Alstom-Schock

Stellenabbau: Paul Schneebelis Vermächtnis geht den Bach ab

Paul Schneebeli schuf in Baden einst 2000 Stellen.

Paul Schneebeli schuf in Baden einst 2000 Stellen.

Paul Schneebeli hat als Länderchef Schweiz bei Alstom einst 2000 Jobs geschaffen. Heute lebt er in Paris, wo über den angekündigten Stellenabbau verhandelt wird. Am Samstag startet in Baden eine Demonstration gegen den Abbau der Jobs.

Anfang 2002 kürte der «Blick» Paul Schneebeli zum «Top-Jobmacher der Schweiz». Der damalige Chef von Alstom Schweiz hatte im Aargau in den beiden Vorjahren über 2000 Stellen geschaffen. Lange ist es her. Seit der Pensionierung im Jahr 2004 lebt der heute 73-Jährige in Paris, der Heimat seiner Ehefrau.

Den jetzigen Verkauf der Alstom-Energiesparte an General Electric (GE) und die Bekanntgabe der massiven Stellenabbaupläne hat er nur noch am Rande mitverfolgt. Der Jobabbau sei lokal sicher eine Katastrophe, sagt Paul Schneebeli am Telefon. Gleichzeitig lebe er aber in einer anderen Geisteswelt: zehn Prozent Arbeitslosigkeit in Frankreich, die Terroranschläge vom November. Sein Sohn, sagt er, sei Stammgast im Konzertlokal Bataclan, wo die meisten Leute starben.

Schneebeli musste auch abbauen
Die Erinnerung an die Krönung zum «Superman-Schneebeli» im «Blick» ist bei ihm trotzdem noch präsent. Aber auch, dass die Jahre vor der Pensionierung in Baden nicht nur Freude brachten. Im Gegenteil: Kurz nach dem starken Ausbau musste er in anderen Bereichen auch schon wieder Stellen streichen. «Kahlschlag in Baden», lautete eine Schlagzeile dann.

War das Badener Jobwunder der Jahrtausendwende also nicht nachhaltig? Diese Frage habe er sich zum damaligen Zeitpunkt gar nicht gestellt, erklärt Schneebeli; «es ging ums Überleben.» Der Grund: Alstom musste die eben von ABB übernommene und erst im Labor getestete neue Turbinengeneration marktfähig machen. «Wir haben von gewissen Problemen gewusst», sagt Schneebeli rückblickend. «Aber sie stellten sich als viel gravierender heraus.» Der Stellenausbau war mehr eine Reaktion darauf als eine langfristig ausgelegte Wachstumsstrategie.

Trotzdem gab sich der Alstom-Chef im «Blick»-Interview 2002 noch optimistisch. Der weltweite Energiebedarf werde sich in den nächsten 20 Jahren verdoppeln, prophezeite er. Dann, schon vor der Pensionierung, trübten sich die Aussichten für den Verkauf von Gaskraftwerken ein. Und in Baden auf neue Geschäftsfelder zu setzen, sei aus finanziellen Gründen schwierig gewesen – die Turbinen-Rettungsaktion hatte viel Geld verschlungen.

Badens Sonderstellung
Schneebeli war bis 2004 Alstom-Länderchef in Baden – eine Position, die später abgeschafft wurde. Dass der Schweizer Standort innerhalb des Konzerns deshalb an Gewicht verlor, glaubt er nicht. Baden habe vielmehr eine Sonderstellung eingenommen, denn mit der Übernahme des ABB-Kraftwerkgeschäfts wurde der Lizenzvertrag mit GE für die Turbinen-Produktion im französischen Belfort gekündigt. Baden blieb alleiniger Produktionsstandort «und hatte deshalb als Kompetenzzentrum für Alstom einen ganz anderen Stellenwert als heute für GE, das ja auch an anderen Orten noch Turbinen produziert».

Die Gefahr, dass die verschiedenen Standorte gegeneinander ausgespielt werden, ist im aktuellen länderübergreifenden Kampf um Arbeitsplätze deshalb grösser. In Schneebelis Wahlheimat Paris laufen derzeit die Gespräche zwischen der GE-Konzernleitung und dem europäischen Betriebsrat, der Arbeitnehmervertreter aus verschiedenen Ländern vereint.

Schneebeli verfolgt die Gespräche nicht. Lieber analysiert er in der französischen Nationalbibliothek die Wortwahl in der französischen Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts. «Das ist fast so komplex wie eine Gasturbine», meint er schmunzelnd.

Wohl noch komplexer ist das sogenannte Konsultationsverfahren in Paris. Diego Frieden, Zentralsekretär der Gewerkschaft Syna, verfolgt es aus der Schweiz – mit einer gewissen Besorgnis. «Wir müssen schauen, dass keine Lösung gefunden wird, bei der ein Land auf Kosten eines anderen gewinnt», sagt er. Der Syna-Sekretär setzt vor allem auf eine Zusammenarbeit mit den Vertretern aus Deutschland, das mit einem geplanten Abbau von jeder fünften Stelle fast so hart getroffen wird wie der Aargau.

Ohne Einigung kein Abbau

Zwar werden die länderspezifischen Verhandlungen gleichzeitig in der Schweiz geführt. Paris ist aber insofern wichtig, als die hiesigen Angestellten dort quasi vom viel strengeren französischen Arbeitsrecht profitieren. Konkret: Solange das Verfahren in Paris nicht abgeschlossen ist, darf GE auch hier keine Entlassungen vornehmen, die mit der Restrukturierung zusammenhängen.

«Wir können sicher von einer gewissen Sperre oder Verzögerung profitieren», sagt Frieden. Entscheidend sei, welche Verpflichtungen GE in der Schweiz eingehe. Dass es nach der Übernahme wegen Überlappungen zu einem Stellenabbau kommt, kann er nachvollziehen. Nicht aber, dass GE keine konkreten und verbindliche Signale aussendet, am Standort Schweiz zu investieren. «Die Mitarbeiter haben jahrelang viel erwirtschaftet und verdienen nach den 20-monatigen Übernahmegesprächen mehr als vage Ankündigungen», sagt er.

Zeit, um über Lösungen zu diskutieren, ist genug vorhanden. Laut Thomas Bauer, einem der drei Schweizer Arbeitnehmervertreter im 25-köpfigen europäischen Betriebsrat, wird das Konsultationsverfahren in Paris mindestens sechs Monate dauern. Die grösste Delegation stellt Frankreich. Das spiele aber keine Rolle, meint Bauer: «Wir haben die gleichen Interessen, nämlich Jobs der Mitarbeitenden zu erhalten.»

In einer Mitteilung kündigt der Betriebsrat an, die Abbaupläne von GE bei Alstom entschieden zu bekämpfen. Man werde alles unternehmen, um die bedrohten Jobs zu retten, obwohl GE brutal vorgehe und versuche, den Abbau schnell durchzuziehen. Die Arbeitnehmervertreter kritisieren, der Plan von GE sei primär darauf angelegt, Kosten zu reduzieren, statt dem Unternehmen eine Perspektive zu geben.

Meistgesehen

Artboard 1