Neuenhof

Streitgespräch zur neuen Bauordnung: «Sie wollen ihr Gärtlein schützen»

Das Schicksal von Neuenhof liegt sowohl Werner Füllemann (l.) als auch Manuel Capitanio am Herzen. Jedoch unterscheiden sich ihre Auffassungen darin, wie die Zukunft der Gemeinde aufgegleist werden soll.

Das Schicksal von Neuenhof liegt sowohl Werner Füllemann (l.) als auch Manuel Capitanio am Herzen. Jedoch unterscheiden sich ihre Auffassungen darin, wie die Zukunft der Gemeinde aufgegleist werden soll.

Am Montag wird über die neue Bauordnung abgestimmt. Im Streitgespräch sagt Werner Füllemann (67), weshalb er gegen die Pläne ist, Manuel Capitanio (29), warum er sie für absolut notwendig hält.

Es ist soweit: Nach rund sechs Jahren Planung wird am Montag an einer ausserordentlichen Gemeindeversammlung über die Gesamtrevision der Nutzungsplanung Siedlung und Kulturland abgestimmt. Doch die Vorlage steht auf der Kippe. Grund: Die IG Wohnliches Neuenhof hat angekündigt, die Revision an den Gemeinderat zurückzuweisen. Im Streitgespräch erläutert Werner Füllemann die Argumente der IG, während Manuel Capitanio betont, weshalb er die Revision für notwendig erachtet.

Herr Füllemann, Herr Capitanio. Bevor wir auf die Details eingehen: Wieso sind Sie zusammengefasst gegen beziehungsweis für die Gesamtrevision?

Werner Füllemann: Ich muss vorausschicken: Wir sind nicht grundsätzlich gegen Revisionen. Uns ist bewusst, dass schon von Gesetzes wegen etwas passieren muss. Nicht einverstanden sind wir damit, wie das Ganze jetzt umgesetzt wird, insbesondere wie das Thema «Verdichten» in Neuenhof gepusht wird. Uns scheint, dass mit der sogenannten Strategie «Vorwärts» ein Zwang geschaffen wurde, mit dem es jetzt kein Zurück mehr gibt. Noch immer wird als Ziel genannt, Neuenhof soll irgendwann mal ein urbaner Raum – quasi ein Stadtquartier von Baden – werden. Doch das entspricht gar nicht unserem Bedürfnis. Denn ein urbaner Raum ist eine grössere Stadt, wo auch ein sozialer Austausch stattfindet. Ein solches Vorhaben ausgerechnet in der ohnehin am dichtesten bebauten Gemeinde des Kantons umsetzen zu wollen, erachten wir als falsch.

Manuel Capitanio, sehen Sie Neuenhof künftig als urbanes Stadtquartier?

Manuel Capitanio : Das, was die IG als negativ beurteilt, sehe ich tatsächlich als Vision. Die Region Baden ist eines der Kerngebiete im Aargau, das sich massiv entwickelt. In Zukunft wird insbesondere im Limmattal nicht jede Gemeinde einzeln für eine Gesamtinfrastruktur besorgt sein. Als 2010 die «Strategie Vorwärts» lanciert wurde, war im Dorf eine regelrechte Begeisterung zu spüren. Ich frage mich, was passiert, wenn wir jetzt mit der Gesamtrevision der Nutzungsplanung auf halben Weg ein wichtiges Element aus dieser Strategie kippen? Wenn wir die Strategie nicht zu Ende führen, sind wir wieder am Punkt, wo wir 2010 waren. Ich bin überzeugt, dass Neuenhof mit der Revision die Chance hat, ein visionäres Projekt vorausschauend umzusetzen, was letztlich auch ein Standortvorteil bedeuten könnte.

Was ist denn an der Revision so visionär aus Ihrer Sicht?

