Herr Semela, was möchten Sie als Einwohnerratspräsident anders machen als Ihre Vorgängerin?
Stefan Semela: Meine Vorgängerin machte einen sehr guten Job. Das Reglement erlaubt keinen grossen Spielraum. Ziemlich sicher werde ich aber wieder bei jedem Traktandum die Stimmen exakt auszählen lassen. Darauf hat meine Vorgängerin manchmal verzichtet, wenn es klare Mehrheiten gab.

Warum diese Änderung?
Nur zu verkünden, ein Beschluss sei von einer grossen Mehrheit gefasst worden, kam nicht bei allen Parteien gut an. Ich persönlich finde es wichtig, dass auch Gegenstimmen im Protokoll vermerkt werden, damit einzelne Einwohnerräte nicht ihrer politischen Message beraubt werden. Viel Zeit geht durch das Auszählen nicht verloren.

Sie sind nun höchster Obersiggenthaler. Macht Sie das stolz?
Ja klar; man sollte aber die Bedeutung des Amtes nicht überschätzen, wir sind ein Kommunalparlament. Ich bin dennoch gespannt, ob ich nun von Bürgern vermehrt angesprochen werde.

Welches war Ihr Antrieb, dieses Amt zu übernehmen?
Gemäss Turnus war die FDP an der Reihe, den neuen Einwohnerratspräsidenten zu stellen. Ich fand, dass das durchaus eine ehrenvolle Aufgabe ist, und es drängte sich niemand in den Vordergrund.

Haben Sie sich intensiv auf das neue Amt vorbereitet?
Als Jurist verfüge ich zwar über Kenntnisse des Staatsrechts. Dennoch habe ich das Reglement und die Gemeindeordnung noch einmal genau studiert, um sattelfest zu sein und die politischen Rechte der Einwohnerräte genau zu kennen.

Welche Eigenschaften muss ein guter Einwohnerratspräsident mitbringen?
Ich habe Sitzungen erlebt, in denen meine Vorgänger stark gefordert waren, um den Überblick behalten zu können. Wenn überraschende Anträge gestellt werden, muss man ruhig und konzentriert bleiben und kühlen Kopf bewahren. Mir steht zum Glück Gemeindeschreiber Toni Meier zur Seite, der über viel Erfahrung verfügt. Wichtig ist, dass man vor Leuten sprechen kann - das bin ich als Anwalt gewohnt.

Die zwei höchsten Obersiggenthaler - Sie und Ammann Dieter Martin - gehören der FDP an...
... für unsere Partei ist das sehr erfreulich. Aber gerade meine Einflussmöglichkeiten darf man nicht überschätzen. Als Einwohnerratspräsident darf ich zwar noch abstimmen, aber nicht an der Beratung teilnehmen, ausser ich würde die Leitung der Vizepräsidentin übertragen. Die grössten Einflussmöglichkeiten habe ich wie bisher in den Fraktionssitzungen.

Wie werden Sie an den Sitzungen auftreten - in Jeans und Hemd oder im Anzug?
Bei der täglichen Arbeit in der Anwaltskanzlei trage ich immer Anzug und Krawatte. Meistens fahre ich direkt vom Büro zur Einwohnerratssitzung, ohne dazwischen nach Hause zu gehen. Darum werde ich die Sitzungen voraussichtlich meistens im Anzug leiten. Einen Stilberater aber habe ich nicht konsultiert (lacht).

Hegen Sie weitere politische Ambitionen?
Ich bin für vier Jahre als Einwohnerrat gewählt worden, danach schaue ich weiter. Tatsache ist, dass mich Kommunalpolitik sehr interessiert. Den Entscheidungsprozess mitzuerleben, ob etwa ein neues Schulhaus gebaut werden kann, finde ich äusserst spannend.