Am Nachmittag hat Staatsanwalt Dominik Aufdenblatten sein Plädoyer gehalten.

Er fordert einerseits eine Verurteilung wegen Mord zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe und zudem verlangt er, dass Daniel H. anschliessend lebenslänglich verwahrt wird. Für Aufdenblatten sind alle drei Voraussetzungen erfüllt, die dafür notwendig sind. Insbesondere die Voraussetzung der dauerhaften Nicht-Therapierbarkeit sei erfüllt.

Philipp Mäder kommentiert den zweiten Prozessteil

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Es gehe nicht darum, die Therapierbarkeit bis zum Lebensende zu beurteilen, sondern in den nächsten zehn bis 20 Jahren, meinte Aufdenblatten. «Beide Gutachter haben diese grundsätzliche Nicht-Therapierbarkeit festgestellt.»

Emotionaler Auftritt der Eltern

Auf Antrag des Opferanwaltes wurden zu Beginn der Verhandlung am Nachmittag die Eltern des getöteten 16-jährigen Au-pairs Lucie befragt. Der Vater sprach unter Tränen von «Horrortagen».

Sie hätten keine Hilfe gefunden und hätten sich selbst helfen müssen. Die Befragung des Vaters musste abgebrochen werden.

Nach dem Verschwinden ihrer Tochter hätten sie Momente der Angst und der Hoffnung erlebt, sagte die Mutter. Mit der Nachricht des Todes ihrer Tocher sei für sie eine Welt zusammengebrochen. «Es war, als wäre ich auch gestorben», sagte die Mutter.

Therapie müsste Jahrzehnte dauern

Die beiden Gutachter Thomas Knecht und Volker Dittmann wollten sich nicht eindeutig festlegen, waren sich aber einig, dass eine Therapie Jahrzehnte dauern müsste, um allenfalls erfolgreich zu sein. Weiter ging es um die Frage, wie weit sexuelle Motive beim Täter eine Rolle gespielt haben. Die Gutachter sind der Auffassung, dass eine Therapie dann schwieriger ist, wenn sexuelle Motive im Vordergrund standen.

Die Gutachter bezweifelten zudem, dass der Täter tatsächlich willens ist, sich vollumfänglich auf eine Therapie einzulassen. So will er beispielsweise nicht über allfällige sexuelle Motive sprechen, was ein schlechtes Zeichen ist.

Routiniert junge Frauen angesprochen

Gutachter Thomas Knecht führte aus, dass der Täter beim sogenannten Psychopathie-Check eine unerwartet hohe Punktezahl erreicht hat. «Bei diesem Ergebnis ist eine hohe Wiederholungsrate zu erwarten. Und es ist in Frage gestellt, ob der Täter überhaupt zu therapieren ist.» Knecht verglich Daniel H. mit dem berühmten Serienmörder Ted Bundy. «Beim Täter ist ein ähnliches Serienelement vorhanden. So sprach er routiniert junge Frauen an.»

Beide Gutachter sprachen sich auf Fragen des Gerichtspräsidenten oder auch der Staatsanwaltschaft nicht explizit für eine lebenslange Verwahrung aus. Diese ist im Schweizerischen Strafgesetzbuch im Artikel 64 1bis geregelt.

Philipp Mäder, stellvertretender az-Chefredaktor, über den Lucie-Prozess

Philipp Mäder, stellvertretender az-Chefredaktor, über den Lucie-Prozess

«Der Täter wird als dauerhaft nicht therapierbar eingestuft, weil die Behandlung langfristig keinen Erfolg verspricht», heisst es bei den Voraussetzungen für eine lebenslange Verwahrung. Die Gutachter taten sich vor Gericht schwer mit Begriffen wie «dauerhaft» oder «langfristig». Es sei schwierig, Prognosen über mehr als 10 oder 15 Jahre zu erstellen.

Daniel H. will ein besserer Mensch werden

Daniel H. zeigte vor Gericht grosse Reue. Der 28-Jährige bezeichnete seine Tat als «bestialisch und schrecklich». Er wolle ein «besserer Mensch» werden, gab er vor dem Bezirksgericht Baden zu Protokoll. Er strebe eine Therapie in einer stationären Massnahme an, will also nicht verwahrt werden. Allerdings sieht Lucies Mörder nach wie vor kein sexuelles Motiv. Dies, obwohl in der Badewanne, in der Lucie gefunden wurde, und auch auf der Leiche selbst, Sperma gefunden wurde.

Gerichtszeichnerin: Daniel H. wirkte wie auf Drogen

Gerichtszeichnerin: Daniel H. wirkte wie auf Drogen

Dazu sagte Daniel H., dass er zehn Tage vor der Tat mit seiner damaligen Freundin Sex in der Badewanne gehabt habe. Das Sperma habe von da auf den Körper von Lucie kommen müssen. Zudem hat Daniel H. vor Gericht frühere Aussagen zurückgezogen.

