Asyl
Syrische Flüchtlinge wehrten sich gegen neue Unterkunft in Remetschwil

Eine vierköpfige syrische Familie sollte in Remetschwil eine neue Unterkunft beziehen. Doch die Mutter weinte und legte sich auf den Boden, dann flüchtete sie ins Auto, das sie hergebracht hatte. Ein Ausnahmefall, heisst es beim Kanton.

Erna Jonsdottir
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In diesem Häuschen wohnt die syrische Familie jetzt.

In diesem Häuschen wohnt die syrische Familie jetzt.

Alex Spichale

Ein solches Drama hat Ivanka Studer erst zum zweiten Mal in ihrer 20-jährigen Karriere als Betreuerin von Asylsuchenden erlebt: Kürzlich wollte sie eine vierköpfige syrische Familie «lieb» in ihrem neuen Heim in Remetschwil empfangen. «Ich hatte alles schön vorbereitet», sagt sie.

Doch daraus wurde nichts: Die Mutter der beiden kleinen Kinder fing an zu weinen, legte sich auf den Boden und klammerte sich an Studers Bein fest. Ihr Ehemann stand daneben und schwieg.

Sofa musste entfernt werden

Die Szene muss sich derart laut abgespielt haben, dass Fussgänger sogar anboten, die Polizei zu rufen. Dazu kam es aber nicht.

Was dann geschah: Die Frau flüchtete ins Auto des Fahrers, der die Flüchtlingsfamilie von der Asylunterkunft in Suhr nach Remetschwil gebracht hatte. Mit telefonischer Übersetzungshilfe der Schwester dieser Frau versuchte Studer, die Situation zu beruhigen.

Dies gelang ihr aber nicht, worauf der Fahrer die Familie wieder wegbrachte. «Wir konnten sie nicht einfach aus dem Auto zerren und sie dazu zwingen, hier zu bleiben», sagt Ivanka Studer.

Drei Tage später war die Familie wieder zurück. Gemeindeschreiber Roland Mürset vermutet, dass sie in der Zeit bei Verwandten gewohnt hat. «Für die Zuteilung der Asylfamilie ist der Kanton zuständig», sagt Mürset.

Die Situation habe sich jedenfalls in der Zwischenzeit beruhigt. Laut Mürset lebt die Familie jetzt im 15-jährigen Häuschen, das rund 150 Meter vom Dorfzentrum entfernt ist und über zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer mit Küche sowie ein Bad verfügt.

Studer, die der Familie vor zwei Tagen einen Besuch abgestattet hat, erklärt: «Die Familie hat sich eingerichtet und beruhigt.» Einige Änderungen mussten trotzdem im Haus vorgenommen werden: Wie der «Reussbote» berichtete, wollte die Flüchtlingsfamilie beispielsweise das Sofa nicht, weil sie am Boden sitzen und essen mag.

Mürset bestätigt: «Ja, es war ihr Wunsch auf dem Boden leben zu können. Deshalb wurden die Möbel zwischengelagert.» Das Haus habe zwar einen guten Standard, aber solche Lebensweisen müsse man akzeptieren.

Stephan Müller, Leiter Fachbereich Fürsorge und Unterbringung beim Departement Gesundheit und Soziales, sagt: «Widerstände dieses Ausmasses gibt es nur in Ausnahmefällen. Wir platzieren jede Woche viele Familien und Einzelpersonen. In der Regel verlaufen diese Umzüge friedlich.»

Doch keine Regel ohne Ausnahme: «Wir stellen fest, dass sich vor allem Menschen, die in ein abgelegenes Dorf ziehen müssen, wehren.»

Das komme aber, wie gesagt, selten vor. Das trifft wohl in diesem Fall zu. Denn für Studer ist klar: «Der Widerstand der Frau lag nicht an der Unterkunft. Für sie war der Umzug nach Remetschwil schwierig, weil ihre Schwester in Lenzburg lebt.»

Dieser Fall habe zwar viel Geduld gekostet: Ich bin aber davon überzeugt, dass es jetzt gut kommt», sagt Studer.