Interview

Thierry Burkart: «Badener Stadtrat soll zurück- und wieder antreten»

Thierry Burkart ganz privat in seiner Wohnung in Baden: «Heute stellt sich die Frage einer Kandidatur als Stadtammann für mich nicht.»

Thierry Burkart ganz privat in seiner Wohnung in Baden: «Heute stellt sich die Frage einer Kandidatur als Stadtammann für mich nicht.»

Thierry Burkart kandidiert nächstes Jahr für den Nationalrat. Ob er auch bei der Stadtammann-Wahl 2017 in Baden antritt, lässt der gut vernetzte FDP-Politiker und TCS-Aargau-Präsident heute noch offen.

Schon heute ist Thierry Burkart regelmässig in Bern: als Vizepräsident des TCS Schweiz lobbyiert der Freisinnige auch bei Bundespolitikern. Das Interview findet aber nicht in der Wandelhalle des Bundeshauses, sondern im Café Himmel in Burkarts Heimatstadt Baden statt. Ob die politische Karriere des 39-Jährigen hier oder in Bern weitergeht, entscheidet sich bei den Nationalratswahlen im nächsten Jahr.

Herr Burkart, lassen Sie die Katze aus dem Sack: Treten Sie für die Nationalratswahlen an oder nicht?

Thierry Burkart: Mein Wahlkampfteam und ich haben vor wenigen Tagen entschieden: Ich trete an.

Warum dauerte das so lange? Alle erwarteten doch Ihre Kandidatur.

Ich habe mir das intensiv überlegt, sind der Wahlkampf und ein Nationalratsmandat doch mit grossem Einsatz und viel Aufwand verbunden.

Sie sind seit acht Jahren erster Ersatz – da muss man doch antreten.

Dann muss man es sich eben erst recht gut überlegen. Denn sollte ich gewählt werden, muss ich es mir beruflich auch einrichten können. Doch zu meinen, eine Wahl sei sicher, wäre vermessen. Sicher ist in der Politik nie etwas, bei Wahlen schon gar nicht. Zudem ist der finanzielle Aufwand nicht zu unterschätzen. Und ich muss bereit sein, zu akzeptieren, wenn es trotz aller Anstrengung nicht gelingt.

Sie werden wohl nur gewählt, falls Philipp Müller Ständerat und so ein FDP-Nationalratssitz frei wird.

Das entscheiden die Wählerinnen und Wähler. Ich persönlich bin überzeugt, dass Philipp Müller Ständerat wird. Ich werde ihn dabei nach Kräften unterstützen. Und ja, wenn er Ständerat wird, steigen auch meine Chancen für den Nationalrat.

Andernfalls bleiben Sie vier weitere Jahre erster Ersatz. Oder haben Sie Zusagen von Müller oder Corina Eichenberger, dass diese vorzeitig aufhören und Sie nachrutschen lassen?

Zwölf Jahre erster Ersatz zu sein, strebe ich natürlich nicht an. Ein Versprechen, jemanden nachrutschen zu lassen, gibt niemand ab. Wer antritt, will gewählt werden und vier Jahre in Bern politisieren.

Stellt Ihnen also niemand so etwas in Aussicht?

Nein, aber das müssen Sie die beiden selbst fragen.

Eine andere Variante: Sie könnten Corina Eichenberger überholen.

Ich trete gegen niemanden an. Ich werde versuchen, die Leute von mir zu überzeugen. Aber wenn Philipp Müller Ständerat wird, ist diese Frage müssig.

Okay, bloss: Die FDP Aargau hatte bei den Wahlen 2011 unter zwölf Prozent Wähleranteil. Wer soll Müller wählen?

Ständeratswahlen sind Majorzwahlen, da steht die Person im Zentrum. Philipp Müller hat eine breite Akzeptanz, er war 2011 der Panaschierkönig, erhielt also von allen Politikern am meisten Stimmen aus anderen Parteien.

Die Ausgangslage für den Ständerat ist aber eine andere: In neuerer Zeit geht er auf Konfrontationskurs mit der SVP, und bei den Linken ist er immer noch der 18-Prozent-Müller.

Für den Ständerat entscheidet nicht das Parteibuch, sondern die Persönlichkeit. Genau jemanden wie Philipp Müller brauchen wir im Ständerat. Er ist hervorragend vernetzt und ausserordentlich dossierfest. Er wird es schaffen.

Dossierfest sind auch Hansjörg Knecht und Ruth Humbel.

Richtig, ich sage damit nichts gegen andere Kandidierende. Aber Müller hat die breiteste Abstützung und in Bern den grössten Einfluss. Das ist gut, muss sich ein Ständerat doch für seinen Kanton einsetzen.

Sie wurden im Vorfeld auch als möglicher Ständeratskandidat gehandelt, die FDP hätte so einen Generationenwechsel vollziehen können. Sie haben abgewinkt. Bereuen Sie dies heute?

Wir steigen mit Philipp Müller mit unserem stärksten Pferd ins Rennen. Das ist genau richtig.

