SP und FDP haben in der parteiinternen Ausmarchung ihre Kandidaten nominiert: Jürg Caflisch schwang bei der SP gegen Erich Obrist mit 22 zu 19 Stimmen obenaus, Mario Delvecchio bei der FDP mit 32 zu 26 Stimmen gegen Andrea Libardi.

Dass nicht die Parteien, sondern das Stimmvolk das letzte Wort hat, lässt sich aber in der politischen Geschichte mehrfach nachlesen. Ein Stimmberechtigter hat sich nun zu Wort gemeldet. In einem Leserbrief (siehe rechts) äussert sich alt Stadtrat Peter Conrad unzufrieden über diese Auswahl und bringt Erich Obrist ins Spiel. Nicht verwunderlich, denn sowohl nach der Nomination von Caflisch als auch derjenigen von Delvecchio gab es kritische Stimmen parteiintern wie extern.

Eine Aktion «doch noch Obrist»?

Dass sich mit Conrad ein Bürgerlicher einschaltet und Obrist (SP) gegen seinen Parteikollegen und den freisinnigen Delvecchio ins Rennen schicken möchte, überrascht auf den ersten Blick. Conrad erklärt ungeschminkt: «Hätten die Freisinnigen eine in jeder Beziehung überzeugende Kandidatur präsentiert, hätte ich vielleicht geschwiegen.»

Indem die FDP ihren Kandidaten zudem als Hoffnungsträger bezeichne, werde sie bei den Gesamterneuerungswahlen 2017 wahrscheinlich das Stadtammannamt anstreben», so Conrad. Das sei zwar ihr gutes Recht. «Doch ein in Baden wenig bekannter Bewerber ohne politischen Leistungsausweis wird den jetzigen Amtsinhaber kaum aus dem Sattel werfen können.»

Das Badener Tagblatt hat Erich Obrist gestern mit dem Leserbrief von Conrad konfrontiert. Obrist übt sich in vornehmer Zurückhaltung: «Nach dem knappen Nominationsentscheid der SP bin ich nicht überrascht, dass es zu Reaktionen in der Öffentlichkeit gekommen ist.» Es könne aber nicht seine Aufgabe sein, solche im jetzigen Augenblick zu kommentieren. Obrist hält lediglich fest, dass es jedermann frei sei, seine Wunsch-Zusammensetzung des Stadtrates zu präsentieren.

«Zurzeit gibt es zwei Kandidaten, die in demokratischen Nominationsverfahren ermittelt wurden», fügt er an. Ob sich das «Teilnehmerfeld» noch vergrössere, werde sich dann zeigen. Die Frage, ob er sich allenfalls in diesem Teilnehmerfeld vorstellen könne, umgeht Obrist elegant: «Natürlich denke ich immer über meine politische und berufliche Zukunft nach. Die SP hat einen Kandidaten nominiert. Deshalb stellt sich die Frage für mich im Moment noch nicht.»

Es ist kein Zufall, dass es gerade Peter Conrad ist, der mit einem Leserbrief das parteipolitische Geschehen in Baden aufmischt. Somit sieht es 30 Jahre nach den spektakulären Stadtratswahlen von 1985 danach aus, als könnten sich die Geschehnisse von damals wiederholen.

Als es bei den Gesamterneuerungswahlen um die Nachfolge von CVP-Stadtrat Josef Rieser ging, hebelte der Personalausschuss der CVP Baden den initiativen und als scharfsinnig geltenden, jedoch direkten und unbequemen Parteipräsidenten Peter Conrad aus, der als Stadtratskandidat gesetzt galt.

Nach geheimer Sitzung schlug der Vorstand der Parteibasis André Roth vor. Laut Zeitungsbericht herrschte eine beklemmende Stimmung, als dann an der Parteiversammlung Conrad den Rücktritt als Parteipräsident und den Verzicht auf eine Stadtrats-Kandidatur bekannt gab.

1985: Zuerst war ein Leserbrief

Bei der CVP lief es aber nicht programmgemäss. Isabelle Wanner, heute GLP-Einwohnerrätin, erinnert sich: Sie habe damals unter dem Pseudonym «Angelique» einen flammenden Leserbrief für Peter Conrad geschrieben. «Wir waren überzeugt, dass der Stadtrat einen Politiker vom Format Peter Conrad brauchte.» Der Leserbrief blieb nicht ohne Wirkung. Es bildete sich ein Komitee «doch noch Conrad», das diesen kurz vor dem ersten Wahlgang portierte.

Mit von der Partie waren bekannte Persönlichkeiten, auch aus der CVP selber, wie unter anderen der legendäre Edi Zander. Im ersten Wahlgang am 22. September 1985 verpassten Conrad (1374 Stimmen) und Roth (1286) das Absolute Mehr. Am 30. September beschloss die CVP an einer denkwürdigen Versammlung mit 55 zu 25 Stimmen, am Einer-Vorschlag festzuhalten und gab mit 60 zu 19 Roth den Vorzug. Im zweiten Wahlgang wurde Conrad knapp vor dem offiziellen Kandidaten Roth gewählt.

Die Geschichte, ausgelöst von einem Leserbrief, könnte sich also bei Erich Obrist wiederholen. Wer sich letztlich alles zur Wahl stellt, wird nach Anmeldeschluss am 4. September feststehen. Zudem: Im ersten Wahlgang ist jede in Baden stimmberechtigte Person wählbar. Bis und mit 18. Oktober ist also Spannung garantiert.