Der Sommer war warm und schön. War? So richtig scheint sich der Sommer noch nicht verabschiedet zu haben. Auch bald zwei Wochen nach dem offiziellen Herbstbeginn sind die Temperaturen immer noch sommerlich warm.

Über den sogenannten «Indian Summer» freuen sich insbesondere die Weinbauern. «Es ist ein gutes Jahr», sagt Dominique Wetzel vom Weingut Jürg Wetzel in Ennetbaden. Wir stehen mitten im Weinberg in Gebenstorf. Diesen Nachmittag soll hier rund eine Tonne «Malbec» gelesen werden. Die dunkelblauen Trauben hängen voll und süss unter den schattenspendenden Weinblättern, die sich an den Rändern zuweilen schon rot verfärben.

Qualität durch Handlese

Acht Helferinnen und Helfer sind mit dabei, zum Teil langjährige Mitarbeiter, aber auch Freunde und einige Kunden dürfen heute einmal hautnah miterleben, wie aus der Traube Wein wird. Die Stimmung ist gut; zwischen den Reben kommt man ins Gespräch, mal auf Deutsch, mal auf Englisch und eine Stufe tiefer füllen sich die runden Kistchen quasi von selber.

Einer Freundin und Kundin erzählt Dominique gerade, wie der warme und trockene Herbst die Aromen und Gerbstoffe der Traube ausreifen lässt. Für ihn und die Mitarbeiter ist die Weinlese der Höhepunkt des Jahres: Hier und jetzt werden buchstäblich die Früchte der Arbeit eines ganzen Jahres gelesen.

Bei den Wetzels wird jede Traube von Hand gelesen, mit den bestellten Reben sind das vier Hektar Reben jeden Herbst, die dann im eigenen Weinkeller gekeltert werden. Die Arbeit mit einem Vollernter, einer Maschine also, die die Trauben auf automatisierte Weise von den Stielen schüttelt, kommt für Dominique nicht nur aufgrund der terrassenförmigen Lage nicht in Frage: «Die Weinlese ist der letzte Zeitpunkt, an dem man nochmals richtig Einfluss nehmen kann auf die Qualität des Weins», erzählt Dominique. Faule oder unreife Trauben können so etwa noch von Hand aussortiert werden, was dieses Jahr aber praktisch nicht vorkommt.

«Wir legen Wert auf die manuelle Weinlese, auch weil es immer wieder eine schöne Arbeit und Erfahrung ist, die wir zusammen mit Familie, Freunden und Kunden teilen wollen. Sie erhalten so einen Bezug dazu, woher der Wein kommt, den sie das Jahr durch trinken», erklärt er.

Vererbte Liebe zum Wein

Einen konkreten Bezug zum Wein erhalten sie denn auch gleich am Abend nach der Lese. Ursula Wetzel, Dominiques Mutter, kocht jeweils im Anschluss für alle Helferinnen und Helfer ein Abendessen. Dazu trinkt man, wie sollte es anders sein, den Wein vom Vorjahr derjenigen Traubensorte, die man tagsüber gelesen hat.

Das Weingut Jürg Wetzel ist ein Familienbetrieb, das spürt man sofort. Dominique ist einer der drei Söhne von Jürg und Ursula Wetzel. Die Liebe zum Wein, so scheint es, haben sie ihren Kindern weitervererbt: Alle drei haben einen Beruf in der Weinbranche ergriffen, Dominique ist diplomierter Weinbautechniker, genauso Bruder Christian, der Kellermeister ist, und Stephan ist Küfer, das heisst er stellt die Weinfässer her, in denen später der Wein durchs Jahr hindurch gelagert wird.

Familientradition weiterführen

Auch Dominiques Onkel Michael und Martin sind Winzer, ihnen gehören das Weingut Goldwand und das Weingut Wetzel in Würenlos. «Die Familie Wetzel ist schon seit vielen Generationen im Weinbau tätig. Anscheinend sind die Wetzels damals vom Elsass aufgrund des Weins in die Schweiz gekommen», lacht Dominique. Erst Grossvater Bruno Wetzel hat sich dem Weinbau aber wieder hauptberuflich angenommen.

Mit Dominique und seinen Brüdern ist die lange Familientradition jedenfalls mit viel Leidenschaft in der nächsten Generation angekommen.