Und – ich bin dann mal weg. Ein einfacher Satz, der für Stephan Mies viel bedeutet. «Hinter dieser scheinbaren Leichtigkeit dieses Satzes verbirgt sich so ziemlich alles, was einen Abschied ausmachen kann, neutralisiert zugleich in aller Kürze Positives und Negatives, Lachen und Weinen, grosse Gefühle und gedankenschwere Erinnerungen», kommentiert der abtretende Schulleiter gleich selber, was ihm durch Kopf und Bauch geht. Der Volksschule wünscht er, dass sie bald einen geeigneten Nachfolger oder eine geeignete Nachfolgerin finden möge. «Vor allem zum Wohle aller Schülerinnen und Schüler und der Lehrerinnen und Lehrer.» Mies wechselt als Schulleiter an die Primarstufe in einer Zürcher Gemeinde. Die Aargauer Zeitung sprach mit ihm über die Schule allgemein und den Wandel.

Herr Mies, die geleitete Schule, wie sie von Baden vor 10 Jahren eingeführt hatte, gab es zuvor nicht. Wovon liess man sich damals leiten?

Stephan Mies: Einerseits war ich schon immer ein Verfechter von Führungsstrukturen eben auch an einer Schule, andererseits konnte ich die Strukturen hier in Baden lange genug miterleben und sehen, wo Mängel vorhanden waren.

Lehrer wollten aber keine Vorgesetzte, jedenfalls damals, oder?

Das schon. Sie schätzten aber, wenn sie Hilfe oder Anlaufstellen hatten für ihre Anliegen. Auch wenn einige die Schulleitung per se als Anwalt ihrer Anliegen verstehen. Zudem hat Baden ausgesprochen flache Hierarchien, welche die Akzeptanz von Führung erleichtert, weil die Leitung näher bei den Lehrpersonen ist.

Wie kamen bestandene Lehrkräfte damit zurecht?

Das waren und sind sehr gute Leute, was das Pädagogische, Erzieherische und die Werthaltungen betrifft. Zu ihrer Zeit hatte die Schule auch ihre Hierarchien, ich denke da an graue Eminenzen.

Früher war bei den Schulzimmertüren der Dialog beendet, heute sind sie offen. Wie kam es zu diesem Wandel?

Man begann genauer hinzuschauen, sprach über Qualität, fragte sich, was eine gute Schule, guten Unterricht denn ausmache, um selbst bewusst hinzustehen in der Gewissheit, dass man einen guten Job macht.

Interview mit  Schulleiter Stephan Mies Baden

Interview mit Schulleiter Stephan Mies Baden

War es für Sie schwierig, plötzlich als Chef der Kollegen hinstehen zu müssen?

Ich brachte den Vorteil mit, dass ich damals schon in gewissen Aufgabenbereichen die Schule nach oben vertreten hatte. So akzeptierte man mich als Führungsperson und hatte Vertrauen – oder ich war dem Kollegium in dieser Funktion zumindest nicht suspekt. Eine aussenstehende Person hätte damals einen schweren Stand gehabt.

Wo lagen vorher die Probleme?

Zum Beispiel bei den Konferenzen und deren Eigendynamik. Da stellten sich gewisse Personen in den Mittelpunkt, während sich andere nicht getrauten oder von anderen zurückgedrängt wurden. Es ging manchmal hart zu und her. Heute ist das wie Tag und Nacht.

Wie denn?

Heute haben wir klar strukturierte Konferenzen mit Zielvorgaben, während Diskussionsrunden in einer andern Form stattfinden. Es war ein Umdenken notwendig. Die Lehrkräfte mussten erst ihre Anliegen bei der Schulleitung deponieren, die Traktanden wurden vorbereitet, und es wurde entschieden.

Und das ging gut?

Bei einem heterogenen Kollegium war das nicht immer einfach, doch ich denke, dass es Werner Zumsteg, zuvor als pädagogischer Schulleiter tätig, und mir im Team gut gelungen ist, die geleitete Schule umzusetzen.

