Transgender
Stella Palino: «Ich fühlte mich einfach nicht mehr als Mann»

Bei einem Transgender-Treffen in der «Unvermeidbar» in Baden sprechen Stella Palino aus Baden und Jacky aus Zürich über ihr Leben als Mann und Frau.

Erna Jonsdottir
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Stella Palino: «Es spielt keine Rolle, was ich zwischen den Beinen habe, sondern was ich als Mensch fühle.»

Stella Palino: «Es spielt keine Rolle, was ich zwischen den Beinen habe, sondern was ich als Mensch fühle.»

Chris Iseli

Es ist einer dieser kalten und regnerischen Frühlingstage. Sachte zieht Jacky aus Zürich die Kapuze über den Kopf und nähert sich schnellen Schrittes der «Unvermeidbar» in der Badener Altstadt.

Ihre Stöckelschuhe hallen in der düsteren Unterführung beim Stadtturm. Während die schwere Türe der Bar langsam ins Schloss fällt, setzt sich die Brünette an einen Tisch und ordert Prosecco. Sie ist zu früh, nächstens sollten weitere Transgenderfrauen bei Stella Palino eintreffen, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen.

Jacky, die schlicht, aber elegant gekleidet ist, fährt sich durchs Haar und schlägt die Beine übereinander. Dass sie eigentlich ein Mann ist, verraten einzig, wenn überhaupt, ihre Hände: Ihre Gesichtszüge sind weiblich, ihre Haut wirkt wie Samt.

Stella Palino ist verärgert über dieBetrüger-Mails. Archiv/Chris Iseli

Stella Palino ist verärgert über dieBetrüger-Mails. Archiv/Chris Iseli

Aufgrund der Hormonbehandlung sind ihr Brüste gewachsen. Und ihre Stimme hat sie monatelang bei einer Logopädin trainiert. Die 54-Jährige war mit einer Frau verheiratet, die heute ihre beste Freundin ist.

«Eigentlich bin ich lesbisch, ich stehe auf Frauen», sagt sie und lacht. Jacky will sich in Thailand umoperieren lassen. Dies, obschon ihr bewusst ist, dass sie vielleicht nie wieder einen Orgasmus haben kann.

«Bist du dir sicher?», fragt die Künstlerin Stella Palino, alias Marc Brunner, die sich in der Zwischenzeit an den Tisch gesetzt hat. Die thailändischen Ärzte seien zwar dafür bekannt, die schönsten Vaginas zu zaubern. Sie kenne aber Frauen, die kein Gefühl mehr zwischen den Beinen hätten und heute aussehen würden wie graue Mäuse.

«80 Prozent der Operationen verlaufen gut», entgegnet Jacky zuversichtlich, «für mich sind die Würfel gefallen.»

Dann erzählt sie, wie lange sie darunter gelitten hat, im falschen Körper zu stecken. Wie sie sich jahrelang im Dunkeln versteckt hat – in Nachtclubs, dort, wo sie als Frau akzeptiert war und niemand mit dem Finger auf sie zeigte.

«Diese Zeiten sind vorbei. Es war zwar ein langer Prozess, aber heute traue ich mich auch tagsüber als Frau unter die Menschen.» Negative Reaktionen habe sie bisher keine erlebt. Dennoch freut sie sich darauf, wenn sie ganz Frau sein darf, «mein Kinderwunsch», sagt sie.

«Ich war ein gefühlvoller Macho»

Bei Stella, oder klein Marc, war das genauso: «Ich wollte auch lieber ein Mädchen sein und spielte als Kind die Prinzessin, was den Jungs übrigens gefiel.» Noch stärker wurde dieses diffuse Gefühl, als der zehnjährige Marc mitbekam, wie die Frauen und Männer der 68er-Generation ihre Haare wachsen liessen und sich mit Blumen schmückten.

«Dadurch wurden die Männer weiblicher, was mir sehr gefiel.» Doch dieses spezielle Gefühl sollte jahrelang Hintergrund bleiben – das Frausein spielte sich einzig in seiner Fantasie ab.

Stella Palino.

Stella Palino.

