Susanne Schläpfer-Voser ist von der «Strategie vorwärts» überzeugt und entschlossen, die Gemeinde durch diesen schwierigen Prozess in eine gute – wenn auch ungewisse – Zukunft zu führen.

Vier Monate im Amt, wie fühlen Sie sich, Frau Schläpfer?

Sehr gut. Ich bin am richtigen Ort angekommen, in einem Job, der mich mit seiner Vielfältigkeit erfüllt.

Hat Ihnen Ihre politische Erfahrung geholfen?

Von den vier Jahren Gemeinderat in Wattwil und den sieben Jahren Kantonsrat Sankt Gallen habe ich viel profitiert. Ich konnte mir im neuen Amt sehr rasch die einzelnen Mosaiksteine, zu einem Ganzen zusammenfügen. Ich kann nach diesen 100 Tagen den Kanton mit seinen Prozessen einordnen, ebenso die Gemeinde.

Es fehlen aber noch Mosaiksteine.

Das ist so. Ich habe vor kurzem an einer Orientierung zum Thema demografische Entwicklung und Pflegeplätze teilgenommen – ein Thema, mit dem ich mich noch wenig befasst habe. Dafür habe ich Erfahrungen als Präsidentin einer Kindertagesstätte. Das sind Bereiche, die mich in meinem bisherigen Leben und als Mutter stärker tangiert haben, und wo ich mich auch engagiert habe.

Ihre Kinder sind aber bereits älter?

Eine Tochter ist 18, die andere 16.

Und wie erleben sie ihre Mutter als Frau Gemeindeammann?

Sie sind total stolz, das freut mich.

Und wenn Sie durch Neuenhof gehen, kennt man Sie bereits?

Das ist so. Und es ist schönes Gefühl. Wenn ich über den Schulhausplatz gehe, dann winken mir die Kinder.

Wie ist es im Gemeinderat: Hat die Kampfwahl Spuren hinterlassen?

Nein. Wir haben das sofort geklärt und ziehen am selben Strick.

Die Stimmung scheint auch innerhalb der Verwaltung im Gemeindehaus sehr gut zu sein.

Es ist ein fantastisches Team mit vielen jungen Leute; eine verschweisste Truppe, die miteinander anpackt und es auch lustig haben kann.

Haben Sie schon Rückmeldungen aus der Bevölkerung?

Ich spüre, dass von aussen her Anliegen deponiert werden. Das ist normal. Eine neue Person ist immer Hoffnungsträger für Erneuerungen.

Sie sind die erste Frau Gemeindeammann in Neuenhof. Geht es da vor allem um Frauenanliegen?

Nicht unbedingt. Es betrifft verschiedene Bereiche. wichtiger Punkt – das hängt mit der Strategie vorwärts zusammen – sind die Schulhausbauten. Familien, Eltern, Kinder, Lehrerschaft hoffen, dass mit der Realisierung ein Zeichen gesetzt wird.

Und da ist man gut unterwegs.

Ja. Wir haben den Projektierungskredit für das Gesamtpaket ja schon im 2010 eingeholt und befinden uns jetzt in der Feinabstimmung.

Was heisst das?

Es wird abklärt, wie die Prioritäten der Investitionen für Sanierungen sowie Erweiterungsbauten gesetzt werden sollen. Es ist vieles im Fluss. Der Grosse Rat hat die Tagesstrukturen abgelehnt, doch es sind bereits vier Vorstösse hängig. Also müssen wir die Räume eventuell schaffen. Das ist auch Gegenstand der Planung.

6/3 steht bei der Schule an. Meistert das Neuenhof ohne weiteres?

Keineswegs. Wir haben eine ganz junge Bevölkerung mit vielen Kindern, und es werden mehr, denn die Gemeinde steht im Wachstum. Das bedingt zusätzlichen Schulraum. Es ist aber nicht allein die Umstellung. Es sind auch die Spezialräume für Projekt- und Gruppenarbeiten, die benötigt werden. Dann fragt sich, wann die Basisstufe eingeführt wird. Alle diese Überlegungen müssen mit einbezogen werden. Was wir jetzt umsetzen, muss für die nächsten 20 Jahre den Anforderungen genügen.

Gehen wir zu den Finanzen. Toller Abschluss 2011, aber jetzt kommen die grossen Investitionen.

Es hat sehr viel mit unserer Strategie zu tun. Und da kann ich zurzeit noch nicht allzu viel sagen. Nur soviel: Ich habe ein gutes Gefühl.

Ist Neuenhof dazu bereit, einen zweistelligen Millionenkredit für die Schulhausbauten auszugeben?

Ich bin zuversichtlich. Wir haben ja keine andere Wahl, denn es handelt sich um Aufgaben, die wir erfüllen müssen, nicht um Luxuswünsche.

Neuenhof hat das grösste Wachstum im Bezirk verzeichnet. Sind auch kräftige Steuerzahler dabei?

