Baden
Statt ein «Sheraton» führt er das «Go In»

Mit seinen Bars «Go In» und «Quick Pic» hat Rolf Gnädinger den Badener Geist mitgeprägt. Als Hotelmanager wollte der gesundheitsbewusste Wirt einst in die Welt hinausziehen. Baden, Beizen und die Liebe hielten in ab

Sabina Galbiati
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In der «Go In»-Bar an der Mittleren Gasse 9 fühlt sich Wirt Rolf Gnädinger zu Hause, wie damals im «Quick Pic» im Roten Turm.

In der «Go In»-Bar an der Mittleren Gasse 9 fühlt sich Wirt Rolf Gnädinger zu Hause, wie damals im «Quick Pic» im Roten Turm.

Alex Spichale

Rolf Gnädinger steht am Tresen im «Go In». Neugierig und etwas verunsichert blickt der Wirt zum Eingang seiner kleinen Bar. Wer da kommt, ihn auszufragen über sein Leben, scheint er wissen zu wollen, doch statt zu fragen, bietet er einen Kaffee an und führt seinen Besuch in die obere Etage der Bar. Es ist erst halb zehn Uhr morgens, das «Go In» noch leer. Nur die junge Servicedame hütet die Beiz und ein Gast ein Plätzchen am Fenster.

Oben angekommen, zeigt der Wirt auf den roten Tresen an der Wand und den Schriftzug «Quick», «Das ist ein Stück der Bar vom ‹Quick›, das wir aus dem Roten Turm mitgenommen haben», sagt er, stellt das Tablett mit den zwei Kaffees auf einen der Tische und setzt sich. Er ist es nicht gewohnt, ausgefragt zu werden, doch er weiss, was er erzählen will: Lieber die Geschichte vom Roten Turm und vom legendären «Quick», nicht seine eigene. Aber das spielt keine Rolle, denn die Geschichte des 59-jährigen Wirts, mit dem lichten Haar beginnt mit der Geschichte der Jugendbeiz «Quick», und die gehört zur Badener Stadtgeschichte.

Im «Quick» fand er seine Liebe

Als junger Mann wollte Gnädinger, der gebürtige Innerschwyzer, eigentlich in die weite Welt hinausziehen, machte eigens die Hotelfachschule in Luzern, um für einen Hotelkonzern ein Grosshotel wie «Hilton» oder «Sheraton» zu leiten. Doch aus dem Plan ist nie etwas geworden. Dem damals 26-Jährigen kamen das «Quick» und die Liebe dazwischen. «Ich lernte Hildi, also Hildegard, im ‹Quick› kennen. Ihre Schwester arbeitete bei uns an der Bar», erzählt Gnädinger. Die Beiz führten damals noch seine Eltern, die von Steinen SZ nach Baden gezogen waren, als Rolf Gnädinger vier Jahre alt war.

Dann ging alles ganz schnell: 1983 übernahm er mit Hildi die Bar von seinen Eltern. Noch im selben Jahr starb sein Vater Willi an einem Herzinfarkt. Kurze Zeit später heirateten Rolf und Hildi und gründeten eine Familie.

Für die Badener Jugend wurden der Wirt und sein «Quick» zu einem Stück Heimat. Denn der füllige Beizer mit der grossen Brille und damals noch mit schwarzem Schnäuzer war seinen Gästen schon zu jener Zeit eine Art Kollege, einer der zuhört, bei dem man sich willkommen fühlt. So waren das «Quick» und heute das «Go In» immer auch ein Treffpunkt für Randständige. Wie damals finden sie heute noch ein Plätzchen beim Wirtepaar. «Jeder solle sein können, wie er ist, bei mir», sagt Gnädinger. Nur wer sich nicht an die Regeln halte oder aggressiv werde, der müsse gehen.

Die Badener Jugend demonstriert im Dezember 1994 auf der Strasse lautstark für eine Jugendbeiz wie das "Quick".
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Nach 23 Jahren schliesst das "Quick Pic" 1994 Rolf und Hildegard Gnädinger schmiedeten bereits Pläne für eine neue Beiz.
Hildi (links) und Rolf Gnädinger eröffnen in der ehemaligen "Bento-Bar" das "Go In". Sandra und Peter waren damals ihre Mitarbeiter.

