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Strassenmusiker Frank Powers: «Ich habe mich ins All hinaus katapultiert»

Für manche Badener ist Strassenmusiker Frank Powers zur «Voice of Baden» geworden. Dabei war sein Stimmbruch enttäuschend und er mag s’Buurebüebli und s’Vreneli mehr als «The Voice of Switzerland».

Sabina Galbiati
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Strassenmusiker Dino Mukanda Brandao alias Frank Powers spielt seine Songs in der Bahnhofsunterführung in Baden.

Strassenmusiker Dino Mukanda Brandao alias Frank Powers spielt seine Songs in der Bahnhofsunterführung in Baden.

Frank Powers sagt komische Sätze. Und dann lacht er jedes Mal. «Ich habe mich ins All hinaus katapultiert», beschreibt er den Moment, als er sich entschied, aus Dino Mukanda Brandao den Strassenmusiker Frank Powers zu machen.

Das war im Herbst 2011. Brandao kündigte seine Stelle im SBB-Reisebüro in der Bahnhofsunterführung Baden, fuhr mit dem Zug heim nach Brugg, ging in den Keller und übte seine Songs. Es wurde Frühling. Frank Powers kam aus dem Keller und fuhr mit dem Zug nach Baden. Über der einen Schulter hing die Gitarre, über der anderen seine Ukulele und in der Luft etwas Nervosität. «Ich befürchtete, dass die Securitas mich mitnehmen würden, deshalb sang ich in der hinteren Unterführung beim Kino Sterk.»

Doch den Ort besetzten bereits die Bettlerin Petra und ihr Hund. Nach kurzer Diskussion überliess ihnen der damals 21-Jährige den Platz. Seither spielt Powers in der grossen Unterführung zwischen Gleis eins und zwei, in der Badstrasse oder auf dem Schlossbergplatz. Und inzwischen ist er für manche Badener zur «Voice of Baden» geworden.

Der Botschafter singt: «So schlimm chas doch nöd sii»

«Die Leute erschrecken, wenn ich Schweizerdeutsch rede.» Wegen seiner Hautfarbe sprechen Passanten Frank Powers meistens auf Englisch an. Dabei ist Brandaos Heimatort Ibach bei Schwyz. Seine Mutter ist eine Innerschwyzerin, eine geborene Steiner, sein Vater Angolaner. Von ihm hat er seinen zweiten Vornamen Mukanda. Das ist Kimbundu, die Stammessprache seines Vaters, und bedeutet Botschafter.

Frank Powers gibt ein Konzert an der Plattentaufe seines ersten Albums "Welcome at Frank's". Bild: Flavio Leone
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Dino Brandao alias Frank Powers
Zwischen Gleis eins und zwei hat Frank Powers seinen Stammplatz.
Nach seiner Ukulele Luana ist ihm die Gitarre das liebeste Instrument.

Frank Powers gibt ein Konzert an der Plattentaufe seines ersten Albums "Welcome at Frank's". Bild: Flavio Leone

Flavio Leone

«Kimbundu ist das Rumantsch von Angola», sagt Brandao über die Verbreitung dieser Sprache. Überhaupt gebe es in Angola viele Stammessprachen und die Leute verstünden sich gegenseitig nicht. «Nur im Tanz und in der Musik sprechen sie alle die gleiche Sprache.» Volksmusik schaffe eben Identität – auch in der Schweiz. «S’Buurebüebli oder s’Vreneli vom Guggisberg, da fühl ich mich zu Hause.» Er habe sogar schon einen Song auf Schweizerdeutsch. Brandao zückt sein Smartphone und lässt ihn laufen. Schön, traurig und irgendwie wahr. «So schlimm chas doch nöd sii», Frank Powers singt vom Leben.

«Mein Stimmbruch war ziemlich enttäuschend.» Im Musikunterricht an der Bezirksschule in Brugg hatte Brandao seine Stimme gerade erst entdeckt. Da ging sie gleich wieder verloren. Doch schon damals wuchs der Traum vom Musiker weiter. Mit 16 Jahren schrieb er seine ersten Songs und versteckte sie, wie andere Leute ihre Tagebücher. «Ich schliesse Erlebnisse gerne mit einem Lied ab». Enttäuschungen, Erfahrungen, Liebe: Seine Texte sind persönlich, manchmal politisch. Mit entsprechend ernster Miene singt er seine Botschaften – zwischen Gleis eins und zwei in der grossen Unterführung.

