahn-Baustelle trauten ihren Augen kaum: Als sie einen Schachtdeckel hoben, fanden sie Wasserfledermäuse darunter. Ein ungewöhnlicher Ort für diese Tiere. Jede Nacht fliegen die Weibchen 1,4 Kilometer durch die Rohre – um auf der Limmat Insekten zu jagen.

Claudia Laube
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Die Bauarbeiter können ihren Fund kaum fassen, wie im Video von Bauführer Raymond Witter zu hören ist.

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«Das hab' ich noch nie gesehen!» – «Was machen die denn hier drin?» – «Das gibt es ja gar nicht!» Diese erstaunten Rufe sind im Video von Bauführer Raymond Witter zu hören, kurz nachdem seine Mitarbeiter Ende Juni einen Schachtdeckel in der Nähe der Spreitenbacher Ikea geöffnet hatten. An den Wänden hingen mehrere Fledermäuse, die vom plötzlichen Tageslichteinfall aufgeschreckt wurden.

Andres Beck ist der kantonale Schutzbeauftragte für Fledermäuse.

Andres Beck ist der kantonale Schutzbeauftragte für Fledermäuse.

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Die Bauarbeiten wurden an dieser Stelle sofort unterbrochen. Witter wandte sich an das Umweltbegleitbüro der Limmattalbahn-Baustelle. Dieses nahm mit dem kantonalen Fledermausschutz-Beauftragten Andres Beck Kontakt auf. Nicht nur den Bauarbeitern, auch ihm ist noch keine Fledermaus-Kolonie begegnet, die weit ins künstliche Höhlensystem des Kanalisationsnetzes eingedrungen ist: «Bisher ist mir in der ganzen Schweiz noch kein solcher Fall bekannt», sagt Beck.

Wasserfledermaus-Weibchen benötigen von Mitte Juni bis Mitte Juli warme und sichere Höhlen, um in Ruhe ihre Jungen versorgen zu können. Diese kommen ohne Haare zur Welt und können auch noch nicht fliegen. Für die Aufzucht sind vor allem Baumhöhlen, Dachstöcke oder Brückenspalten geläufig. Dass Wasserfledermäuse das Spreitenbacher Kanalisationsnetz als Rückzugsort gewählt haben, findet Beck genial:

«Wenn auf einen Schachtdeckel die Sonne scheint, heizt das den Platz darunter natürlich auf – und wirkt so wie eine Wärmeglocke.»

Um genug Milch für den Nachwuchs produzieren zu können, jagen Wasserfledermäuse rund sechs bis sieben Stunden pro Nacht knapp über der Wasseroberfläche nach Insekten. In Spreitenbach fliegen sie dafür 1,4 Kilometer durch Rohre mit 1,2 Metern Durchmesser – unter der Autobahn und dem Rangierbahnhof hindurch – um zur Limmat zu gelangen.

Welcher der vier Ausgänge, die in den Fluss münden, dazu genutzt wird, musste Beck erst in Erfahrung bringen. Deshalb bezog er eines Nachts gemeinsam mit Freiwilligen an den Ausgängen Stellung – mit einem Infrarot-Nachtsichtgerät. Nachdem sie den Ausflugsort lokalisiert hatten, konnte gezählt werden, wie viele Tiere in der Spreitenbacher Kanalisation leben: insgesamt 110 Weibchen.

Die Anzahl kann so genau bestimmt werden, weil sie einzeln herausfliegen. Auch dass keine Männchen darunter sind, ist klar: Diese sind nur für die Paarung im Herbst zuständig und deshalb im Sommer im Wald zu finden.

Entdeckung wird sich auf Becks künftige Arbeit auswirken

Dass die Spreitenbacher Fledermäuse mehr als einen Kilometer pro Nacht hinter sich bringen, überrascht Beck ebenfalls. Hat es im hiesigen Kanalisationsnetz doch Dutzende Schachtdeckel, die näher zur Limmat liegen würden: «Vielleicht waren sie erst woanders und es hat ihnen dort wegen der Bauarbeiten nicht gepasst, weshalb sie einen anderen Ort aufgesucht haben.» Das ging aber nur, solange sie noch keine Jungen hatten. Danach müssen sie am selben Ort bleiben, bis der Nachwuchs fliegen kann; in der Regel dauert das zwei bis drei Wochen.

Wasserfledermäuse werden zwischen 10 und 15 Jahre alt. Normalerweise bringen die Weibchen ein Junges pro Jahr zur Welt.

Wasserfledermäuse werden zwischen 10 und 15 Jahre alt. Normalerweise bringen die Weibchen ein Junges pro Jahr zur Welt.

Bild: René Güttinger

Andres Beck nimmt an, dass die Fledermäuse schon seit Jahren im Sommer in der Spreitenbacher Kanalisation leben. Diese Entdeckung wird sich auch auf seine Arbeit auswirken: «Wir können uns bei weiteren Gemeinden, die an Flüssen liegen, durchaus vorstellen, dass es noch andere Kanalisationsnetze gibt, in denen sich Wasserfledermäuse aufhalten», erklärt er.

Das werde nun bei künftigen Bauprojekten oder Wartungsarbeiten berücksichtigt werden müssen, damit diese nicht genau in die Zeit von Juni bis Juli fallen, in denen Fledermäuse Junge haben.

Wegen Hochwasser und Regen haben es Jungtiere schwer

Ob der diesjährige Nachwuchs aber überhaupt durchkommt, das bezweifelt der Schutzbeauftragte:

«Es ist ein katastrophaler Sommer
für Fledermaus-Weibchen.»

Wegen des Hochwassers und des vielen Regens hätten sie nicht sechs bis sieben Stunden pro Nacht jagen können, was eh schon ein knapp bemessenes Zeitfenster sei. Nicht nur, weil sie nass nicht auf die Jagd gehen, sondern auch, weil es zu wenig Nahrung gibt. «Bei Hochwassern fehlt Insekten der Lebensraum, sie können gar nicht erst schlüpfen», erklärt Beck.

Und so können Wasserfledermäuse nicht genug Milch produzieren, um ihre Jungen zu ernähren. Er rechnet damit, dass aktuell nur noch zehn Prozent leben. Und wenn es nun auch keinen guten Herbst gibt, würden die ihren ersten Winter gar nicht überleben: «Es droht der Totalausfall eines ganzen Jahrgangs», befürchtet Beck.

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