Wettingen
Studer zum Strip-Poker: «Ich stelle den Schulleiter nicht infrage»

Heiner Studer, der Vizeammann von Wettingen, stellt sich im Fall des Lehrers, der mit seinen Schülern Strip-Poker gespielt haben soll, hinter den Realschulleiter und glaubt nicht an einen Vertrauensbruch.

Dean Fuss
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«Die Schulpflege hat die Anliegen der Eltern sehr ernst genommen», sagt Wettingens Vizeammann Heiner Studer.Walter Schwager

«Die Schulpflege hat die Anliegen der Eltern sehr ernst genommen», sagt Wettingens Vizeammann Heiner Studer.Walter Schwager

Wettingens Vizeammann Heiner Studer erlebt derzeit turbulente Tage. Seitdem am Freitag öffentlich bekannt geworden ist, dass ein Oberstufenlehrer im Schulhaus Zehntenhof mit seinen Schülern Strip-Poker gespielt und sich ihnen gegenüber sexistisch geäussert haben soll, findet er kaum mehr eine ruhige Minute. Der Vorsteher des Ressorts Bildung und Erziehung in der Gemeinde Wettingen bezieht Stellung.

Wann haben Sie persönlich erstmals von den Vorfällen gehört?

Heiner Studer: Ich wurde am 23. Februar von der zuständigen Schulsozialarbeiterin informiert, dass der betroffene Lehrer Probleme hat. Von den Vorfällen an sich erfuhr ich erst vor kurzem durch den Schulpflegepräsidenten. Die Schulpflege wurde Anfang Februar damit konfrontiert. Davor wusste niemand von den Behörden etwas.

Dann wurde der Lehrer krankgeschrieben.

Er wurde ab dem 1. März bis zum Ende des Schuljahres im kommenden Juli ordentlich krankgeschrieben. Dies wurde aber nicht nur pro forma gemacht, um den Lehrer elegant loszuwerden. Er ist gesundheitlich nicht mehr in der Lage zu unterrichten. Untersuchung und Krankschreibung sind zwei parallele Stränge, die voneinander unabhängig sind.

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie von den Vorwürfen gegen den Lehrer erfahren haben?

Zuallererst musste ich mir erklären lassen, was ein Strip-Poker genau ist. Da stellte sich mir dann gleich die Frage, wie weit das gegangen ist. Offenbar blieben die Kinder währenddessen an den wesentlichen Körperstellen bedeckt. Bei den Gesprächen hat niemand gesagt, dass es über das hinausgegangen wäre. Dennoch: Das ist natürlich eine ganz klare Grenzüberschreitung, die nicht toleriert wird.

Was folgte danach?

Als einzelne Eltern mit Fragen an die Schulpflege herangetreten sind, führte diese mit allen Beteiligten Gespräche durch. In gewissen Fällen sogar mehrere. Die Schulpflege hat die Anliegen der Eltern sehr ernst genommen.

Was ist aktuell der konkrete Wissensstand?

Es ist davon auszugehen, dass der Strip-Poker, im zuvor genannten Rahmen, effektiv stattgefunden hat. In der Zwischenzeit hat sich der Lehrer schriftlich gemeldet. Er muss die Gelegenheit haben, seine Sicht der Dinge darzulegen. Es gilt zu klären, wo Grenzüberschreitungen stattgefunden haben. Eine allfällige Grenzüberschreitung ist nicht zwingend eine strafbare Handlung, auch wenn sie nicht toleriert werden kann. Es werden alle Vorwürfe abgeklärt.

Was ist konkret seit Februar geschehen?

Es wurde schnell eine sehr gute Stellvertretung gefunden. Parallel dazu wurden Gespräche mit den Kindern und den Eltern geführt. Dadurch, dass der Lehrer krankgeschrieben ist, konnte und kann man die Aufklärung der Vorfälle Schritt für Schritt vorwärtstreiben.

Mit welchen Eltern und in welcher Form fanden die Gespräche statt?

