Vielleicht ist der gut geschnittene Anzug von Detective Inspector Charlie Lee nur ein Versuch, dem menschlichen Dreck mit Korrektheit Widerstand entgegenzusetzen. Auf dass dieser Schmutz nicht auf dem Outfit des Ordnungshüters lande, geschweige denn dieses durchdringe – bis zur Seele. Ein untauglicher Versuch, wie sich im Laufe der Aufführung von «Three Kingdoms» erweisen wird.

Der Engländer Simon Stephens legt als Köder einen aus der Themse gefischten Kopf einer toten Prostituierten aus. Dass Inspector Lee und sein Kollege, Detective Sergeant Ignatius Stone, ein vitales Interesse haben, den Fall aufzuklären, liegt auf der Hand.

Kein Gut-und-Böse-Schema

Die Spurensuche führt die beiden von London über Hamburg nach Tallinn – ins Rotlichtmilieu; zu Organisationen des internationalen Frauenhandels und der Zwangsprostitution sowie zu einem Pornoring in Estland. An diesem Punkt ist aus dem Krimi längst eine Studie über menschliche Abgründe und Verstrickungen geworden, die aber kein Gut-und-Böse-Schema kennt.

Gut und Böse haben für Stephens das gleiche Gesicht:«Wir können Jahre damit verbringen, den Bösen zu suchen, um dann festzustellen, dass wir es die ganze Zeit selber waren», sagt er. Sergeant Stone muss sich genau das eingestehen. Auch er hat Dreck am Stecken. Als Student verging er sich an einer Minderjährigen, weshalb er von der Uni rausgeschmissen wurde.

Am Ende wird Stone von seiner Vergangenheit eingeholt, worauf sich diese mit der Suche nach dem Prostituierten-Mörder verquickt. Was bleibt? Dreck. Unerträglicher Dreck.

Regisseur Stefan Rogge lässt Stephens’ verstörendes, von schierer Menschenverachtung erzählendes Stück in gemässigtem Tempo spielen. Das verschafft dem Zuschauer Zeit, der verzweigten Handlung sowie den stetig wahnwitzigeren Gedankengängen der Figuren zu folgen.

Verständlichkeit ist in diesem Stück besonders wichtig, weil es – seinen drei europäischen Handlungsorten folgend – Deutsch, Englisch und Estnisch gesprochen wird; die Übersetzung wird eingeblendet.

Die Mehrsprachigkeit könnte zur Klippe werden, an denen eine Inszenierung zerschellt. Nicht hier. Bei Rogge erscheint sie als sinnfällige Metapher für Fremdheit. Alle sind sich und einander fremd in «Three Kingdoms». Wer sich fremd fühlt, ist verunsichert.

Malte Lübben trägt dieser zwar nie sichtbaren, aber unterschwelligen, bedrohlichen Verunsicherung Rechnung in der Bühnengestaltung. Der grau-hässliche Raum ist mit wenigen Verschiebungen von Tisch, Sofa und Stühlen in ein Verhör-, Wohn- oder Hotelzimmer verwandelbar.

Somit steht auch räumlich nichts fest. Und das passt zu einem Stück, das sich vom anfänglichen Krimi immer weiter entfernt – bis sich am Schluss alle fragen: War das vielleicht doch nur ein Albtraum?

Ganz gewiss keiner war die starke Inszenierung mit starken Schauspielern, deren scharf umrissene Figuren haften bleiben werden.