Lehrer lassen sich ja nicht gerne benoten. Erinnern Sie sich noch ans erste Mitarbeitergespräch?

Ich wusste, worauf ich mich einlassen würde und wollte ja diesen Posten. Da musste ich mich auf diese Hierarchie einlassen und hatte keinerlei Probleme damit. Das erste Gespräch war noch eine Art Standortbestimmung mit Schwerpunkt auf Abfragen der Befindlichkeit. Doch bereits im Folgejahr kamen Schwerpunktthemen und Beurteilungen dazu, auch der Schulleitung.

Wie gingen die Lehrer damit um?

Sehr unterschiedlich. Die einen unverkrampft, andere tun sich schwerer, machen sich mehr oder weniger Gedanken zur Bedeutung eines Mitarbeitergespräches. Doch das Badener Schulleitungsmodell, das an allen Schulen an der Volksschule Baden gleich funktioniert, hat sich rasch bewährt.

Gab es auch Härtefälle?

Solche gab es zwischendurch. Ich erinnere mich an zwei in dieser Zeit, wo es dann zur Entlassung führte. Wer sich nicht damit identifizierte, konnte auch selber die Konsequenzen ziehen und gehen.

Wo liegt heute aus Ihrer Sicht noch Potenzial in dieser Schule?

Diese Schule hier, ich spreche von der Sekundarstufe 1 mit Sonderformen, braucht eine erhöhte Betreuung, die präsent ist. Darunter verstehe ich Anlaufstellen, die entlasten und unterstützen, denn die Ansprüche an die Schule wachsen, und damit meine ich nicht einmal den Bereich der Sachkompetenzvermittlung, sondern die Bereiche der Selbst- und Sozialkompetenz.

Zum Beispiel die Schulsozialarbeit.

Die Einführung der Schulsozialarbeit war Projektmanagement par excellence und funktioniert vorbildlich. Sie funktioniert unabhängig von der Schulleitung, entlastet diese und wird von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrpersonen rege genutzt.

Wie wichtig sind Schulevaluationen?

Sie sind per se erst einmal eine zusätzliche Belastung für alle. Ich habe es auch von der Prüferseite erlebt. Wenn man richtig hinschaut, in die Tiefe, und nicht einfach etwas schönredet, dann sind die externen Evaluationen wertvoll. Aber die Schulen müssen aufgrund der Resultate dann auch selber handeln, im Sinne von: Wir sind eine lernende Organisation und verbessern ständig unsere Qualität.

Die Schule ist in Baden auch eine Wov-Abteilung. Qualität wird also durch die wirkungsorientierte Verwaltungsführung gefordert.

Wir hatten eine besondere Situation, da wir ja quasi schweizweit als erste Volksschule das Qualitätsmanagement schufen. Darin waren Unterrichtsevaluationen bereits enthalten. Mit Wov verbunden führten wir Schüler- und Elternumfragen durch.

Was, wenn Ergebnisse für Lehrkräfte weniger erfreulich waren?

Dann nahmen wir das ernst und schauten es gemeinsam an und gingen dahinter. Natürlich ist es so, dass gewisse Fächer und Lehrpersonen besser wegkommen. Doch auch z.B. das Fach Bewegung und Sport soll nicht einfach nur «lässig» sein, sondern eben auch Leistung fordern.

Die Volksschule ist Q2-zertifiziert. Sind solche Zertifikate wichtig.

Darüber kann man sich streiten. Es ist eine Qualifikation, eine Standortbestimmung, die eine Schule weiterbringen kann. Für uns war es ein Weg zu einem Ziel, über das wir uns freuen durften. Man kann es gewissermassen auch als Etikette bezeichnen. Sicher nicht die Schlechteste.

Kommen wir auf die Schüler zu sprechen. Ist der Schüler von 2012 schwieriger als derjenige von 1988?