Sie sind noch bis Ende Jahr Grossratspräsident, Sie hatten in diesem Jahr 220 Auftritte und hielten 80 Reden. Wie stark hilft das?

Bekanntheit allein reicht nicht. Ich habe aber den Eindruck, dass man mit meiner Arbeit als Grossratspräsident sehr zufrieden war. Ich wurde denn auch von vielen ermuntert, für den Nationalrat zu kandidieren. Das hat bei meinem Entscheid eine Rolle gespielt.

Die Bürgerlichen in Baden möchten Sie als künftigen Stadtammann – lieber früher als später. Sind Sie interessiert?

Mein Fokus liegt klar auf den Nationalratswahlen. Zudem hat Baden einen Stadtammann, diese Frage stellt sich zurzeit für mich nicht.

Spätestens 2017 wird in Baden gewählt, und vielleicht tritt Geri Müller doch noch früher zurück.

Noch einmal: Ich fälle meine Entscheidungen, wenn sich eine Frage stellt. Heute stellt sie sich nicht.

Ein Nein tönt anders.

Es wäre falsch, etwas auszuschliessen, über das es im Moment nichts zu entscheiden gibt. Ich wiederhole: mein Fokus sind die Nationalratswahlen.

Wenn Sie im nächsten Jahr Nationalrat werden, würde Sie dann auch das Stadtammannamt in Baden reizen?

In einer Stadt mit der Grösse von Baden erträgt es ein Doppelmandat nicht: entweder Nationalrat oder Stadtammann. Und ich würde gerne Nationalrat werden.

Wie kommt Baden aus der Blockade heraus?

Die aktuelle Situation ist verfahren. Am besten wäre es, wenn die gesamte Stadtregierung zurück- und wieder antreten würde. So könnten alle das Vertrauen der  Wählerinnen und Wähler messen. Wenn Geri Müller bestätigt wird, gibt es keine Diskussionen mehr. Und ebenso wenig, wenn er nicht bestätigt wird.

Das ist doch scheinheilig: Geri Müller würde nicht mehr gewählt.

Wer weiss. Es gäbe ja noch einen Wahlkampf, in dem er die Badener Bürgerinnen und Bürger allenfalls für sich gewinnen könnte.

Warum akzeptieren die Bürgerlichen die Situation nicht, wie sie ist, und leben mit Geri Müller? Schliesslich kann ihn niemand zum Rücktritt zwingen.

Das stimmt, und man sollte sich in der Tat auf die Sachgeschäfte konzentrieren. Das ist in der Praxis aber nicht so einfach, weil die Affäre politische Folgen hat: Ennetbaden etwa hat die Fusionsprüfung auf Eis gelegt, Baden hat den Vorsitz der Bezirks-Gemeindeammännervereinigung verloren. Dies und mehr ist negativ für Baden.

Blicken wir zurück auf Ihr Grossrats-Präsidialjahr: Was war das Beste?

Es fällt mir schwer, etwas speziell hervorzuheben – das ganze Jahr war fantastisch. Ich bin sehr dankbar dafür. Vor allem habe ich viele Menschen aus verschiedensten Regionen, Bevölkerungskreisen und Verbänden kennen gelernt, denen ich als normaler Grossrat nicht begegnet wäre. Ich traf Leute, die sich freiwillig engagieren und nicht fragen, was die Gemeinschaft für sie tun kann, sondern was sie für die Gemeinschaft tun können. Ein berührender Moment war letzte Woche, als der Applaus im Grossen Rat nach meiner Abschlussrede nicht enden wollte. Ich gebe das Amt mit Wehmut ab, aber mit Markus Dieth in gute Hände.

Sie hatten einen Sitzungs-Minusrekord. Gibt es zu wenige Themen oder schiebt der Aargau Knacknüsse vor sich her?

Nein, das macht er nicht. Es gab tatsächlich weniger Geschäfte und weniger Sitzungen. Einige hatten es aber in sich, etwa diejenige zur Leistungsanalyse. Zudem wurden wir etwas effizienter. Es muss auch nicht schlecht sein, wenn das Parlament nicht ständig tagt. Dann erlässt es auch nicht ständig neue Regulierungen.

Die Aargauer definieren sich vorab mit ihrer Region. Wie haben Sie das erlebt?

Das stimmt, jedoch beobachte ich seit rund 15 Jahren, dass die Aargauer Seele stärker wird. Heute fühlt man sich nicht mehr ausschliesslich als Fricktaler, Zofinger oder Freiämter, sondern auch als Aargauer.

Warum?

Wir konnten unser Selbstbewusstsein stärken. Das kann auch damit zu tun haben, dass wir Identifikationsklammern haben, zum Beispiel mit der Aargauer Zeitung und
anderen Medien. Würde man Leute aus verschiedenen Regionen fragen, in welchem Kanton sie leben möchten, würden sie sagen: Mein Kanton ist und bleibt der Aargau.

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