Es wurden Gespräche mit allen Eltern, die diesbezüglichen Bedarf bei der Schulpflege angemeldet hatten, geführt. Und zwar einzeln, nicht in Gruppen.

Sie sagten am Freitag, der Lehrer werde nie mehr in Wettingen unterrichten.

Das konnten wir nur sofort so kommunizieren, weil er krankgeschrieben ist. Aufgrund seiner gesundheitlichen Situation gehe ich auch davon aus, dass er nicht mehr an einem anderen Ort unterrichten wird. Der Schulpflegepräsident und ich wollten mit dieser Information ein klares Zeichen setzen. Arbeitgeber der Lehrerinnen und Lehrer ist übrigens alleine die Schulpflege.

Was sind mögliche Konsequenzen?

Die Schule hat Abläufe für Krisenfälle - das Notfallkonzept. Dieses wird nun überprüft. Der Schulleiter muss bei grösseren Problemen mit einer Lehrkraft die Schulpflege zwingend informieren. Diese kann dann überprüfen, ob ihr die von der Schulleitung erhobenen Massnahmen genügen. Im vorliegenden Fall hätte sich beispielsweise die Frage gestellt, ob eine vorzeitige Pensionierung nach dem Strip-Poker-Vorfall nicht sinnvoll gewesen wäre.

Wird also der betroffene Schulleiter infrage gestellt?

Der Schulleiter wird von mir nicht infrage gestellt. Allerdings ist nicht auszuschliessen, dass nach Abschluss der Untersuchungen Fakten vorliegen, die beispielsweise einen Verweis nach sich ziehen könnten. Das ist aber Sache der Schulpflege. Wir haben uns die Abläufe in diesem Fall vom Schulleiter und von der Schulsozialarbeiterin detailliert schildern lassen. Wir sind zum Schluss gekommen, dass der Schulleiter seriös gehandelt hat. Er muss sich aber vorwerfen lassen, dass er die Schulpflege nicht bereits vor einem Jahr über den Strip-Poker-Vorfall informiert hat.

Was muss getan werden, damit so etwas nicht mehr passiert?

In Wettingen gibt es ungefähr 2300 Schulkinder und entsprechend viele Lehrerinnen und Lehrer. Ich bin über 26 Jahre in diesem Amt. Vorfälle mit Grenzüberschreitungen gab es in dieser Zeit nur sehr vereinzelt. Dabei wurde immer Hilfe von kompetenten Fachpersonen in Anspruch genommen. Einzelne Vorfälle kann man leider trotz aller Bemühungen nie komplett ausschliessen.

Wie gewinnt die Schule nun das Vertrauen der Bevölkerung zurück?

Bis jetzt habe ich nicht festgestellt, dass der Schulführung das Vertrauen entzogen worden wäre. So etwas wird, egal, wo es geschieht, zur Kenntnis genommen und jedermann ist sich einig: Das darf nicht sein. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass für Eltern zentral ist, dass sie wissen, dass die Behörden bei Problemen adäquat handeln.

Die Persönlichkeit des Lehrers muss natürlich geschützt werden. Was bedeutet das aber für die anderen Oberstufenlehrer?

Wir haben bewusst keinen Namen genannt, auch nicht, welche Klasse er unterrichtet hat. Durch unsere Eingrenzung war aber für die Betroffenen klar, um welchen Lehrer es sich handelt. So weit mussten wir gehen, damit nicht andere Lehrer unter Verdacht geraten wären.

Weshalb haben Sie die Öffentlichkeit nicht von sich aus informiert?

Für die Zeit während der Abklärungen ist Öffentlichkeit nicht förderlich. Natürlich, bei entsprechenden Ergebnissen hätten wir nach Abschluss der Untersuchungen informiert. Aber zum Zeitpunkt der öffentlichen Bekanntmachung in den Medien war die Schulpflege inmitten der Abklärungen. Wohlgemerkt: Diese hätten auch sonst stattgefunden.