Baden

Stella Palino: «Mir bleibt nicht mehr viel Zeit»

Zum 40-Jahr-Bühnenjubiläum blickt Stella Palino (61) zurück und regt sich über das zunehmend lieblose Baden auf.

Sterben will Stella Palino am liebsten auf der Bühne – fulminant, auf einen Schlag, Ende, aus. Bis dahin geht es hoffentlich noch eine ganze Weile. Zum Glück, denn die Dame hat noch Lust auf mehr. Diese Zahl aber, 40 Jahre Theater, die erschrecke sie. «Mir bleibt nicht mehr viel Zeit», sagt sie.

Grosse, teure Produktionen anreissen wie früher, das will sie nicht mehr. Dafür zieht es sie immer öfter zu kleinen, tiefgründigen Stücken. Nach einer Karriere ausgehend von Zirkus, Varieté und Körpertheater weiter zu Cabaret und Sprechtheater widmete sich Stella Palino Monologstücken, die später zunehmend politisch wurden und heute eher philosophischer Natur sind. Nächstes Wochenende führt sie «Die Mücke widerspricht» auf – nicht im «Palino», sondern im ThiK, wo sie 1979 ihr Debüt gab. Damals präsentierte sie «als noch süsser Junge» eine Zirkusshow namens «Équilibre». «Mit dem jetzigen Stück zeige ich das Gegenteil, nämlich das Dreckige und Dunkle am Menschen», freut sie sich.

Lange her: Palino mit Hochseil-Akrobatik an der Badenfahrt 1982.

Lange her: Palino mit Hochseil-Akrobatik an der Badenfahrt 1982.

Ihrer Heimatstadt Baden blieb sie in all den Jahren treu, auch wenn es ihr an Gründen auszuwandern nicht mangelte. So wird Palino heute als Stadtoriginal angesehen, nicht zuletzt seit sie vor zehn Jahren den Mut fasste, ihre alte Identität abzulegen und definitiv als Transfrau zu leben. Der Preis dafür war die Streichung der fixen Geldbeiträge durch das Kuratorium, ist sie sich sicher. «Das war nicht der einzige Grund, ich habe wohl auch ein paar Stücke gemacht, die das Publikum nicht angesprochen haben», sagt sie. Stark mitgeschwungen habe es aber bestimmt.

«Ich provoziere halt gerne»

Viele würden Transgender heute noch als eine Krankheit sehen. Dummen Kommentaren oder herablassenden Blicken sei sie ständig ausgesetzt. «Ich provoziere halt gerne und bin darum wohl etwas selber schuld», sagt sie. Stella Palino lebt das Rollenspiel. Was sind schon 40 Jahre auf der Bühne neben 61 Jahren auf der Strasse?

In verschiedene Rollen zu schlüpfen, sei für sie aber zweitrangig gewesen. Theater mache sie vielmehr, um Empfindungen umzusetzen. Und das tat sie in so vielen Modalitäten wie möglich: Als Mimin, Clown, Seiltänzerin, Schauspielerin, Sängerin, Autorin, Regisseurin und natürlich Theaterleiterin. «Zu vielfältig» sei sie und deshalb kaum vermarktbar, hiess es immer wieder seitens Agenturen. In einer ökonomisierten Welt werden ausgerechnet ihre Tugenden offenbar zu Schwächen. In der Öffentlichkeit am meisten für Furore sorgten wohl ihre Auftritte als Seiltänzerin. Mit Freddy Nock wollte sie einst über ein Hochseil von der Schlossruine Stein bis zum Schartenfels laufen. Das Projekt scheiterte aber an der Finanzierung.

Stella Palino 2007 mit einem Pantomime-Auftritt.

Stella Palino 2007 mit einem Pantomime-Auftritt.

Mit Geldmangel – teilweise auch selbst verschuldet, wie sie zugibt – haderte sie stets. Das Theater «King Lear» auf der Schlossruine brachte ein enormes Defizit ein. «Die schönste Zeit», am Schluss aber zugleich auch «den grössten Schmerz», wie sie sagt, durchlebte sie im Merker-Areal mit dem früheren Theater am Brennpunkt, das sie selber umgebaut hatte.

Stella Palino in ihrer "UnvermeidBAR" in der Badener Rathausgasse.

Stella Palino in ihrer "UnvermeidBAR" in der Badener Rathausgasse.

    

Knapp zehn Jahre lang führte sie die charmante, mit 200 Sitzplätzen für eine Kleinstadt beachtlich grosse Spielstätte. «Wir waren ein Chaotenhaufen, ja. Aber wir waren das einzige Theater in Baden, das selber Stücke produziert.» Palino – damals noch Marc Brunner – war am Boden zerstört, als er durch den von ihm einberufenen Vereinsvorstand abgeschoben wurde und dann entsprechend ehrlich schadenfreudig, als der als hoch professionell angepriesene Nachfolger das neue Theater «Groundzero» nach nur vier Monaten in den Abgrund wirtschaftete.

«Ich überlege mir, Baden zu verlassen»

«Ich überlege mir, Baden zu verlassen»

Stella Palino im Oktober 2017.

So blieb ihr das kleine, schon 1986 an der Rathausgasse eröffnete «Teatro Palino» als treuer, sicherer Hafen. 2009 weitete sie es aus und eröffnete gegenüber die «Unvermeidbar», eingerichtet mit Möbeln vom alten «Brennpunkt». Es ist heute die letzte verbleibende Kulturstätte in der Oberen Altstadt. Dort, wo es gemäss ihr zu viele Partybeizen und zu wenig kulturelles Leben gibt.

Mit nur wenig, dafür stabilen Subventionen könne man beim «Palino» in feste Mitarbeiter und Vermarktung investieren und damit mehr Leute erreichen. «Dass die Stadt dies nicht merkt, macht mich rasend!» Gleichzeitig brüste man sich, Kultur- und Bäderstadt zu sein, und derzeit stimme beides nicht. «Das Originelle und Lebendige verschwindet», sagt sie. Immerhin: Palino hält ihrer Hassliebe Baden die Treue.

Theater «Die Mücke widerspricht», 25. und 26. Januar, 20.15 Uhr, ThiK, Baden.

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