Alex Spichale

«Meine ersten sexuellen Erfahrungen hatte ich mit Frauen.» Sie sei ein fürchterlicher Romantiker gewesen, ein gefühlsvoller Macho. «Frauen gefiel das.» Marc verliebte sich in eine Frau und wurde zweifacher Vater. Nach sieben Jahren kam die Trennung, «ich hatte nur noch das Theater im Kopf, meine Lebenspartnerin hatte die Schnauze voll davon».

Ab 1996, auf der Bühne des damaligen Theaters am Brennpunkt in Baden, lebte Marc Brunner seinen Transvestismus aus. «Ich liess meinen intimen Fantasien auf der Bühne freien Lauf.» Brunner erschuf die Theater-Figur Stella. «Nach den Aufführungen fiel es mir immer schwerer, mich abzuschminken.» Deshalb blieb sie nach den Aufführungen im engen Kreis eine Frau. Doch bis Marc und Stella eins wurden, dauerte es noch eine Weile.

Versteckspiel adieu

In Paris ging Marc Brunner zum ersten Mal als Frau auf die Strasse. «Es dauerte fünf Stunden, bis ich endlich geschminkt war. Ich übertrieb mit allem masslos, damit ich nicht als Mann wahrgenommen werde», erinnert sich Stella und lacht. Das sei ein grosser Fehler gewesen, den aber viele Transen machen würden.

«So fällt ‹Mann› leider noch mehr auf.» Schweissgebadet vor Aufregung schlich Marc aus seinem Pariser Zimmer, ging einmal rund ums Hotel und kroch «wie eine Ratte» zurück. In einem Transvestiten-Club in Paris hatte er zum ersten Mal Kontakt mit Männern. «Ich war völlig überrascht, wie viele Männer auf Transen stehen.»

Diese Doppelrolle gab Marc einen Kick. Als sich die Frage nach der Geschlechteridentität aufdrängte, wurde sein Leben komplizierter: «Ich fühlte mich einfach nicht mehr als Mann und wollte als Frau wahrgenommen werden – auch tagsüber.»

Doch was würden andere von ihm denken? «Eine Frage, die mich verunsicherte – auch wenn ich in Baden als Paradiesvogel bekannt war.» Also reiste Marc weiterhin ins Ausland, um seine Rolle zu wechseln.

«In Baden schlich ich nur nachts aus der Wohnung und kehrte zurück, bevor es hell wurde.» Was einst grosse Freude bereitete, wurde Marc je länger, je mehr zur Last. 2010 beendete er deshalb dieses «Versteckspiel»: «Das Empfinden, den Rest meines Lebens als Frau zu verbringen, hatte den Höhepunkt erreicht.»

Marc schlenderte zum ersten Mal als Stella durch die Badener Gassen, was unterschiedliche Reaktionen auslöste: «Die einen machten mir Komplimente und ermutigten mich. Die anderen bezeichneten mich als krank oder als durchgeknallt, schliesslich hatte mich Gott als Mann erschaffen.»

Stella liess sich jedoch nicht von ihrem Ziel abbringen, beide Geschlechter ausleben zu dürfen: Nach einer dreijährigen Therapie an der Universitätsklinik Zürich, einer Brustoperation und einem Gerichtsverfahren erlangte sie den offiziellen Status Frau.

Eine Geschlechtsumwandlung, wie sie Jacky vor hat, kam für sie nach reichlicher Überlegung nicht infrage. «Es spielt keine Rolle, was ich zwischen den Beinen habe, sondern was ich als Mensch fühle.» Sie sei stolz darauf, eine Transfrau zu sein.

Fünf Jahre nach ihrem Outing in Baden, fühlt sie sich aber immer noch nicht akzeptiert: «Die schlimmsten Demütigungen erlebe ich hier», ärgert sie sich. Überall sei Kreativität gefragt. Nur wenn es um die Geschlechter gehe, müsse alles in zwei Schubladen gesteckt werden. «Diese Geschlechterrollen machen doch alle fix und fertig.

Deshalb sollte jeder Mensch sein Geschlecht selber bestimmen können.» Für ihre Kritiker noch unverständlicher müsste die Tatsache sein, dass sich die 57-jährige Transfrau in eine 30 Jahre jüngere Frau verliebt hat.

«Es ist ein grosses Glück, dass ich in meinem Alter nochmals eine so tiefe Liebe empfinden und empfangen darf.» Liebe kenne eben keine Grenzen. «Die Liebe hat auch keine althergebrachten Geschlechterrollen.»