Baden
Suizid von Kantischülern: «Jugendliche tun das nicht aus heiterem Himmel»

In Baden haben sich zwei Jugendliche das Leben genommen. Krisen sind bei Jugendlichen normal, erklären Fachleute. Doch sie stellen fest, dass 10 Prozent unter psychischen Problem leiden und ihnen Auffangnetze in Familien, Beruf oder Schule fehlen.

Martin Rupf
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Brigitte Hiestand und Walter Minder

Brigitte Hiestand und Walter Minder

AZ

Wenn ein junger Mensch stirbt, ist das tragisch genug. Wenn er seinem Leben zudem selbst ein Ende setzt, gesellt sich zur Tragik die Frage nach dem Warum. Eine Frage, die nur in den seltensten Fällen abschliessend beantwortet werden kann.

Die Kantonsschule Baden sah sich in den vergangenen Monaten gleich mit zwei solcher Fälle konfrontiert. Gewiss, zwei traurige Einzelfälle.

Und doch stellt sich auch die Frage, wie Jugendliche mit der heutigen Gesellschaftsform und dem damit verbundenen Leistungsdruck zurechtkommen. Die az hat sich mit zwei Fachleuten zu diesem Thema unterhalten.

Grundsätzlich hätten die Jugendlichen mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie Erwachsene: In immer kürzerer Zeit muss immer mehr geleistet werden, sagt Psychologe Walter Minder.

Und doch gebe es einen grossen Unterschied: «Jugendliche müssen einen regelrechten Spagat machen. Einerseits entspricht es ihrem wahren Bedürfnis, im Moment zu leben und diesen voll und ganz zu geniessen.»

Andererseits spüren sie, dass sie etwas aus ihrem Leben machen müssen. «Und hier gibt es Unterschiede zu Jugendlichen noch vor 20, 30 Jahren», sagt Minder.

Sie beraten Jugendliche

Brigitte Hiestand ist Psychologin und leitet den Jugendpsychologischen Dienst (JPD) von Ask! - Beratungsstelle für Ausbildung und Beruf Aargau. Der JPD bietet seit mehr als 35 Jahren psychologische Beratung und Behandlung für Jugendliche in Ausbildung bei schulischen, beruflichen, persönlichen und sozialen Schwierigkeiten an. An der Kantonsschule Baden ist der Psychologe Walter Minder seit Anfang Jahr angestellt. An
einem Tag in der Woche können sich Lehrer zusammen mit verhaltensauffälligen Schülern an ihn wenden und Rat suchen. (mru)

Erstens sei die Vielfalt der Möglichkeiten heute um einiges grösser, was nicht selten zu Orientierungslosigkeit und Identifikationsfragen führen könne. «Und anders als früher, besuchten Schüler zum Beispiel einfach mal die Kanti, ohne genau zu wissen, was nachher kommt.»

Heute sei das Bewusstsein viel ausgeprägter, dass es für die weitere Karriere sehr wohl entscheidend sein kann, was und wie man etwas gerade anpackt.

Psychologin Brigitte Hiestand sagt, Studien würden zeigen, dass sich viele der 16- bis 20-Jährigen in der Schweiz bei guter Gesundheit fühlen. Dennoch leiden rund zehn Prozent vor allem unter psychischen Problemen.

«In unserer Praxis zeigt sich, dass diese Jugendlichen meist an einer Kumulation mehrerer Probleme leiden und häufig komplexe Ausgangslagen mitbringen», sagt Hiestand.

Doch was sind die Hauptursachen für psychische Erkrankungen? «Die Probleme können die unterschiedlichsten Ursachen haben», erläutert Brigitte Hiestand.

Fakt sei, dass das Jugendalter herausfordernd sei und weitreichende Entwicklungsaufgaben mit sich bringe, wie das in keiner anderen Lebensphase der Fall sei.

«Dass dabei auch mal Krisen auftreten, ist ganz normal», so Hiestand. Solange aber ein intaktes, tragfähiges Netz im familiären, beruflichen oder schulischen Umfeld vorhanden sei, könnten die Jugendlichen solche Krisen in der Regel bewältigen.

Gestresste Eltern und Lehrer

Und genau hier könnten Probleme entstehen. «Ich stelle immer wieder fest, dass diese Auffangnetze bei Jugendlichen nicht existieren», so Minder.

Im Gegenteil: Gerade Familiensituationen können für Jugendliche zu einer grossen Belastung werden. «Wenn ein Elternteil krank ist, Geschwister Probleme haben oder sich die Eltern getrennt haben, ist das für die Betroffenen sehr belastend», sagt Minder.

Weiter könne es Probleme beim zweiten wichtigen Netz – der Klasse – geben. Walter Minder nennt Fälle von Mobbing oder von Jugendlichen, die in der Schulklasse einfach keinen Anschluss finden.

Hiestand wie Minder sagen: «Der soziale Status war schon in früheren Generationen wichtig. Cool, schön, attraktiv und dabei noch erfolgreich zu sein, war und ist für Jugendliche wichtig.»

Geändert haben sich wegen der sozialen Medien aber die Art und Weise der Bestätigung. «Heute braucht es weniger, um aus dem sozialen Rahmen zu fallen», so Minder.

Doch auch hier gelte: Solange ein soziales Netz vorhanden sei, das die Jugendlichen auffängt, könnten diese auch solche Situationen meistern.

Als konkretes Problem nennt Hiestand: «Die für die Jugendlichen trotz Ablösung nach wie vor wichtigen Eltern und andere Bezugspersonen stehen selber unter enormem Zeitdruck.»

Früherkennung ist wichtig

Zurück zu den Suiziden: Diese geschehen in der Regel nicht aus heiterem Himmel, sagen die beiden Fachleute. «Umso wichtiger ist es, dass man bei den ersten Anzeichen den Fuss in die Türe kriegt», veranschaulicht Hiestand.

Will heissen, es brauche für Jugendliche niederschwellige Angebote und Beratung, wo sie sich bei Problemen schnell und unkompliziert hinwenden könnten.

Walter Minder ergänzt: «Früherkennung ist extrem wichtig.» Daher bieten er und der jugendpsychologische Dienst (JPD) Lehrern Weiterbildungskurse an.

Brigitte Hiestand: «Denn oft braucht es am Anfang – wenn psychische Probleme erstmals auftreten – sehr wenig, damit Jugendliche wieder den Rank finden.»

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