Capitanio: Visionär ist das Thema der Kernstadt und der Agglomeration. Letztlich geht es doch darum, in den kommenden Jahrzehnten vorbereitet zu sein für die Entwicklung, die kommt. Allzu oft neigen wir doch dazu, erst dann zu handeln, wenn es gar nicht mehr anders geht. Hier hätten wir die Möglichkeit, etwas aufzugleisen, was jetzt noch nicht dringend nötig wäre.

Füllemann: Es stimmt, am Anfang war für die Strategie eine grosse Euphorie auszumachen, die wahrscheinlich auch Resultat der Enttäuschung über das knappe Fusions-Nein aus Baden war. Nichts gegen Visionen: Unsere Haltung ist aber eher pragmatisch und realistisch. Wir fragen uns einfach: Was soll weiteres Verdichten bringen? In den letzten 30 Jahren haben wir auch kräftig gebaut, trotzdem hat sich die finanzielle Situation der Gemeinde keinen Deut gebessert – im Gegenteil. Deshalb müsste man eher mal Innehalten, statt weiteres Wachstum zu fördern. Und vergessen sollte man auch nicht, dass auch mit der bestehenden BNO aus dem Jahre 1998 sehr viel verdichteter Wohnraum realisiert werden konnte und auch heute noch viel Gestaltungsraum besteht.

Herr Capitanio, Sie haben bei früheren Gelegenheiten der IG unterstellt, deren Mitglieder würden Eigeninteressen verfolgen. Ein happiger Vorwurf.

Capitanio: Es sind vor allem die Einfamilienhausbesitzer, die sich gegen die BNO wehren. Diese Leute wollen vor allem ihr eigenes Gärtlein schützen.

Füllemann: Das behaupten Sie. Richtig, es hat Einfamilienhausbesitzer darunter, auch ich bin einer. Doch weshalb wehren wir uns? Weil wir mit Neuenhof verwurzelt sind und uns die Zukunft der Gemeinde am Herzen liegt. Es ist eine Unterstellung, wir würden Eigeninteressen verfolgen. Das Gegenteil ist der Fall: Wir sind noch die Einzigen, die sich für die Allgemeinheit einsetzen. Die Einfamilienhausbesitzer müssen eben nicht in jeder freien Minuten irgendwo hin, denn es ist ihnen – noch – wohl zu Hause. Mir könnte es Wurst sein, was passiert; mir kann nichts passieren. Ich frage mich auch: Der Wohnraum soll aufgewertet werden, um auch bessere Steuerzahler anzulocken. Doch wie viele Menschen, die heute in Neuenhof leben, finden dann keinen bezahlbaren Wohnraum mehr?

Füllemann und Capitanio sind sich uneinig.

Füllemann und Capitanio sind sich uneinig.

Das nehme ich Ihnen jetzt nicht ganz ab. Dass Sie gegen die Revision sind, weil Sie befürchten, Weniger-Gutbetuchte, könnten dann keine bezahlbare Wohnung mehr finden.

Füllemann: Richtig, es sind primär andere Punkte, die unseren Widerstand ausgelöst haben. Vor allem die geplante Verlegung des Härdli in den Langacher, die geplanten Hochhäuser und dass plötzlich in allen Zonen der Mindestgrenzabstand von vier Metern gelten soll.

Nochmals: Was ist an verdichtetem Bauen so schlecht?

Füllemann: Da muss man ein wenig ausholen. Es gibt zahlreiche nur im Sinne von Zielen formulierte Vorschriften, die dazu führen, dass sie als Bauherr und Investor nur bauen können, wenn sie zur Gemeinde gehen und zusammen mit anderen einen Vertrag hinkriegen für eine grössere Überbauung. Zur Beurteilung muss dann jedes Mal noch ein Expertenteam herbeigezogen werden. Kurz: Normales Bauen können sie künftig in Neuenhof fast vergessen; jedes Mal zieht das einen riesigen Planungsaufwand nach sich.

Capitanio: Genau diesen Punkt erachte ich als positiv. Dadurch, dass man verhandeln muss mit der Gemeinde, können Bewohner noch mitreden und sind nicht einfach einem Investor ausgesetzt. Diese Modernisierung des Gesetzes begrüsse ich sehr.