Aus der Unterführung an die Hochzeit

«Frank Powers gibt es mit Hochzeits-Repertoire», sagt er, als wäre es das Normalste auf der Welt. Doch sein Strahlen verrät den heimlichen Stolz. Das Ganze kam so: Im letzten Mai spielte Brandao eine Nebenrolle als Asylant im Musical «The American», das im stillgelegten Thermalbad aufgeführt wurde. Er sass auf einer Treppe und sang «Tunes of my remedy» – «Melodien meiner Heilmittel». Seine Musicalfigur wurde verdächtigt, Drogen zu verkaufen. «Über das Klischee konnte ich nur lachen.» Aber den Song habe er selber geschrieben. Das Publikum befand ihn für talentiert. Einige Besucher fragten ihn, ob er auf ihrer Hochzeit spielen würde. Sogar in der Bahnhofsunterführung heuerte ihn eine junge Frau an. «Dass die Leute mir vertrauen, und mich an so einem wichtigen Tag dabei haben wollen, finde ich schön und nehme ich sehr ernst.»

Die Freiheit steckt im Namen

«Er bestürmte mich so lange, bis ich Ja sagte»: Ein Casting-Agent von «The Voice of Switzerland» wurde dank Brandaos Nebenrolle auf ihn aufmerksam und liess nicht locker. Frank Powers ging zum ersten Vorsingen. Ein kleines Büro, ein Klavier, drei Juroren hinter einem Pult: Powers fühlte sich eingeengt. Das war den Juroren egal. Sie wollten ihn zum zweiten Vorsingen einladen. Brandao brauchte nur den Vertrag zu unterschreiben. «Doch das wäre einem Berufsverbot gleichgekommen». Er hätte nicht mehr auftreten dürfen.

Frank – der Name leitet sich vom germanischen Volk der Franken ab und bedeutet «frei» – Frank mag eigentlich keine Wettbewerbe. «Musik soll befreien, nicht von Stilbenotung und Mainstream geleitet sein». Statt bei «The Voice» steht er lieber mit seinen Bands auf der Bühne. Mit «Those and the Weirdo» als Sänger und Frontmann und seit Kurzem als Gitarrist und Sänger mit «Akin to Parrots».

Täglich arbeitet Brandao an seiner Stimme, schreibt an seinen Songs – «mindestens alle zwei Wochen muss ein Neuer zu Papier gebracht sein». Hinzu kommen Gesangsunterricht und das Vorstudium im Popgesang am Konservatorium in Winterthur. Sein grosses Vorbild ist die Berner Sängerin und Songwriterin Sophie Hunger. «Sie ist ein Ausnahmetalent und in meinen Augen eine Poetin.» Und ganz wichtig: Sie habe es aus eigener Kraft geschafft und sei frei geblieben.

Die Pille kam von einem Junkie

«Das normale Leben ist weniger anstrengend» ist auch so ein Satz, bei dem Brandao lacht. Dabei meint er ihn sehr ernst. Wenn er in Baden seinen Gitarrenkoffer auslegt und seine Stimme durch die Unterführung hallt, liegen am Ende des Tages vielleicht 30 oder 180 Franken im Koffer. Daneben ein Pack Kekse oder ein Sack Nussgipfel. Je nachdem, ob der schwarzhaarige Italiener mit der Sonnenbrille oder die Verkäuferin von der Bäckerei vorbei kam. Als er mal in Zürich spielte, warf ihm ein Junkie eine Pille in den Koffer, «keine Ahnung, was das war».

Brandao rechnet in anderen Dimensionen: ein Hochzeitsauftritt für die Krankenkasse; einen Tag Strassenmusik für die Handyrechnung; unzählige Tage für das erste eigene Album «Welcome at Frank’s». Im Januar war die Plattentaufe. «Ich möcht euch 100 000 000-Fach danken! Das war einer der schönsten Tage meines Lebens», schrieb er auf Facebook.

Obwohl Pendler und Passanten gerne ihr Kleingeld in den Gitarrenkoffer werfen: Leben kann der 22-Jährige davon nicht. Er wohnt bei seiner Mutter in Brugg. Im April macht er die Aufnahmeprüfung für den Studiengang Popgesang an der Zürcher Hochschule der Künste. Bis zu 60 Bewerber versuchen es. Einer bekommt den Platz. Brandaos Leben als KV-Angestellter mit Berufsmatura war einfacher. Trotzdem: Seinen Traum, eines Tages auf den grossen Bühnen zu singen, gibt er nicht auf.