Wohlenschwil

Steuererklärungen in Gemüsekisten: Jörg Plüss ist seit 40 Jahren im Reich von Tipp-Ex und EasyTax

Früher war rosa Tipp-Ex ein wichtiges Hilfsmittel für Jörg Plüss, heute ist es der Computer.

Früher war rosa Tipp-Ex ein wichtiges Hilfsmittel für Jörg Plüss, heute ist es der Computer.

Seit 40 Jahren leitet Jörg Plüss das Steuerwesen in Wohlenschwil, klopft Säumigen auf die Finger und hilft Witwen.

An der Innenseite von Jürg Plüss’ Bürotüre hängt ein grosses Plakat. Es ist eine Collage aus diversen Formularen der Steuererklärung. Darüber steht in grossen Buchstaben: «Woh­lenschwil feiert 30 Jahre Jörg Plüss». Das Plakat hängt schon seit 10 Jahren an der Türe und für jedes weitere Jahr ist eine neue Zahl hinzugekommen. Die Zahlenreihe endet bei 39. Heute ist der Tag, an dem die nächste Zahl aufgeklebt wird.

Exakt vor 40 Jahren hat Jörg Plüss die Gemeindekanzlei erstmals als Angestellter der Gemeinde Wohlenschwil betreten. Er betrat damals eine Baracke, in Gemüsekisten lagen Steuererklärungen und Plüss fragte sich leise, wo er hier gelandet war. Als ihm Gemeindeschreiber Markus Jost die Baupläne für das neue Gemeindehaus präsentierte, wichen die Bedenken. Das Büro, in dem Plüss heute Steuererklärungen unter die Lupe nimmt, bezeichnet er als «grosszügig».

Bewerbungsgespräch im Restaurant Krone

Steueramtsvorsteher und Finanzverwalter stand im ersten Vertrag, den Plüss unterzeichnet hatte. Das Anstellungsgespräch fand im Restaurant Krone in Lenzburg mit zwei Gemeinderäten und Gemeindeschreiber Markus Jost statt. «Nie hätte ich gedacht, dass ich 40 Jahre später immer noch hier bin», sagt Plüss. Die Zeit sei unglaublich schnell vergangen. Und offensichtlich steckt in ihm eine treue Seele. Fast so lange wie mit der Wohlenschwiler Steuerabteilung ist der 63-Jährige mit seiner Frau Marianne verheiratet. «Ich hänge an dem, was ich habe», sagt Plüss.

Heute ist er Vater von zwei erwachsenen Söhnen und zweifacher Grossvater. Verschiedene Generationen von Menschen und Steuersystemen hat Plüss erlebt. Als Steueramtsvorsteher hat er begonnen, heute nennt sich das Leiter Steuern. Wo früher klobige Rechenmaschinen standen, stehen heute Computer und aus 472 steuerpflichtigen Wohlenschwilern sind 900 geworden.

Plüss erzählt aus vergangenen Zeiten, in denen rosa Tipp-Ex zum unabdingbaren Werkzeug zählte, um auf den rosa Steuerformularen Korrekturen vorzunehmen. Er erinnert sich an das Jahr 2001, als sich alle fragten, wie die Umstellung von der zweijährigen auf die jährliche Steuerveranlagung klappen würde. Und er hat die Digitalisierung mit EasyTax als grosse Erleichterung erlebt.

«Es sind immer die Gleichen, die zu spät sind»

«Dank EasyTax stellen die Leute viel weniger Fragen zur Steuererklärung», sagt Plüss. Dass ab und an eine Witwe um seine Hilfe bittet, daran hat er sich gewöhnt. Die Disziplin habe mit EasyTax tendenziell eher zugenommen. Nur zwei Hand voll Wohlenschwiler füllen die Steuererklärung noch von Hand aus. Und Ende Jahr fehlen ihm jeweils 20 bis 25 Steuererklärungen. «Es sind immer die Gleichen, die zu spät sind», so Plüss.

Langweilig ist es ihm nie geworden. Zahlen mochte Plüss schon immer lieber als Sprachen. Geometrie und Algebra waren spannender als Französisch. «Zahlen kann ich mir fast besser merken als Namen», sagt Plüss mit einem Lachen. Über die Jahre habe sich sein Flair für Zahlen immer weiter entwickelt. Er hätte sich in jungen Jahren aber auch vorstellen können, wie sein Vater Schreiner zu werden oder Automechaniker. In Staufen hat er die Kaufmännische Lehre auf der Gemeinde absolviert. Fast etwas erschrocken stellt er fest: «Ich habe seit 1972 nur in Gemeindehäusern gearbeitet.»

Auf der Wohlenschwiler Gemeindekanzlei schätzt man seine Fachkompetenz, seine Hilfsbereitschaft und sein Fingerspitzengefühl. Plüss ist ein Teamplayer. Nebst seinem Kerngeschäft kümmerte er sich in all den Jahren auch um die Lehrlinge, die Leitung der SVA-Gemeindezweigstelle, war Zählerverwalter und EDV-Betreuer. Bis Ende 2017 hat er zusammen mit seiner Frau sogar das Gemeindehaus gereinigt.

Keine Angst vor der Pensionierung

Abwanderungsgelüste hatte Plüss nie. Er lobt das gute Team, die gute Infrastruktur, die gute Chemie mit Ex-Gemeindeschreiber Markus Jost, der ebenfalls 40 Jahre im Amt war und vor drei Jahren pensioniert wurde. «Klar überlegt man sich, ob man für mehr Lohn die Stelle wechseln würde», sagt Plüss. Aber hier stimme der Zusammenhalt, man kenne sich und es läuft. «Es ist wie in einer Ehe.» Zudem schätzt er den kurzen Arbeitsweg, seit er sich im Woh­lenschwiler Ortsteil Büblikon den Traum von einem Blockhaus erfüllt hat. «Ich komme bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zur Arbeit. Was nützen mir ein paar Franken mehr Lohn, wenn ich jeden Tag mit dem Auto im Stau stecke.»

Im März 2021 wird Plüss nach 41 Jahren im Dienste der Gemeinde Wohlenschwil regulär pensioniert. Angst, dass er die Arbeit vermissen wird, hat er nicht. Zumal er weiterhin einmal pro Jahr seine eigene Steuererklärung ausfüllen darf. Er wird wohl auch dann, wie immer in den letzten Jahren, der erste oder zweite im Dorf sein, der seine Formulare pflichtbewusst einreicht.

Seine Zeit will Jörg Plüss vermehrt in Haus und Garten investieren. Denn als Ausgleich zu seiner zahlenlastigen Kopfarbeit hat er seinen Veloraum in eine kleine Werkstatt umfunktioniert. Dort lebt er seinen Traum vom Schreiner, ganz ohne rosa Tipp-Ex, dafür mit Fräse, Hobelmaschine und Bandsäge.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1