Die Strassenaufnahme, die der iNovitas-CEO Christian Meier in seinem Browser aufruft, könnte auch aus einem Google-Fahrzeug geschossen worden sein – denkt man sich auf den ersten Blick.

Einen Mausklick später wird klar: hinter dem Bild steckt weit mehr, als Google Street View bietet.

Zum angeklickten Bildpunkt liefert die Software des Jungunternehmens aus Baden-Dättwil, die für die breite Öffentlichkeit unzugänglich ist, die zugehörigen 3-D-Koordinaten.

Ein weiterer Klick auf die gegenüberliegende Strassenseite, und schon weiss der Benutzer präzise, wie stark das Gefälle zwischen den beiden markierten Punkten ist.

Ausschnitt des Start-ups iNovitas

Ausschnitt des Start-ups iNovitas

«Vor Ort, ohne dort zu sein»

Für den Durchschnittsnutzer mögen solche Informationen wenig relevant sein, Tiefbauämtern oder Ingenieurbüros jedoch ersparen sie aufwendige Vermessungen auf stark befahrenen Strassen.

«Mit dem infra-3D-Service sind Sie vor Ort, ohne dort zu sein», wirbt die iNovitas AG auf ihrer Website – und überzeugte damit auch die Jury des Swiss Economic Award: Am Swiss Economic Forum in Interlaken hat sie letzte Woche die mit 25 000 Franken dotierte Auszeichnung in der Kategorie Dienstleistung gewonnen.

Gegründet hat Meier iNovitas im Jahr 2011 zusammen mit Hannes Eugster, seinem ehemaligen Jungwachtkollegen aus Berikon, als Spin-off-Unternehmen des Instituts Vermessung und Geoinformation der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Ausschnitt des Start-ups iNovitas

Ausschnitt des Start-ups iNovitas

Google Street View gab es da bereits und wurde, wie Meier aus Befragungen erfuhr, auch von öffentlichen Verwaltungen genutzt.

«Wir sagten uns, dass man mit dem Tool noch zehnmal mehr machen könnte, wenn die Daten richtig intelligent sind» – eine naheliegende Vision, könnte man meinen. Und der Jungunternehmer widerspricht dem nicht. «Aber was technisch dahintersteckt», versichert er, «ist hochkomplex».

In Konkurrenz mit der Nasa

Entsprechend klein ist die Konkurrenz. Neben einer amerikanischen Firma, die eine Nasa-Technologie nutze, sei die iNovitas das einzige Unternehmen weltweit, das diesen Dienst anbiete, sagte ein Mitarbeiter des Thurgauer Tiefbauamts kürzlich der «Thurgauer Zeitung».

1600 Strassenkilometer ist einer der vier mit Kameras ausgerüsteten Vans aus Baden-Dättwil im März dort abgefahren. Auch das rund 1200 Kilometer lange Aargauer Kantonsstrassen-Netz wurde 2013 von iNovitas digitalisiert.

Über 400 Kantonsangestellte haben Zugriff auf die Daten. Nicht nur das Tiefbauamt, auch die Kantonspolizei oder die Abteilung für Verkehrssicherheit nutzen laut Meier das Tool.

Als nächsten Schritt will er die Expansion ins Ausland forcieren. Konkrete Partnerschaftsverträge wurden bisher zwar erst in Europa unterzeichnet, unter anderem in Rumänien und Italien, wo die Firma bereits Hubs gegründet hat.

«Wir haben aber schon von überall her Anfragen, auch aus den USA», so der CEO. Und von dort ist der Weg ins All dann ja auch nicht mehr so weit, wie die Zusammenarbeit des amerikanischen Konkurrenten mit der Nasa zeigt.

Vielleicht wird mit der Technologie aus Baden-Dättwil dereinst also auch der Mars vermessen. Und die Bilder von dort wird dann definitiv niemand mehr mit Google Street View verwechseln.