Baden
Stadtoriginal Jan ist zurück: «Baden ist und bleibt meine Heimat»

Das Badener Stadtoriginal Jan Swiech erzählt von seiner grossen Liebe Heidi, den gemeinsamen Kindern, die sie selbst nicht aufziehen konnten, und seiner Stammbeiz – der «Go in»-Bar.

Von Martin Rupf
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Jan Swiech ist in Polen geboren und sagt heute. «Baden ist und bleibt meine Heimat.»

Jan Swiech ist in Polen geboren und sagt heute. «Baden ist und bleibt meine Heimat.»

Alex Spichale

Jan und Heidi; Viele Jahre gehörte das Paar ebenso zur Stadt Baden wie der Stadtturm, die Holzbrücke oder das Lindenhochhaus. Nicht nur fiel das Gassen-Paar durch sein spezielles Äusseres auf. Nein, nicht selten machten die beiden auch akustisch auf sich aufmerksam, wenn Heidi ihrem Jan wieder einmal mitten in der Einkaufsstrasse laut und deutlich die Leviten las. Doch seit einigen Jahren schon hat man die vertrauten Stimmen nicht mehr gehört; lange Zeit sah man Jan und Heidi nicht mehr in der Stadt. Gerüchte gingen um; viele fragen sich gar, ob die beiden Originale überhaupt noch leben.

Eine Aufnahme von Jan Swiech aus früheren Jahren.

Eine Aufnahme von Jan Swiech aus früheren Jahren.

Zur Verfügung gestellt

Seit einiger Zeit ist Jan wieder öfters auf Badens Strassen anzutreffen. Doch von Heidi fehlt jede Spur. Wo war er so lange, was ist mit Heidi passiert? Zum Gespräch trifft sich das «Badener Tagblatt» mit Jan im Café des christlichen Hilfswerks Hope. Jan geht es an diesem Tag nicht besonders gut, trotzdem gibt er sich alle Mühe, die Fragen so genau wie möglich zu beantworten. Jan Swiech, wie er zum vollen Namen heisst, wurde 1952 in der polnischen Stadt Ryglice geboren und verbrachte dort eine glückliche Kindheit.

Nach der Schule absolvierte er eine Lehre als Mechaniker, ehe es ihn ins Ausland verschlug. «Wir hatten damals grosse Angst vor einem möglichen Atomkrieg, weshalb ich 1972 schliesslich um politisches Asyl in der Schweiz ersuchte», erinnert sich Jan. Die Schweiz – am Anfang Zürich und später Baden – seien ihm bald zur Heimat geworden. Er arbeitete als Betriebsschlosser und als Werkzeugmacher bei der BBC. Hier in Baden lernte er auch seine Heidi kennen. «Sie war eine wahnsinnig gut aussehende Frau», sagt Jan mit einem Funkeln in den Augen.

Mit dem Velo in die Stadt

Was sich in den folgenden Jahren abspielte, kann der 63-Jährige nur in Bruchstücken wiedergeben – auch weshalb er länger Zeit nicht mehr in Baden anzutreffen war. So viel steht fest, es waren keine einfachen Jahre. Bald seien er und Heidi mit Drogen in Berührung gekommen. Ein Leben auf der Gasse oder in immer wieder neuen Wohnungen war die Folge. 1985 kam ihre gemeinsame Tochter auf die Welt. Wohl aufgrund der ungünstigen Umstände mussten sie die Tochter aber zur Adoption freigeben. «Es gab damals sehr viele Kräfte, die darauf hingewirkt haben, dass es mit mir und Heidi einfach nicht klappen konnte», deutet Jan an, ohne auf die Details einzugehen.

Für Heidi sei es absolut schlimm gewesen, die Tochter weggeben zu müssen. Er habe seine Tochter einmal gesehen, seither aber nicht mehr. 2001 kam ihr zweites Kind – ein Sohn – zur Welt. Doch auch um dieses Kind konnten sich Jan und Heidi nicht kümmern, weshalb der Bub bei einer Pflegefamilie gross geworden ist. «Ich sehe ihn aber hin und wieder und empfinde jedes Mal sehr grosse Freude», sagt Jan.

Heidi und er sind zwar noch ein Paar, leben aber getrennt. «Wir sehen uns ein paar Mal pro Woche. Entweder ich besuche sie oder sie besucht mich in meiner kleinen Wohnung im Kappelerhof.

Jan Swiech in der «Go in»-Bar

Jan Swiech in der «Go in»-Bar

Alex Spichale

Jeden Tag fahre er – meist mit dem Velo – vom Kappelerhof in die Stadt, um seine Dosis Methadon abzuholen. «Ich fühle mich sehr wohl in dieser Stadt, viele Menschen kennen mich und grüssen mich auch.» Am liebsten gehe er in sein Stammlokal dem «Go in» in der mittleren Gasse. «Die Gäste hier sind wie eine Familie für mich; hier fühle ich mich akzeptiert und respektiert», sagt Jan. «Go in»-Wirt Rolf Gnädinger kennt Jan schon seit über
30 Jahren. «Früher hatte Jan auch seine wilden Seiten; heute ist er ein absolut angenehmer und freundlicher Gast.» Jan sagt dazu: «Ich komme hierher, um ein Glas Wasser oder einen Tee zu trinken, Alkohol trinke ich fast nie.»

Auch im «Hope» treffe er immer wieder gute Menschen. Einer von ihnen war lange Zeit Fred Grob, der während rund 30 Jahren im «Hope» mitgearbeitet hat. «Ich hatte mit Jan und Heidi viele Erlebnisse – gute und weniger gute. Ich hatte auch das Vergnügen, Jans Mutter kennen lernen zu dürfen. Eine kleine, sanftmütige Frau.» Grob glaubt, Jan habe vieles von ihr geerbt. «Denn er hat auch diese barmherzige Seite und ich habe mit ihm oft Gespräche über Gott und die Welt führen dürfen.» Auch wenn er ihn seltener sehe, «haben wir immer grosse Freude, einander zu begegnen», sagt Grob. Trotz seiner speziellen Geschichte bleibe Jan für ihn letztlich ein liebenswerter Mensch. «Ein Original, mit dem ich gerne eine freundschaftliche Beziehung Pflege.»

Mit dem Bus nach Polen

Auf die Frage, ob Jan, wenn er denn eine Bilanz ziehen würde, etwas anders gemacht hätte im Leben, antwortet er: «Hm, ich glaube nicht.» Natürlich, Drogen seien eine sehr gefährliche Sache. «Doch das war damals halt auch eine andere Zeit und in gewissen Situationen können Drogen auch helfen und entspannen.» Aber natürlich fehle ihm oft seine Heidi, «die ich immer noch liebe». Und auch das mit den Kindern mache ihn traurig. Gleichzeitig freue er sich darauf, seinen Teenager-Sohn wieder zu sehen. Und wenn es die Gesundheit zulässt, will er nochmals mit dem Bus nach Polen reisen und seine Mutter besuchen. «Doch Baden ist und bleibt meine Heimat.»