Die Badener Jugend demonstriert im Dezember 1994 auf der Strasse lautstark für eine Jugendbeiz wie das "Quick".

AZ-Archiv

In seinen 33 Wirtsjahren hat Gnädinger so manchen Unruhestifter vor die Tür stellen müssen, schon als 26-Jähriger. «Wenn du dann einen 40-jährigen, angetrunkenen Typ nach draussen begleitest, dann steigt das Adrenalin. Ich habe das nie gerne gemacht.» Gewirkt hat es trotzdem: «Bei ihm weiss man genau, wo er die Grenzen zieht, und wenn man sie überschreitet, dann greift er durch», erzählt ein Gast, der den Wirt noch aus Zeiten des «Quick» kennt. Seine Gäste beschreiben ihn aber auch als geduldig und tolerant; ein friedlicher Typ sei er. Einer, der den Kontakt zu seinen Gästen sucht und sich für deren Schicksal interessiert. Aber es gibt Geschichten, die werden auch Gnädinger zu viel. «Dann darf ich mich nicht emotional hineingeben und die Geschichte zu meiner eigenen werden lassen.»

Das Leben im grauen Ordner

Und doch: Gnädinger musste selber so manchen Schicksalsschlag verarbeiten. Er streift sie nur kurz, hat mit ihnen abgeschlossen und möchte diese Episoden, aus Respekt vor den Mitbetroffenen, nicht in der Zeitung lesen. Nur bei Tochter Sandra, die 1985 zur Welt kam, verweilt das Gespräch. Das Mädchen war bereits bei der Geburt geistig und körperlich schwerstbehindert. «Ich wollte das lange nicht wahrhaben. Hab immer gehofft, dass sie vielleicht doch noch lernt, alleine aufrecht zu sitzen.» Irgendwann habe er das Schicksal aber akzeptiert und sich hineingegeben. Drei Jahre später kam Matthias zur Welt und 1990 Roger. «Die Buben mussten schnell selbstständig werden, weil Hildi und ich mit Sandra beschäftigt waren.»

Rolf Gnädinger: "Jeder soll bei mir sein können, wie er ist. Wer sich nicht an die Regeln hält oder aggressiv wird, muss gehen."

Rolf Gnädinger: "Jeder soll bei mir sein können, wie er ist. Wer sich nicht an die Regeln hält oder aggressiv wird, muss gehen."

Alex Spichale

«Von damals gibt es leider keine Fotos.» Er habe auch keine Fotoalben von sich, sagt er mit entschuldigendem Ton. Auch Hobbys gebe es keine, von denen er erzählen könnte. Sein Leben sei das Wirten und die Familie. Er habe eigentlich nur diesen einen schmalen, grauen Ordner, sagt er vielversprechend. Gnädinger, der seit je Kurzarmhemden trägt, hat über die Jahre alles gesammelt, was über die Jugendbeiz im Roten Turm, den «Pierhahne» in Frauenfeld und das «Go In» in der Mittleren Gasse geschrieben wurde:

Das Fortbestehen des «Quick» stand wegen des geplanten Neubaus des Roten Turms bereits auf der Kippe, als Gnädingers Eltern noch wirteten, und die Familie den ersten Stock des Hauses bewohnte. Zur Schliessung kam es aber erst im Dezember 1994. Damals demonstrierte die Badener Jugend, weil ihr Lokal, mit dem berühmten Flipperkasten und «der besten Jukebox im Ostaargau», wie das Musikmagazin «insohr» über das «Quick Pic» schrieb, verschwinden würde. Organisiert wurde die Demo von Reto Nause, heutiger Stadtrat und Polizeivorsteher in Bern, und Reto Schmid, der später in Baden Stadtrat war. «Ich hatte keine Ahnung von der Demo, aber ich habe mich über die Wertschätzung enorm gefreut», sagt Gnädinger. Er sei aber immer gefasst gewesen auf die Schliessung des «Quick» und den Abbruch des Hauses.