Füllemann: Das sehe ich genau anders: Der Sinn und Zweck einer Nutzungsplanung ist doch Rechtssicherheit, damit ich als Grundeigentümer oder Bauherr weiss, was ich darf. Kantonal hat es Bestrebungen gegeben, Vorschriften abzubauen. Es kann doch nicht sein, dass wir dann wieder als Gemeinde schwammige Vorschriften formulieren. Ich habe nichts gegen Gestaltungspläne. Doch wenn Sie in einem bereits überbauten Gebiet einen solchen realisieren wollen, brauchen Sie nur einen, der sich nicht dafür interessiert und dann geht gar nichts.

Capitanio: Fakt ist: Uns gehen die Bauzonen aus. Dann frage ich die IG: Wie sehen Sie die Zukunft? Denn wenn wir nichts machen, dann bedeutet das quasi Stillstand, weil nichts gebaut werden kann.

Füllemann: Man kann im gleichen Rahmen wie heute weiterbauen. Ich habe einfach Mühe damit, dass das Problem mit dem in der ganzen Region knapper werdenden Bauland vor allem in Neuenhof gelöst werden soll. Dabei haben wir schon seit Jahrzehnten Probleme für Baden und die Umgebung gelöst, wenn ich etwa an die Arbeiterwohnungen oder den Autobahnanschluss denke. Es gibt andere Gemeinden, die noch viel mehr Verdichtungspotenzial hätten.

Capitanio: Das ist genau die Trotzreaktion, die ich kritisiere. Fakt ist doch, dass die Arbeitsplätze in Baden sind. Also wollen die Menschen auch in der Nähe wohnen. Ich sehe Wachstum auch nicht nur positiv. Doch Fakt ist, wir befinden uns mitten im Limmattal. Wachstum findet dort statt, wo Arbeitsplätze sind und die Verkehrsanbindung gut ist. Den Groll, wonach Neuenhof der Region schon viel abgenommen hat in der Vergangenheit, kann ich teilweise nachvollziehen, aber er bringt uns nicht weiter.

Capitanio hält die neue Bauordnung für absolut notwendig – Füllemann wehrt sich heftig dagegen.

Capitanio hält die neue Bauordnung für absolut notwendig – Füllemann wehrt sich heftig dagegen.

Die IG ein Hort trotziger Verhinderer?

Füllemann: Nein, man ist jetzt blauäugig Technokraten gefolgt. Wir müssen uns doch überlegen, was wir in Neuenhof wirklich haben wollen. Beispiel Hochhäuser: Beispiele aus benachbarten Gemeinden zeigen doch, dass die Erfahrungen mit Hochhäusern nicht gut sind. Und eines darf man nicht vergessen: Verdichten heisst immer auch Verdrängen von Freiraum und Natur.

Capitanio: Hochhäusern stehe auch ich kritisch gegenüber. Aber mit verdichtetem Bauen will man genau dort die Natur schützen, wo sie noch der Erholung dient; ausserhalb des Siedlungsgebiets.

Füllemann: Hinter diese Philosophie setze ich schon einige Fragezeichen. Man sollte Natur nicht nur noch ausserhalb der Siedlungen konsumieren können. Eine massvolle Siedlungsergänzung ist nicht per se schlecht.

Capitanio: Ich höre wohl nicht richtig! Weiter Kulturland zu verbauen, erachte ich als absolut nicht nachhaltig. Es ist wichtig, dass wir den fruchtbaren Boden erhalten. Und noch ein Punkt ist mir wichtig: Sie bezeichnen den Garten vor dem Haus als Grünfläche. Das sehe ich – nicht zuletzt als Naturwissenschaftler – ganz anders. Der Garten gehört zur Siedlung. Wenn man wirklich Boden und Natur für zukünftige Generationen erhalten will, dann muss dies ausserhalb des Siedlungsgebietes geschehen.

Füllemann: Also in Neuenhof kann man nicht von Zersiedelung sprechen.

Capitanio: Wie bitte!?

