Dättwil

Tausendsassa: Dieser Mann ist ein Bühnentier, Herzblutfasnächtler und Coach in Lebenskrisen

Wenn Jean-Pierre Stilli aus Dättwil nicht gerade Fasnacht macht, übt er für die neue Tournee der Badener Maske oder zersägt eine seine zwei Töchter für den nächsten Auftritt als Magier.

An der Türe zu Jean-Pierre und Karin Stillis Wohnhaus in Dättwil steht nicht der Familienname des Paares, sondern «Al Perry and Carol». «Das ist der Name, unter dem ich als Zauberer offiziell eingetragen bin», klärt der Hausherr die leicht verwirrte Besucherin auf. Auf dem Boden im Wohnzimmer liegt das voluminöse Kostüm ausgebreitet, in dem der 1,90-Meter-Mann dieses Jahr zum ersten Mal als Akkordeonist die Basler Schnitzelbank-Legende «Frau Länzli» begleiten wird.

«Sie ist eine Waschfrau und ich bin ihr ‹Wöschhuufe›», erzählt Stilli munter weiter und verrät: «Ich sehe unter dem Kostüm praktisch nichts und muss die Tasten meines Instrumentes blind bedienen.» Der gebürtige Badener ist ein absoluter Herzblut-Fasnächtler und sagt von sich selber: «Ich bin eine Wildsau».

Chamäleon wäre wohl die passendere Beschreibung für ihn. In andere Rollen zu schlüpfen, macht ihn einfach glücklich. Mit seiner Frau Karin machte er früher in der Schränzer-Clique Baden mit, die sich 2013 mangels Nachwuchs auflöste. 2000 gründete das Paar die Schnitzelbankgruppe Ultimo Girò (zu Deutsch: letzte Runde). Zu ihrem 20-Jahr-Jubiläum tritt das lustige Trüppchen (zu dem neben den Stillis noch Sonia Abt, Lucia Dorsaz sowie Hanspeter Sailer gehören) als die legendäre US-amerikanische Girlgroup Andrew Sisters auf.

Heute startet die erste Schnitzelbanktour

Wie immer darf das Publikum eine aufwendige kleine Cabaret-Show erwarten. Damit stechen Ultimo Girò von den klassischen Schnitzelbankgruppen seit jeher heraus. «Natürlich tragen wir stilechte Kostüme aus den 40er-Jahren und singen alle bekannten Andrew-Sisters-Songs. Wir haben dazu schweizerdeutsche Texte mit Bezug zum aktuellen Geschehen kreiert.» Der Abgang von Franziska Roth, der Sieg der Grünen und Greta Thunberg würden zum Thema kommen. «Es wird schräg», meint Jean-Pierre Stilli und reibt sich mit spitzbübischem Lächeln die Hände.

Heute startet die erste Schnitzelbanktour durch Baden. Man spürt, dass er es kaum erwarten kann, endlich loszulegen. Doch das ist nicht die einzige fasnächtliche Funktion des umtriebigen Ehepaars. Während er seit rund 20 Jahren regelmässig den Badener Umzug vom Schlossbergplatz aus moderiert, verteilt sie die Ehrenplaketten an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Kaum sind die tollen Tage im Aargau und in Basel vorbei, muss sich Fasnachtsmarathonläufer Stilli auf die neue Vorstellung der Badener Maske vorbereiten. Dort spielt er je nach Bedarf Klarinette, Akkordeon oder Saxofon. «Im August geht es dann wieder auf Tournee mit dem Thespiskarren», freut er sich. Frage an Frau Karin: Ist ihr Mann überhaupt je zu Hause? «Oh ja, und sogar sehr gerne. Aber alleine sein kann er nicht gut. Er muss immer Leute um sich haben.»

Wenn es um den Beruf geht, wird er ernst

Jean-Pierre Stilli spricht gerne und viel über seine Engagements. Wenn es um seinen Beruf geht, wird der Ton in seiner Stimme allerdings ernst. Als Coach versucht er seit vielen Jahren – vorwiegend im Auftrag des Kantons Aargau – Menschen in schweren Lebenskrisen wieder ins Sozial- und Berufsleben zu integrieren. «Vor einiger Zeit gelang es mir, eine Frau, die nahezu verwahrlost war, in die Selbstständigkeit zu führen. Heute führt ein selbstbestimmtes Leben», erzählt er und es ist an seiner Stimme zu spüren, wie berührt er davon ist.

Sein Traumberuf sei allerdings schon als Jugendlicher Schauspieler gewesen, verrät er und lächelt wieder. Dann kommt die Zauberei zur Sprache. Als Magier Al Perry hat er es mittlerweile zu Grossillusionen gebracht und lässt auf der Bühne seine Töchter schweben oder zersägt sie sauber in drei Teile. Geübt wird zu Hause in Dättwil. Dem nicht genug, tritt er auch noch in einer Comedy-Rolle als kauziger Hauswart Hans Senn auf und macht Musik in einer Dixie-Crash-Band Heugümpers und Velogümpers.

Die Begeisterungsfähigkeit, mit der er über all seine Projekte erzählt, ist ansteckend und er sprüht nur so vor Energie. Jean-Pierre Stilli taucht jeweils mit Haut und Haar in die verschiedenen Rollen ein, die er spielt. «Für mich gehört das ganz einfach dazu, um ein glückliches und kreatives Leben zu führen», bekundet er und strahlt.

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