Baden
Texte – so bildhaft wie ein Film, untermalt von Farben und viel Musik

Ein Spontanauftritt von Musiker Martin Schumacher und Autor Michael Fehr im ThiK. «Verkuppelt» hiess das Programm, das vom Mut zum Risiko geprägt war. So entstand ein buntes und musikalieschs Abendprogramm.

Ursula Burgherr
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Texte – so bildhaft wie ein Film
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Michael Fehr rezitiert seine Texte nicht nur - er performt sie
Michael Fehr erinnerte mit seiner rauen Stimme etwas an Tom Waits
Martin Schumacher ging mit spontanen musikalischen Einlagen auf die Texte von Michael Fehr ein
Martin Schumacher entwirft Stimmungsbilder mit Musik

Texte – so bildhaft wie ein Film

Ursula Burgherr

Was geschieht, wenn ein Autor und ein Instrumentalist, die sich nicht kennen, gemeinsam vor Publikum auftreten, um aus Wort und Musik eine spontane Performance zu kreieren?

Der Zürcher Martin Schumacher und der Berner Michael Fehr wagten dieses Experiment. Beide trafen sich morgens um 11 in Baden und traten am Abend als Duo ad hoc auf der Bühne des ThiK auf. «Verkuppelt» hiess das Programm, das vom Mut zum Risiko geprägt war.

Fehrs Art, Texte vorzutragen, ist einzigartig. Der 33-jährige Buchautor hat eine juvenile Makula-Degeneration, verfügt nur noch über 5 Prozent Sehfähigkeit, die in lediglich Schemen und Farben erkennen lässt.

Deshalb liest er seine Texte nicht, sondern kann sie Zeile für Zeile auswendig oder lässt sie sich über Kopfhörer einspielen und spricht sie nach. Der Blick bleibt dabei geschlossen oder ist ins Weite gerichtet.

Jedes Wort, jeder Satz hat seine eigene Rhythmik, manchmal verfällt er in einen heiseren, rauen Gesang, der etwas an Tom Waits erinnert. Durch die ungewöhnliche phonetische Umsetzung seiner Inhalte schafft Fehr Spannung und geradezu magische Klangräume.

Schumacher versucht mit Bass-Saxofon-, Klarinetten- und Mundgeigen-Improvisationen die Atmosphäre zu verdichten, was im teilweise gut gelingt. Der vielseitige Künstler komponiert für Theater, Tanz, Film und Zirkus und hat eine grosse Gabe, Stimmungen und Gefühlslagen durch Musik zu evozieren.

Düstere Texte vom Scheitern

Doch der Mittelpunkt an diesem Abend bleibt Fehr, dessen teilweise düstere Texte vom Scheitern und menschlichem Grössenwahn («Babel»), Einsamkeit und Hoffnung («Nichts und Niemand») oder dem roten gehörnten Teufel, der aus der Hölle kommt, um sich die Kinder zu holen («Der Teufel und das Grauen») so bildhaft herüberkommen, dass die Szenen vor dem inneren Auge des Zuhörers wie ein Film ablaufen.

Grob, archaisch und doch poetisch, bizarr und oft von einem abgründigen schwarzen Humor geprägt sind seine Geschichten. Er erzählt bzw. singt in allen Details, wie man ein Rebhuhn schlachtet, ihm den Hals lang zieht, die Augen raussticht und das Häutmesser vom Schnabel bis zum Bürzel zieht.

Dazu spielt Schumacher aus dem Stegreif flotten Jazz. Das Publikum lacht. Farben spielen eine wichtige Rolle in Fehrs Schilderungen. Braune Häuser, gelbe Felder, grauer Rauch, roter Staub: die Sichtweise des Schriftstellers auf die Welt ist bunt, trotz seines schlechten Sehvermögens.

«Ich empfinde Wörter oder Klänge oft als Farben», erklärt er und meint auf seine Fantasie und Inspirationsquellen angefragt: «Ich bin im Innern sehr weitläufig.» Die Tiefenschärfe liegt bei ihm nicht in der Optik, sondern in seinem Geist.