Seiltänzerin, Chansonnière, Schauspielerin, Regisseurin, Barbetreiberin. Stella Palino hat in ihrem Leben schon vieles ausprobiert. Politisch ist sie allerdings bis anhin nur über ihre künstlerische Arbeit in Erscheinung getreten. Das möchte sie nun ändern: Die 55-jährige Badener Transfrau kandidiert für das Amt des Stadtammanns.

Stadtammann-Kandidatin Stella Palino

Stadtammann-Kandidatin Stella Palino



Als letzte der sechs Kandidaten (siehe Übersicht rechts) hat Stella Palino die Kandidatur eingereicht. Leicht ist ihr der Entscheid nicht gefallen. Sie habe nicht riskieren wollen, Geri Müller Stimmen wegzunehmen, sagt sie. Als sich immer deutlicher abzeichnete, dass keine Frau kandidieren würde, reichte sie ihre Bewerbung dennoch ein. «Es wäre wichtig, dass endlich eine Frau Stadtammann würde», sagt Palino, die sich vor zwei Jahren als Transfrau outete. «Mit mir hätte Baden ein Stück von beiden Geschlechtern.»

Mit bürgerlichem Namen auf Wahlzettel

Auf dem Wahlzettel taucht Palino mit ihrem bürgerlichen Namen auf: Markus Brunner. Gültig sind aber auch Stimmzettel, auf denen Stella Palino steht. Eine explizite gesetzliche Regelung gibt es für einen solchen Fall nicht; wichtig ist nur, dass der Wille des Wählers deutlich erkennbar ist.

Stella Palino, die in der Badener Altstadt das Teatro Palino und die UnvermeidBar führt, ist in der Stadt für ihre Theaterstücke und Shows bekannt. Kritische Stimmen sehen in ihrer Kandidatur in erster Linie eine Inszenierung. «Politik ist kein Kasperlitheater», lautete einer der Online-Kommentare auf die Bekanntgabe ihrer Kandidatur.

Dem entgegnet Palino: «Politik ist oft ein Kasperlitheater, weil es häufig um ein Spiel mit der Macht und persönliche Begünstigung geht.» Den Vorwurf, sich selber zu inszenieren, weist sie vehement zurück. «Meine Kandidatur ist durchaus ernst gemeint.» Schliesslich habe sie das kulturelle Leben in Baden über 30 Jahre mitgeprägt und im Bereich Kultur einen Leistungsausweis wie kaum jemand sonst. Ausserdem habe sie sich in Theaterstücken mit Politik auseinandergesetzt, Podiumsgespräche organisiert - kurz: «aktiv am politischen Leben teilgenommen».

Keine grosse Kampagne

Im Gegensatz zu vier der fünf Mitbewerber hat Palino keine Partei im Rücken, die sie unterstützt, für sie Wahlkampf betreibt. Plakate seien zwar im Druck, eine grosse Kampagne könne sie sich allerdings nicht leisten. Dennoch gefällt ihr die Rolle als parteilose Aussenseiterin. «Ich kann sagen, was ich denke, ohne auf eine Partei Rücksicht nehmen zu müssen.» Ausserdem würde es ihr leichter fallen, zwischen den Lagern zu vermitteln, einen Konsens zu finden.

Auch wenn Palino keinem Parteibüchlein verpflichtet ist, am nächsten fühlt sie sich den Grünen; viele ihrer Ideen betreffen denn auch Umweltthemen. Die 2000-Watt-Gesellschaft liegt ihr besonders am Herzen. «Firmen, die sich in energiepolitischer Hinsicht vorbildlich verhalten, sollen stärker unterstützt werden», sagt sie. Aber auch im Verkehr sieht Stella Palino Potenzial: «Mehr Strassen bringen nur mehr Verkehr mit sich.» Deswegen sei sie gegen weitere Strassen, gegen den Baldeggtunnel. Stattdessen möchte sie die Quartiere fördern, damit sich das Leben künftig wieder vermehrt dort abspielt. «Pantoffeldistanzen» nennt Palino dies.

Will heissen: Läden, Arbeitsplätze, Kindergärten und Schulen sollen in den Quartieren oder möglichst in deren Nähe liegen. Stella Palino lebt ihre Vision vor: Sie arbeitet und wohnt seit Jahrzehnten mitten in der Badener Altstadt. Dort ortet die Stadtammann-Kandidatin ebenfalls Handlungsbedarf. «In der Altstadt wohnen kaum noch Familien mit Kindern.» Die Stadt solle vermehrt Immobilien kaufen und Wohngenossenschaften fördern, um in der Stadt günstigen Wohnraum anbieten zu können, sagt sie.

«Klare Ansichten und Forderungen»

«Noch unerfahren in realpolitischer Praxis, aber mit klaren Ansichten und Forderungen» tritt Stella Palino gegen erfahrene Politiker an. Entsprechend gering schätzt sie ihre Erfolgschancen ein - schliesst einen Erfolg aber nicht völlig aus. «Wunder gibt es immer wieder.» Würde sie gewählt, bliebe sie der Badener Kulturszene dennoch erhalten. «Ich würde auch als Frau Stadtammann seiltanzen und auf der Bühne stehen.»