«Ich kann die Tat nicht nachvollziehen», sagte Daniel H. vor Gericht. Er gibt Lucie aber indirekt auch eine Mitschuld an der Tat. Als Lucie bemerkt habe, dass es nicht zu einem Foto-Shooting kommen würde, habe es einen Konflikt gegeben. «Da wurde ich aggressiv». Lucie habe immer wieder gefragt, warum es nicht zum Fotoshooting komme. Daniel H. habe sie daraufhin vor die Tür gestellt, aber Lucie habe nicht gehen wollen. «Da habe ich eine Hantel geholt und zugeschlagen.» Daniel H. wiederholte vor Gericht, dass er «in einen geschlossenen Rahmen wollte».

Der Angeklagte beschrieb den Mord ruhig und sachlich. Er habe kurz vor der Tat am 4. März 2009 gemerkt, dass es mit seinem Alkohol- und Kokainkonsum nicht weitergehen könne. Darauf habe er der Bewährungshilfe angerufen und den Drogenkonsum gemeldet. Der geständige Täter zeigte sich vor Gericht schuldig. «Es tut mir von Herzen leid. Ich denke fast jeden Abend über die Tat nach.»

Er habe die Entzugsklinik in Neuenhof aufgesucht. Dort sei er jedoch vertröstet worden, weil er eine halbe Stunde zu spät erschienen sei.

Den Tod in Kauf genommen

«Da hätten Sie etwas anderes tun können, als ein 16-jähriges Mädchen zu töten», sagte Gerichtspräsident Peter Rüegg. Er könne die Tat nicht erklären, sagte Daniel H., er habe zu diesem Zeitpunkt den Tod in Kauf genommen. «Ich war wütend gegenüber mir selbst und allen anderen.» Als sie bewusstlos gewesen sei, habe er ein Messer geholt, damit sie nicht leiden müsse.

Die Verhandlung startete mit 40 Minuten Verspätung wegen des grossen Medieninteresses. Am Morgen sagte der Zeuge Patrick T. aus. Der Oberarzt der psychiatrische Dienste Aargau (PDAG) betreut Daniel H. alle 14 Tage für eine Stunde. Vor Gericht sagte Patrick T.: «Daniel H. zeigte zuerst überhaupt keine Opferempathie.» Auffällig sei gewesen, dass der Täter durch die Tat anfänglich nicht belastet war. Erst durch die Berichterstattung zeigte er Reue für seine Tat.

Gestörte Beziehung zu Frauen

Nach Aussagen des Therapeuten zeigte der Angeklagte zunächst kein Bedauern und nahm eine «fatalistische Haltung» zum Delikt ein. Er habe sich angesichts der drohenden lebenslänglichen Verwahrung sehr bemüht gezeigt. Der Angeklagte habe ihm angegeben, dass er eine gestörte Beziehung zu Frauen habe.

Mit dem Drogenkonsum hörte der Angeklagte auch im Strafvollzug nicht auf. Er sei zwei Mal positiv auf Cannabis getestet worden, sagte der Therapeut. In den vergangenen Wochen habe der Angeklagte eine Urinprobe verweigert.

Der Angeklagte gab vor Gericht zu, im Gefängnis gekifft zu haben. Es sei einfach, im Gefängnis an Cannabis zu kommen.

Vor dem Prozess

Wer sich heute Morgen in Untersiggenthal aufhielt, wundert sich vieleicht über das Grossaufgebot der Polizei. Im beschaulichen Dorf findet heute und morgen Mittwoch der Prozess gegen Daniel H. statt, der im März 2009 in Baden Lucie Trezzini umgebracht hatte.

Punkt 8.10 Uhr schlossen die Türen des Gemeindesaals. Der Prozess wurde aufgrund der grossen Medienpräsenz vorgängig vom Badener «Falken» in den grösseren Gemeindesaal in Untersiggenthal verlegt worden. So haben sich nicht weniger als 53 Medienvertreter zur Verhandlung akkreditiert. Der Prozess ist ausserdem der Öffentlichkeit zugänglich: Frühes Erscheinen war für die Zuschauer Pflicht.

Der Prozess ist auf zwei Tage angesetzt. Heute Morgen sagt der einzige vorgeladene Zeuge aus, dann folgt die Befragung des Angeklagten Daniel H. selbst. Unter grossem Polizeiaufkommen war er heute Morgen in Untersiggenthal angekommen und in den Saal geführt worden.

Hat Daniel H. ausgesagt, folgen die Plädoyers der Parteien. Als Erstes wird der Staatsanwalt die Anklage und den Strafantrag begründen. Anschliessend haben die Anwälte der Zivilpartei das Wort. Ankläger ist Staatsanwalt Dominik Aufdenblatten, er fordert die Verwahrung von Daniel H.

Morgen Mittwoch folgen je nach Entwicklung der Verhandlung Plädoyers, bevor es im Laufe des Nachmittags zur Urteilsverkündung kommt. (sha/mäd/dno/sda)

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