Baden
Swingender Abschied nach 50 Jahren Jazz in der Aula

Die letzten Konzerte von «Jazz in der Aula» endeten so, wie sie 1964 begonnen hatten. Arild Wilderöe selbst brauchte für das Ende seines Lebenswerk nicht viele Worte.

Jürg Blunschi
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Jazz in der Aula: Drei Jubiläumskonzerte fanden in der BBB-Aula in Baden statt. Julien Gründisch

Jazz in der Aula: Drei Jubiläumskonzerte fanden in der BBB-Aula in Baden statt. Julien Gründisch

Der Gedanke ist hart: Jazz in der Aula soll es nicht mehr geben. So sehr sind diese Konzerte, das Lebenswerk Arild Wideröes, in Baden zur lebendigen Geschichte geworden, dass man sich ihr Fehlen schwer vorstellen kann. Zu den drei Jubiläums-Konzerten am Wochenende traf man sich nochmals in der BBB-Aula Baden.

Stadträtin Daniela Berger würdigte die Arbeit von Arild Wideröe, der Baden in den Kreis der weltbekannten «Jazz-Orte» gehoben habe. Sie unterstrich die Bedeutung dieser Konzertreihe für das Badener Kulturleben und dankte Arild Wideröe mit einem grossen Blumenstrauss.

Einem privaten Kreis entsprang die recht persönliche Ehrung durch Alt Stadtammann Josef Bürge. Bürge kam gar auf die Jugendzeit Arild Wideröes zu sprechen, auf den Weg bis zum ersten Konzert. Bürge überreichte Arild Wideröe zum Dank einen Druckstock aus dem Jahre 1492 – dem Jahr, als Columbus die spätere Wiege des Jazz entdeckte.

Arild Wideröe selbst brauchte wenig Worte. Er habe das alles gerne gemacht, doch die Zeit sei reif, um aufzuhören. Er dankte seinen Helfern und natürlich dem treuen Publikum, das ihm seit 1964 gefolgt sei.

Verblüffend arrangiert

Die französische «Anachronic Jazz Band» eröffnete den Konzertreigen mit Musik im Stile der Zwanzigerjahre, als sich der junge Jazz zum Kleinorchester entwickelt hatte. Als ihre Spezialität interpretieren die «Anachronisten» Kompositionen des modernen Jazz im alten Gewand. Mit dem Sänger Daniel Huck führte ein witziger, quirliger Moderator durch den Abend, und mit dem schwedischen Blockflötenspieler Göran Eriksson war ein instrumentaler Exot zugegen. In der Tat waren die modernen Titel im Hot-Jazz-Stil verblüffend und perfekt arrangiert, und die Stilsicherheit der Musiker garantierte glänzende Soli.

Eine kühlere Art von Jazz, ein swingendes, energiereiches, modernes Set, bot beim ersten Sonntagskonzert die Jan Lungren-Harry Allen Group. Zu der skandinavisch-amerikanischen Gruppe zählten Harry Allen (Tenorsaxofon), Jan Lundgren (Piano), Jacob Fischer (Gitarre), Hans Backenroth (Bass) und Kristian Leth (Schlagzeug). Das Konzert war auch als Hommage an den Saxofonisten Stan Getz gedacht. Harry Allen zeigte hier seine klangliche Breite, die von der Getz-inspirierten Schlankheit bis zum röhrenden Texas-Stil reichte. Pianist Jan Lundgren ist ein subtiler Melodiker; ihm und Bassist Backenroth sind die intimsten Momente der drei Anlässe zu verdanken, in einem melancholisch und düster verspielten Duett über schwedischen Volksliedern. Bei zwei Titeln wirkte die englische Tenorsaxofonistin Karen Sharp mit, die sich mit Harry Allen eine begeisternde Tenor-Battle lieferte.

Inspirationsquelle für das Sonntagabend-Konzert war der 200. Geburtstag des Saxofon-Erfinders Adolphe Sax. Das französischen Septett «Claude Tissendier & Saxomania», aus vier Saxofonisten und einer Rhythmusgruppe bestehend, bot eine perfekte, geschliffene Saxofonshow: Sozusagen die «Greatest Hits der Jazzgeschichte» rollten Schlag auf Schlag über die Aula-Bühne, vorne ein Solist, dahinter peitschende Begleitfiguren und das präzise Piano/Bass/Schlagzeug-Trio. Die Gastsolisten George Robert (Altsaxofon), Harry Allen und Karen Sharp (jetzt am Baritoninstrument) ergänzten das Septett und werteten es mit feinen und dekorativen Soli auf. So gingen 50 Jahre «Jazz in der Aula» zu Ende, wie sie begonnen hatten: mit einer heissen «Swing Session».

Rückblick: 206 Konzerte fanden seit November 1964 statt

In der Spanne vom November 1964 bis November 2014 veranstaltete Arild Wideröe 206 Konzerte.
Die legendärste Phase dauerte von 1964 bis 1975 und umfasste 114 Konzerte, von denen 73 in der Aula der Kantonsschule Baden stattfanden. Für 23 Konzerte mit kleineren Besetzungen zügelte man ins Kornhaus-Theater, und auch das Kurtheater kam schon zum Zug.
Nach dem Ausstieg eines grossen Sponsors zog sich Arild Wideröe vom Konzertbetrieb zurück. Eher zufällig lebten ab 1979 die Konzerte in Wideröes damaligem Wohnort Villigen wieder auf, bis 1987 fanden in der dortigen Kirche 13 Anlässe im kleineren Rahmen statt.
Um wieder grössere Orchester präsentieren zu können, gastierte «Jazz in der Aula» von 1986 bis 2000 mit 26 Konzerten im Kurtheater Baden. Auch die kleineren Besetzungen kamen zurück in Stadtnähe: Für 36 stimmungsvolle Konzerte wurde zwischen 1988 und 2001 die Dättwiler Höchi-Aula gemietet.
Nach einer mehrjährigen Pause folgten ab 2008 weitere 15 Konzerte in der Aula der Berufsfachschule Baden, am 23. November 2014 das letzte. Originalton Wideröe: «Ab 24. November 2014 bin ich pensioniert».
Mit 55 Konzerten war der Genfer Pianist Henri Chaix, als Solist oder als Begleiter, der meistbeschäftigte «Jazz in der Aula»-Musiker.
Dreizehn Mal gastierte der amerikanische Trompeter Clark Terry in Baden und Villigen, elf Mal sein Landsmann, der Pianist Ralph Sutton, neunmal der dänische Tenorsaxofonist Jesper Thilo.
Ältester Musiker war der Trompeter Doc Cheatham gewesen (1992, Höchi) mit 87 Jahren. Der Ragtime-Pianist Eubie Blake war bei seinem Auftritt 1973 in der Kanti mit 86 Jahren nur wenig jünger.