«Im Quer» ist die dritte und letzte Etappe in Planung. Bei der Sandstrasse werden 67 neue Wohnungen in diesem Jahr bezogen. Alle sind vergeben. Auch die Aufwertung der Webermühle werden wir spüren, die Überbauungen Kreuzsteinwiese und im Althof, zusammen ca. 72 Wohnungen. Es ist einiges im Tun.

Wie versteht man sich mit Aarau?

Der Kontakt findet einvernehmlich statt. Ich bin überzeugt, dass es sich der Aargau nicht leisten kann, eine Gemeinde wie Neuenhof im Stich zu lassen. Es müssen sich alle Beteiligten einfach etwas näherkommen.

Neuenhof provoziert mit dem Steuerfuss von 98%, er müsste ja auf 135% erhöht werden.

Die Strategie vorwärts beschränkt sich ja nicht allein auf den Steuerfuss. Dazu gehören der Landverkauf «im Quer», neue Bau- und Nutzungsordnung, Standortmarketing und die Investitionen in die Schulhäuser.

Es gibt auch kritische Stimmen.

Solche Stimmen höre ich oft. Doch man muss in die Zukunft blicken, und das stimmt mich optimistisch. Wir prüfen derzeit, woher die Neuzuzüger kommen, wie sich die Zuzüge finanziell auswirken. Wir bleiben auch offen gegenüber den Bestrebungen, die in der Region stattfinden.

Zu den lukrativen Steuerzahlern würden potente Firmen gehören.

Unser Standortmarketing beschäftigt sich damit intensiv. Wir haben trotz optimaler Lage als Firmenstandort ein Defizit. Würde man uns unter «Baden Ost» wahrnehmen, sähe das ganz anders aus.

Aber das Limmattal boomt.

Das spüren wir primär im Wohnbereich. Es gehen viele Anfragen von Investoren ein. Es wird einiges abgerissen und neu gebaut. Es passiert etwas. Mit der Revision der Bau- und Nutzungsordnung ist ein Prozess in Gang gekommen. Dazu müssen wir die Eigentümer und die Bevölkerung nun weiterhin gewinnen.

Die Zeit ist ein wichtiger Faktor. Und diese braucht eine neue BNO.

Nur schon das Anstossen löste diesen Prozess aus. Nehmen wir das verdichtete Bauen: Wo Freiräume bestehen, kann bereits jetzt etwas stattfinden. Man soll sehen, dass sich Neuenhof in Richtung Zukunft bewegt.

Haben Sie auch Negatives als Frau Gemeindeammann erlebt. Ich denke an Einschreiten bei häuslicher Gewalt und Ähnliches?

Damit bin ich nach anderthalb Jahren Geschäftsführung der Frauenzentrale vertraut. Als Anlaufstelle muss man sich auch mit diesen Dingen auseinandersetzen. Ich spüre die Vorteile, die ich mitbringe. Ich habe Erfahrungen in diesem Thema und ich bin eine Frau, da läuft die Kommunikation oft anders.

Auf der emotionalen Ebene haben Frauen Vorteile.

Das ist so. Man kann sich besser finden. Doch Achtung, auch ich kann Haare auf meinen Zähnen zeigen.

Kommen Sie mit solchen Begebenheiten gut klar?

Das gehört zum Beruf. Ich liebe die Bevölkerung und möchte den besten Beitrag leisten. Neuenhof ist interkulturell. In der Schule spürt man das ebenso sehr. Doch diese Vielfältigkeit hat ihre positive Seite.

Was könnte man für das bessere Kulturverständnis tun?

Zum Beispiel ein Fest organisieren, an dem die Kulturen an einem Stand Einblick in ihre Gepflogenheiten geben können oder das Kreisturnfest am 21.-24. Juni 2012.

Was sind Ihre schönen Erlebnisse?

Wenn ich im Altersheim zu einem hohen Geburtstag gratuliere und dann Geschichten von früher zu hören bekomme, die mich an meine Neuenhofer Kindheit erinnern. Dann auch die warmen Hände, die Freude, die ich dort zu spüren bekomme, das rührt mich.

Neuenhof ist ja die von Baden verschmähte Braut. Hat die Umfrage in Ennetbaden (Mehrheit für eine Fusion) etwas in Gang gebracht?

Ich habe das Gefühl, dass der regionale Gedanken in Bewegung gekommen ist. Vermehrte Solidarität wird spürbar, die Erkenntnis, dass man in einer gewachsenen Region nicht alleine weiter wursteln sollte. Die Strategie vorwärts entspricht diesen regionalen Erkenntnissen.

Die Fusion wird wieder ein Thema?

Ja. Für einen gemeinsamen Weg in die Zukunft, auch im Bezug auf den Finanzausgleich. Da zahlt die Region Baden 10 Mio., in einen Topf, der irgendwo im Kanton ausgeschüttet wird. Anstatt Neuenhof auch davon partizipieren zu lassen. Wir sind bereit, unseren Beitrag für die Region zu leisten, wir rechnen damit, dass man uns dabei unterstützen wird.