Beim Skifahren Haus ersteigert

Kaum war das «Quick» zu, zogen Rolf, Hildi und die drei Kinder nach Frauenfeld, wo das Wirtepaar den «Pierhahne» in einem ehemaligen Dancing eröffnete. Nach drei Monaten der «gähnenden Leere» und vier misslungenen Trancepartys hatten Rolf und Hildi genug, und das Heimweh packte sie. Eines Dienstagmorgens bei einem Besuch in Baden erfuhr Gnädinger, dass das Haus an der Mittleren Gasse 9 zum Verkauf steht; nach drei Telefonaten gehörte das Haus am Donnerstagabend ihm. Und so eröffneten Gnädingers im September 1995 das «Go In» in der ehemaligen «Bento-Bar». Der Name «Go In» sei etwas vom Einzigen, was sie aus Frauenfeld mitgenommen hätten. «Dort hiess eine Beiz so, und der Name gefiel meiner Frau.»

Gnädingers Kauf des Hauses «zum kleinen Rost» neben dem «Go In», verlief noch spektakulärer: Bei der Versteigerung 2002 war Gnädinger gar nicht anwesend. Er hinterlegte sein Angebot und während einer der kürzesten Versteigerungen, die es wohl je gegeben hat, fuhr Rolf Gnädinger mit seiner Familie Ski in Adelboden. «Deswegen wollte ich nicht extra nach Baden fahren, ich wusste, dass es schon gut kommt», erinnert er sich und muss lachen.

Es ist dieses Vertrauen, dass alles gut kommt, das Rolf Gnädingers Geschichte schon in jungen Jahren prägte, etwa als er nach 10 Tagen seine Kochlehre in Montreux abbrach, weil ihm die Köche im «Grand Palace» zu primitiv waren, oder als er nach zwei Wochen auf Bermuda sein Servicepraktikum hinschmiss, weil es nur eine Massenabfertigung der Touristen war. Jene Gelassenheit spiegelt sich auch im seligen Lächeln, das er während des Gesprächs nie ablegt, auch wenn es ihn ab und an eher vor unangenehmen Erinnerungen zu schützen scheint.

30 Kilo abgenommen

Wie es der Zufall will, hat es mit der Vergrösserung des «Go In» nie geklappt, weil der Durchbruch zum Haus «zum kleinen Rost» zu teuer gekommen wäre. Und so ist das kleine «Go In» eine Raucherbeiz geblieben. «Hätten meine Gäste nicht mehr rauchen dürfen, hätte ich das ‹Go In› aufgegeben.» Heute ist der Wirt in seiner eigenen Bar an manchen Abenden wohl der einzige Nichtraucher. Der Rauch mache ihm auch nichts aus. «Ich habe unglaublich gerne geraucht,» sagt er. Zwei Päckli am Tag seien es gewesen. Aber vor gut 30 Jahren hat er aufgehört.

Bei seiner Gesundheit überlässt er fast nichts dem Zufall: «Ich habe einige Wirte erlebt, die früh gestorben sind, weil sie zu viel getrunken haben, das war mir eine Lehre.» Selten trinkt er mal ein Bier oder ein Glas Roten. 30 Kilo hat er abgenommen, und es sollen noch ein paar mehr werden. Dafür kommt er von zu Hause in Wettingen zu Fuss oder mit dem Velo ins «Go In», und zwar noch ein paar Jahre, denn so lange will er im «Go In» wirten. Vielleicht übernehme irgendwann einer seiner Söhne Matthias oder Roger die Beiz.

Inzwischen ist es nach 12 Uhr, aus dem unteren Stock sind Stimmen zu hören, der erste Zigarettendunst kriecht die Treppe hoch. Rolf Gnädinger räumt die längst leeren Kaffeetassen zusammen. Im Parterre hat sich der Bartresen mit Stammgästen gefüllt, die wohl schon damals im «Quick» am Tresen sassen. Gnädinger begrüsst sie als, wären sie zum Mittagessen heimgekommen, auch wenn sie bereits beim ersten Bier sitzen.