Eine Analyse von Michael Hermann deckt Erstaunliches auf. Der Leiter der zur Universität Zürich gehörenden Forschungsstelle «sotomo» hat das Wahlverhalten der Auslandschweizer bei den Nationalratswahlen im vergangenen Oktober untersucht. Das rot-grüne Lager ist bei der auf der ganzen Welt verstreuten fünften Schweiz klar übervertreten. Das nationalkonservative Lager ist dagegen untervertreten.

Nimmt man alle Gemeinden der Schweiz als Referenz, so gleicht das politische Profil der Stadt Baden demjenigen der Auslandschweizer am meisten.

Badener Politiker sind nicht überrascht

Der Badener Vizeammann Geri Müller sagt: «Baden war schon immer eine weltoffene Stadt. Einerseits reisten die Badener viel, andererseits kamen schon früh Badegäste und Industriearbeiter zu uns.» FDP-Grossrat Thierry Burkart erachtet den Befund der Studie als Zufallsprodukt: «Die Auslandschweizer leben halt auch eher in urbanen Gebieten, was die Ähnlichkeit erklärt. Dazu kommt, dass die Leute mehr vom Staat erwarten statt Selbstverantwortung zu übernehmen.»

Auch für SP-Grossrat Jürg Caflisch aus Baden ist dieser Befund keine grosse Überraschung: «Baden hat seit den BBC-Zeiten ein urbanes und öffnungsorientiertes Profil und ist sicher fortschrittlicher als der Kanton Aargau. Dass das Profil demjenigen der Auslandschweizer so genau entspricht, darf nicht überbewertet werden.»

Auslandschweizer bevorzugen die SP

Genauso wie die Stimmbürger Badens liegen die Auslandschweizer nicht allzu weit von der Schweizer Mitte entfernt. Auffallend ist aber, dass im Herbst 2011 15 Prozent der Stimmen auf die Grünen entfielen. Damit war der Stimmenanteil bei den Grünen fast doppelt so hoch wie beim inländischen Stimmvolk.

Der Wähleranteil der Grünen wäre ohne die Stimmen der Auslandschweizer bei 8,2 Prozent statt bei 8,4 Prozent gelegen. Die beliebteste Partei war die SP mit 21 Prozent, knapp gefolgt von der SVP, die auf 20 Prozent kam. Auffällig ist auch, dass die eher im ländlichen Raum verankerten Parteien CVP und BDP schwach abschnitten.

Zurückhaltend in der Umweltpolitik

Vor dem Hintergrund des grossen Rückhalts, den die Grüne Partei bei den Auslandschweizern geniesst, ist deren Zurückhaltung in der Umweltpolitik allerdings bemerkenswert, schreibt Michael Hermann über seine Studie. «Das beobachten wir immer wieder. Wenn es konkret wird, überlegen sich die Leute, ob die Vorlage ihr Leben beeinträchtigen könnte», sagt der grüne Nationalrat Geri Müller.

«Das die Grünen bei den Auslandschweizern so gut abschneiden, überrascht mich», so Caflisch. «Eigentlich müsste die FDP bei den Auslandschweizern besser abschneiden, aber die Partei scheint ihre Botschaft nicht wirksam vermittelt zu haben.» Bei den vorletzten Nationalratswahlen habe man die Auslandschweizer bewusst bewirtschaftet, so Burkart. Bei den letzten Wahlen sei das eher vernachlässigt worden.