Füllemann: Bei uns ist einfach alles konzentriert überbaut. Nehmen wir als Beispiel die Gemeinde Wettingen, die sich Gartenstadt nennt. Das ist Wettingen nur, weil es dazwischen noch viel Grün gibt.

Capitanio: Doch wem nützen diese Gärten ausser den Hausbesitzern? Hündeler, Jogger und Familien wollen Wälder und offene Wiesen. Aus diesem Grund stehe ich übrigens auch der Umzonung des Härdli kritisch gegenüber, weil ich dieses Gebiet auch als wertvollen Erholungsraum erachte.

Füllemann: Wir wollen eben genau nicht, dass jeder mit seinen Kindern in den Wald hinaus muss, sondern rund ums Haus oder zumindest im Quartier Grünflächen vorfindet.

Capitanio: Das ist genau das, was ich kritisiere. Es gibt viele Menschen, die sich, neue BNO hin oder her, nie ein Haus und schon gar keinen Garten leisten können. Sie berücksichtigen das nicht, und das zeigt auch auf, dass Ihr Argument, dass die «armen Familien» hinaus müssen, nicht zu Ende gedacht ist. Gerade für diese Familien ist es wichtig, dass Grünflächen ausserhalb erhalten bleiben.

Füllemann: Nochmals, das ist auch mit der bestehenden BNO möglich. Die neuen Plänen kommen mir vor, wie ein Experimentierbaukasten, mit dem man mal schauen kann, was alles möglich ist.

Kommen wir auf die kommende Gemeindeversammlung zu sprechen. Nach rund sechs Jahren wollen Sie Herr Füllemann, zusammen mit der IG die ganze Vorlage zurückweisen. Es gab doch genügend Gelegenheiten im ganzen Prozess, sich einzubringen?

Füllemann: Wir haben uns von Anfang an eingebracht. Ich kann Ihnen alle Eingaben zeigen, die wir getätigt haben. Doch unsere Anliegen wurden nie wirklich ernstgenommen. Die Gemeinde agiert auf dem hohen Ross. Eigentlich wollte ich mich ursprünglich gar nicht einbringen. Doch aufgrund meines beruflichen Werdegangs sah ich mich moralisch zum Handeln gezwungen.

Wieso wird die IG die gesamte Vorlage zurückweisen und nicht Einzelanträge stellen?

Füllemann: Das wäre eine falsche Taktik. Wir sind mit der Grundstrategie nicht einverstanden, deshalb muss man auf der grundsätzlichen Ebene nochmals zurückbuchstabieren. Mit Abänderungsanträgen könnten wir dies nicht bewirken. Vielmehr bestünde die Gefahr, dass wir uns mit Einzelanträgen verzetteln würden. Man muss nochmals gesamtheitlich über die Vorlage. Eine Rückweisung ist auch nichts Aussergewöhnliches; es passiert halt einfach bei so komplexen Vorhaben, dass man eine zweite Runde machen muss. Natürlich kostet das noch ein wenig Geld und Zeit. Doch am Ende zählt ein gutes Resultat.

Herr Capitanio, Sie sehen schwarz für die Gmeind?

Capitanio: Ja, bei solche komplexen Themen bin ich skeptisch, ob die Gemeindeversammlung das richtige Organ ist, es gäbe bessere Instrumente. Ich habe keine Angst vor einer Rückweisung und einem zweiten Anlauf. Aber wenn am Schluss gar nichts dabei herausschaut, haben wir a) die «Strategie Vorwärts» ausgehöhlt und b) ist man keinen Schritt weiter. Darum wäre es sinnvoller, der Vorlage grundsätzlich zuzustimmen und nur einzelne Punkte zurückzuweisen. Bei einer gesamten Rückweisung hat der Gemeinderat auch keinen Anhaltspunkt, welches nun die kritischen Punkte für die Gegner sind.

Füllemann: Das stimmt nicht, auch bei einer Rückweisung der gesamten Vorlagen findet – falls gewünscht – die Diskussion statt.

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