Pionierinnen

Stadtführung auf den Spuren von Badenerinnen, die Geschichte schrieben

In langen Röcken, dunklen Strümpfen und adretten weissen Blusen turnen Wettinger Frauen auf dem Bild, welches Stadtführerin Beatrice Candrian während der Tour «Geschichten von Frauen, die Baden und die Welt bewegten» ihrem Publikum zeigt. Das Foto entstand um die 1920er-Jahre und war damals eine kleine Sensation. Denn Sport galt für die weibliche Spezies bis dato als unpassend und setzte sich nur langsam durch. Bäderarzt Dr. Josef Ernst Markwalder (1867–1947) liess sich erst zu einem Vortrag über «Frauen und Sport» hinreissen, als er ein schlagkräftiges Argument gefunden hatte: nämlich, dass Frauen nach der körperlichen Ertüchtigung fähiger seien, «gesunde Buben zu gebären». Candrian erzählt auf der Tour durch die Badener Altstadt bis in die Parkanlage der Villa Boveri, was ihre Geschlechtsgenossinnen alles erwirken mussten, um einigermassen gleichberechtigt angesehen zu werden.

Und das löst immer wieder ungläubiges Kopfschütteln aus. Frauen waren Menschen zweiter Klasse. Von der Kanzel wurde weltweit und auch den Badener Untertanen eingebläut, dass der Mann das einzige Ebenbild Gottes sei. «Frauen neigen zu Zank- und Eifersucht und sind dazu da, vom Mann zu Demut und Gehorsamkeit erzogen zu werden», hiess es.

Widerstand gegen Dominanz der Männer

Doch immer wieder gab es weibliche Figuren, die die Geschichte neu schrieben und sich gegen die männliche Dominanz wehrten. Wie die Hebamme Emily, die in Baden 249 Kinder auf die Welt brachte. Zu Fuss war sie zwischen den 1870er- und 1890er-Jahren nonstop mit ihrem Köfferchen unterwegs. Darin eine Klistierspritze, Thermometer und Röhrchen mit Eisenlösung, Salmiakgeist und Kirsch oder Cognac (gegen Schmerzen). «Ihr Lohn bestand wegen der grassierenden Armut oft aus Naturalien. Aber sie liebte ihren Job», bekundet Candrian vor der Schlossberg-Apotheke und macht auch einen Exkurs zu Florence Nightingale, die im 19. Jahrhundert als Krankenschwester die Gesundheitsversorgung revolutionierte, statt auf Wunsch ihrer Eltern in den Adel einzuheiraten. Vor dem Frauenwohnhaus Marienheim am Moserweg 2 kommt das Schicksal von Mädchen zu Gehör, die im Alter von 12 oder 13 Jahren als Dienstmagd in Anstellung gehen mussten, um sich ihre Aussteuer zu verdienen. Ein hartes karges Leben ohne Zukunftsperspektiven. Marie, die ab 1891 im grossbürgerlichen Haushalt der Boveri-Familie im heutigen Ledergerber-Haus tätig war, stieg jedoch dank ihrer Tüchtigkeit in der Angestellten-Hierarchie auf. Sie überwachte die zahlreichen Einladungen, ging mit auf Reisen und war das «Kinderfräulein» für den Nachwuchs.

Auch von Lisbeth Sachs aus Ennetbaden ist die Rede. Sie studierte gegen den Widerstand ihrer Eltern als eine der ersten Schweizer Frauen Architektur. Mit Alvar Aalto entwarf sie den finnischen Pavillon für die Weltausstellung 1939 in New York, der mit dem 1. Preis ausgezeichnet wurde. Bekannt ist Sachs aber vor allem, weil sie gegen die damals schon starke Badener Architektenszene als einzige Frau im Wettbewerb für den Bau des Kurtheaters antrat. Und diesen gewann. Nach dem Zweiten Weltkrieg realisierte sie 1951/52 ihre Pläne. «Niemand durfte ihr dreinreden», erzählt Candrian und lacht.

Seit Beginn der Industrialisierung in Baden arbeiteten 52% Frauen in den Spinnereien und Webereien. Um ihre Jobs zu machen, standen sie 14 bis 16 Stunden in den staubigen und lärmerfüllten Hallen. Über Mittag kochten sie das Essen für die Kinder und den Mann, um dann gleich wieder an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Ob bei der BBC (Gründungsjahr 1891) Frauen im Einsatz waren, steht auch in der Festschrift zum 50-Jahr-Jubiläum mit keinem Wort. Nur von Männern ist die Rede. Einzig in der BBC-Hauszeitung 1941 ist eine E.R. erwähnt, die defekte Transformatoren wieder in Schuss brachte. «Aber man weiss, dass in den Kabinenhäuschen der Kräne meistens Frauen sassen. Sie konnten mit feiner weiblicher Hand tonnenschwere Lasten punktgenau auf die richtige Stelle setzen», erzählt Stadtführerin Candrian.

Frauen, die studierten, galten als sittenlos

Zu den Pionierinnen in der Badener Frauengeschichte gehört auch Anne Marie Höchli, die erst letztes Jahr mit 95 verstarb. Die ausgebildete Lehrerin war Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes. Zudem gehörte sie zu den drei ersten Frauen, die 1972 in den Badener Einwohnerrat gewählt wurden. «Immer schön dranbleiben und sanft, aber hartnäckig nachstossen», sei ihre Devise gewesen, wenn sie darauf angefragt wurde, wie sie sich gegen die Männer-Domäne behaupten könne. Viele andere weibliche Persönlichkeiten, die über 500 Jahrhunderte die Geschichte veränderten, werden an der Stadtführung «Geschichten von Frauen, die Baden und die Welt bewegten» thematisiert.

Das Finale findet in der Parkanlage der Boveri-Villa am Ländliweg statt und geht einen Zeitschritt zurück. Candrian zeigt den Exkursions-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern das Hochzeitsfoto aus dem Jahr 1926 von Victoire Haemmerli-Boveri, Tochter des BBC-Firmengründers Walter Boveri. Sie studierte trotz Gegenwehr ihrer Eltern Biologie an der Uni Zürich. Studierenden Frauen wurden zu ihrer Zeit noch Sittenlosigkeit und egoistisches Machtstreben unterstellt. Aber Victoire war gut in ihrem Fach.

Als sie allerdings vor die Wahl gestellt wurde, an einer Universität in Sizilien zu doktorieren oder den Heiratsantrag von Victor Haemmerli anzunehmen, entschied sie sich für die Liebe. Denn ein Leben als Familien- und Berufsfrau gleichzeitig stand damals nicht zur Diskussion. Beatrice Candrian, die seit 30 Jahren Stadtführerin ist, erzählt über viele aus heutiger Sicht haarsträubende Frauenschicksale. Aber auch über mutige Vorreiterinnen, die ihren Geschlechtsgenossinnen später den Weg geebnet haben.

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