Ich kann diese Ansicht nicht teilen. Die Schüler von damals waren nicht besser oder schlechter. Es gab auch früher in jeder Klasse die schwierigen Fälle. Von der Art und vom Anstand her schätze ich die heutige Jugend nicht anders ein als die frühere. Einen Unterschied gibt es: Wir haben heute vereinzelte Fälle, mit denen es schwierig ist umzugehen. Ich denke da auch an ADHS und anderes.

Wie ist es mit Rauchen, Handy, Gewalt etc.?

Mit dem Rauchen auf dem Schulareal war es früher schlimmer. Kiffen ist heute eher ein Thema. Gewalt, Vandalismus spüren wir tatsächlich weniger als früher. Dafür ist das Littering heute akuter geworden.

Wie sollte die Lehrperson von heute sein?

Die Schüler brauchen und wünschen sich Lehrpersonen, die eine klare Linie haben und konsequent sind. «Gschpürschmi» und anbiedern kommt längerfristig nicht an, da kommen Lehrkräfte bei Eltern wie Schülern unter die Räder.

Haben sich die Eltern in ihrer Rolle geändert? Halten sie vermehrt die schützende Hand über ihr Kind?

Diese Tendenz stellen wir fest. Ich weiss nicht genau, woran es liegt. Schauen Eltern ihre Kinder heute als besonders schützenswert an? Liegt es an der Unsicherheit, mit bestimmten Konfliktsituationen umzugehen, haben sie Angst vor Liebesverlust, wenn sie nicht das tun, was das Kind will? Feststeht: Wenn zu wenig oder keine Erziehung stattfindet, springen die Kinder sofort in die Bresche und füllen das Vakuum. Bis zur Umkehr der Hierarchien zu Hause. Und dies hat unweigerlich Konsequenzen in der Schule, und zwar auf der Verhaltens- wie auf der Leistungsebene.

Eltern also quasi als Anwälte ihrer Kinder?

Das kommt manchmal so zum Ausdruck, obschon die Kinder gar nicht imstande sind, gewisse Situationen zu beurteilen. Die Eltern sehen dann die Schule zuerst als Feind. Dafür sind Gespräche wichtig, wo Missverständnisse meistens weggeräumt werden können. Früher doppelten Eltern nach einer Lehrerrüge eher nach. Heute wird zuerst oft alles andere infrage gestellt, bevor der Blick auf sich selbst oder die eigentliche Problematik gelenkt wird.

Und dann gibt es auch kulturelle Unterschiede.

Das ist so. Der eingewanderte Top-Manager aus unserem nördlichen Nachbarland tritt als Vater gegenüber einem Lehrer anders auf als ein einfacher Arbeiter mit Sprachhindernissen und bildungsfernem Hintergrund. Es ist nicht einfach, wenn der Lehrer fordernden Eltern gegenübertreten muss, da habe ich einiges miterlebt.

Wie ist es bei Sprachbarrieren?

Bei Übersetzungsproblemen können wir auf das Netzwerk Kultur der Stadt Baden zurückgreifen und deren Übersetzer für rund 36 Sprachen. Das ist ein toller Service.

Sie haben den letzten Schultag in Baden hinter sich. Wie fällt Ihre Gesamtbilanz aus?

Mit Wohlwollen spürte ich stets den guten Ruf der Schule in Baden, auch wenn das anderswo manchmal mit Argwohn registriert wurde. Ich war immer sehr gerne in Baden, darum wurde es eine so lange und insgesamt sehr gute Zeit. Die ist jetzt einfach vorbei.

Sie gehen nun. In Baden würden auch Herausforderungen warten: das Oberstufenzentrum, der Wechsel auf 6/3.

Jetzt bin ich 48 Jahre alt, die Hälfte davon habe ich hier an der Pfaffechappe verbracht. Ich durfte viele Veränderungen als Meilensteine miterleben, menschlich, inhaltlich, technisch und strukturell. Jetzt ist für mich selber Zeit für eine Veränderung, der Moment ist richtig.