Theater im Kornhaus
Trotz Pensionierung: Markus Lerch bleibt Kulturmensch durch und durch – «ich kann nicht anders»

Das Theater im Kornhaus verliert einen Leiter: Markus Lerch geht per Ende Juni in Pension. Er blickt auf seine Zeit in der Badener Kultur zurück.

Sharleen Wüest
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Markus Lerch: «Eine gesunde Portion Respekt gehört dazu.»

Markus Lerch: «Eine gesunde Portion Respekt gehört dazu.»

Yasser John

Die Stimmung vor dem Theater im Kornhaus ist ruhig. Die Limmat plätschert, die Blachen wehen leicht im Wind. Theaterleiter Markus Lerch sitzt, die Hände in einander geflochten, im Hinterhof. Das Badener Theater ist in den vergangenen Jahren zu seinem zweiten Zuhause geworden. Schwer zu glauben, dass der 69-Jährige einst ein Zürcher mit angeborener Skepsis gegenüber dem Aargau war.

Lerch hat es vor zwölf Jahren das erste Mal nach Baden verschlagen. Er übernahm die Produktionsleitung am Figura Theaterfestival. In den vergangenen sechs Jahren hat Markus Lerch das Theater im Kornhaus zusammen mit seiner Co-Leiterin Nadine Tobler geprägt. Jetzt steht seine Pensionierung an. Er blickt, emotional, auf die letzten Jahre zurück und voller Freude in die Zukunft.

Theater soll die Gemüter erhitzen

Übernommen haben die beiden das Badener Theater im Sommer 2015 von Anita Rösch und Simon Egli. Die Vorgänger haben das Theater ein Vierteljahrhundert lang geleitet. Ob Lerch bei der Übernahme damals Respekt davor hatte? «Ja», sagt er und lacht. Er ergänzt:

«Eine gesunde Portion Respekt gehört dazu. Man darf die Vergangenheit einer Institution nicht einfach vergessen.»

Das scheint funktioniert zu haben. Auch heute, sechs Jahre später, sitzen die beiden Vorgänger häufig im Publikum.

Lerch scheint zurückhaltend, kümmert sich nicht um grosse Zahlen. «Wir hatten bei der Übernahme nebst wenigen programmatischen Zielen vor allem den Wunsch, möglichst viele Leute für etwas zu begeistern, das uns gefällt», sagt er. Lerch hat sich einen lebendigen Ort der Begegnung gewünscht. Er wollte ein berührtes Publikum sehen. Theater könne und solle die Gemüter erhitzen.

Das ThiK hat ihm ein Publikum geschenkt

Passanten bleiben kurz stehen, begrüssen den in Baden mittlerweile bekannten Mann. Lerch hält inne, überlegt. «Das ThiK hat mir sehr viel gegeben. Vor allem die Begegnungen werden mir bleiben», sagt er. Denn das Foyer wird vor und nach Theateraufführungen zur Begegnungszone. Das Glas Wein gemischt mit einem Reichtum an Meinungen und Haltungen gehöre genauso zum Theater.

Geschenkt hat das ThiK dem Theaterleiter aber vor allem ein Publikum. Eine Gemeinschaft, die ihn durch unzählige Produktionen begleitet hat. «Ich glaube es gibt keinen anderen Beruf, in dem man so schnell einen emotionalen Lohn erhält», sagt er und ergänzt mit einem Lächeln:

«Und ich konnte gratis Theateraufführungen sehen. Das ist doch genial.»

Im Publikum sitzend konnte Lerch die Reaktionen der Zuschauer hautnah miterleben.

Die beiden Co-Leitenden Markus Lerch und Nadine Tobler.

Die beiden Co-Leitenden Markus Lerch und Nadine Tobler.

zvg

Badener Kulturmanagerin tritt seine Nachfolge an

Ein Fahrradfahrer hält an. Dieses Mal springt Lerch auf. Zwei Frauen und ein Mann stossen dazu. Die Freude der fünf ist spürbar. «Hallo Deutschland», sagt Lerch mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Die Vier sind Gastspieler aus Dresden. Dabei handelt es sich um das Projekt import/export. Das ThiK sowie das Deutsche Societaetstheater kuratieren pro Spielzeit zwei bis vier Theaterproduktionen, welche an beiden Orten zur Aufführung kommen. Bereits in wenigen Wochen ist das ThiK an der Reihe. Markus Lerch wird nach Deutschland reisen.

Doch für den Moment ist er noch in Baden, erledigt seine Aufgaben. Einen letzten Newsletter hat er verschickt – ein komisches Gefühl. Lerch setzt sich wieder auf den Holzstuhl, die Hände in einander geflochten. Die Besucher unterhalten sich im Hintergrund. Lerchs Blick schweift ab und bleibt am Gebäude hängen. «Man fängt an, Dinge anders zu schätzen, sobald man loslassen muss», sagt er. Die letzten Tage seien eine emotionale Achterbahnfahrt gewesen: «Im ThiK darf ich meine Emotionen auch offen zeigen», sagt Lerch. Die gute Nachfolge mache den Rücktritt einfacher. Die Badener Kulturmanagerin Rahel Meyer tritt seine Nachfolge ab dem 1. Juli an. Nadine Tobler bleibt als künstlerische Leiterin in der Theaterleitung.

Gänzlich loslassen möchte Lerch noch nicht. Er wird weiterhin das Nachwuchsprojekt leiten. Für weitere Projekte bleibt er offen. Auch die Idee, wieder auf der Bühne aufzutreten, schlägt er nicht aus. Lerch ist Kulturmensch durch und durch, das bleibt auch so: «Ich kann gar nicht anders», sagt er. Dann widmet er sich seinen Gästen aus Dresden, sie haben schliesslich lange genug gewartet. Die Gruppe unterhält sich und verschwindet ins Innere des Theaters. Alles scheint an seinem Platz zu sein. Von einem emotionalen Abschied – noch – keine Spur.

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