Schon wieder ein Dämpfer für die Befürworter einer Regionalstadt: Das Wettinger Parlament hat vergangene Woche einen Vorstoss abgelehnt, wonach der Gemeinderat einen Zusammenschluss mit Baden und weiteren Gemeinden hätte prüfen sollen.

Nach einer euphorisch geführten Debatte um eine Zentrumsstadt im Jahr 2014 sind in den vergangenen zwölf Monaten entsprechende Bemühungen ins Stocken geraten. So legte erst Ennetbaden Gespräche mit Baden auf Eis, ehe Obersiggenthal sowie Ehrendingen ihr Desinteresse an einer Annäherung an Baden erklärten. Und nun hat also auch Wettingen die Idee einer Regionalstadt bereits im Keim erstickt.

«Es fühlt sich so an, als wäre uns die Türe vor der Nase zugeschlagen worden», sagt Marco Kaufmann (43) vom Verein «Traktandum 1, der vor einem Jahr mit dem Ziel geschaffen wurde, dereinst eine Regionalstadt zu gründen. Kaufmann will sich an der kommenden Sitzung gemeinsam mit einem anderen Vereinsmitglied zum Co-Präsidenten und Nachfolger von Erich Obrist wählen lassen, der neu im Badener Stadtrat sitzt. Kaufmann sagt enttäuscht: «Ohne Wettinger Beteiligung eine Regionalstadt gründen zu wollen, macht keinen Sinn.

Nach den deutlichen Nein-Signalen von vergangener Woche ist das Regionalstadt-Thema für die nächsten vier, fünf Jahre leider vom Tisch.» Als ehemaliger Präsident des Wettinger Einwohnerrats kenne er zwar die Zurückhaltung der dortigen Politiker, wenn es um eine Annäherung an Baden gehe. «Die Schnödigkeit, mit der das Thema verworfen wurde, hat mich dennoch enttäuscht.»

So habe die CVP-Fraktion sinngemäss erklärt, sie wolle Wettingen nicht zu einem Vorort von Baden verkommen lassen. «Dabei wäre der Kern unserer Idee, dass Baden und Wettingen gleichberechtigte Partner werden», sagt Kaufmann, der für die Wettinger Mittepartei «Forum 5430» politisierte.

Die Gruppe von «Traktandum 1» wolle den Bettel trotz schlechter Nachrichten nicht hinschmeissen. Die Fusionsbewegung soll von unten lanciert, die gesamte Bevölkerung miteinbezogen werden. Kaufmann: «In Wettingen gibt es eine grosse, schweigende Mehrheit. Ihre Meinung kennen wir noch nicht, im Gegensatz zur ablehnenden Haltung vieler alt-eingesessenen Wettinger, die bis heute die Meinungsbildung nach aussen mit Vehemenz prägen.»

«Blind vor Furcht»
Die Furcht vor einem Identitätsverlust mache viele Wettinger blind für die Chancen, die eine Regionalstadt bieten könnte. «Wettingen könnte aus einer Position der Stärke in Gespräche mit Baden gehen.» Die Gemeinde ist einwohnermässig grösser, und falls Baden entscheidend wachsen will, gehe dies nicht ohne den Nachbarn, sagt Kaufmann. «Die Chance, gleichberechtigter Partner zu werden, ist vorhanden. Ein starkes Zeichen hierfür wäre, als Standort der Verwaltung der Regionalstadt die Gemeinde Wettingen zu wählen.»

Kaufmann warnt vor der momentanen Entwicklung, in der die Gemeinden der Region Baden nur auf Zusammenarbeit, nicht aber auf Zusammenschlüsse setzen. Aarau und die umliegenden Gemeinden führten ernsthafte Gespräche. Sollten dort Fusionen zustande kommen und Aarau wachsen, drohe der Grossraum Baden-Wettingen an Kraft zu verlieren.

«Wirtschaftlich haben wir die Nase noch vorn, aber die ökonomische Vormachtstellung der Region Baden im Kanton ist nicht gottgegeben. Der Wind könnte schneller drehen, als wir uns dies wünschen. Ich denke, unsere Region sollte in Zukunft als Einheit im Kanton und im ganzen Mittelland auftreten.»

Auslöser für die Abstimmung im Wettinger Parlament war ein Vorstoss von SP-Einwohnerrat Alain Burger. Aus seiner Enttäuschung über das deutliche Nein (10 zu 34 Stimmen) macht er keinen Hehl: «Leider hat Wettingen einmal mehr seine Mutlosigkeit bewiesen. Unsere Gemeinde schmückt sich gerne mit dem Etikett der grössten Ortschaft in der Region.

Wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen – etwa mit der Renovation des Sportzentrums Tägerhard oder nun mit Gesprächen für eine Regionalstadt – wird die selbst ernannte Zentrumsgemeinde ihrem Namen nicht gerecht.» Das Wort «Baden» löse bei vielen Wettingern Einwohnerräten Abwehrreflexe aus. «Auch der Gemeinderat orientiert sich lieber in Richtung Limmattal, wohl weil Wettingen dort der Platzhirsch wäre», sagt Burger.

Der Wettinger Gemeindeammann Markus Dieth (CVP) hatte erklärt, die regionale Zusammenarbeit habe Vorrang vor Fusionen (az vom 30.1.). Die FDP glaubt, eine Fusion würde von den Einwohnern nicht mitgetragen. «Das Wohl der Wettinger hat Vorrang», liess die SVP verlauten.